Urlaub auf dem Bauernhof

Angelika Soyer: Kein Licht am Ende des Tunnels

Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 22.12.2020 - 08:41

01soyer3

Auf das wohl bewegteste Jahr in ihrem Amt als Vorsitzende der Anbietergemeinschaft „Mir Allgäuer“, blickt Angelika Soyer zurück. Die Regionalausgabe des Wochenblattes "Unser Allgäu" sprach mit ihr über das zurückliegende Jahr. Im Interview zeigte sie sich enttäuscht von der Politik. Viele Maßnahmen und Vorgaben empfindet sie als geradezu willkürlich.

Unser Allgäu: 2020, woran denken Sie zuerst?

Soyer: An die Corona-Pandemie natürlich und die Folgen für uns Vermieter. Es war ein schlimmes Jahr. Im Januar war die Welt noch in Ordnung, Corona weit weg. Man hat zwar von Corona in China gehört, dachte sich aber nichts dabei. Anfang März infizierten sich Mitarbeiter von Webasto. Erst Mitte März, als man gemerkt hat, dass das Virus sich immer dramatischer ausbreitet, gab es ein Gespräch im Landratsamt mit Hoteliers und Touristikern. Uns allen war es nicht mehr wohl. Am 18. März kam dann der erste Lockdown…

Unser Allgäu: Was hat das für Ihren Verband bedeutet?
Soyer: Bei uns in den Geschäftsstellen in München und Kempten sind die Drähte heiß gelaufen. Unsere Betriebe waren extremst verunsichert. „Müssen wir wirklich die Gäste heimschicken?“, fragten sie. Ja sie mussten. Es war für viele unserer Betriebe ein Horror, frisch angereiste Gäste wieder heimzuschicken. Und auch finanziell wurde es damals schon für den einen oder anderen Betrieb eng, vor allem wenn man vorher investiert hatte.
Unser Allgäu: Wie ging es den Gastgebern selbst damit?
Soyer: Es kam die Zeit des Wartens, der Perspektivlosigkeit. Unsere Gesellschaft ist gewohnt, alles zu planen, jetzt war plötzlich nichts mehr planbar. Das beängstigt, das zermürbt, das sind wir nicht gewohnt. Veranstaltungen, an welchen unser Verein teilnimmt wurden abgesagt, etwa Festwoche oder Agrarschau. Das Ostergeschäft war ebenso kein Thema mehr. Von März bis Mai betrug der Umsatzverlust je Hof im Schnitt monatlich 10 057 Euro, laut Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof- und Landtourismus.
Unser Allgäu: Bald gab es die ersten Lockerungen. Schaffte das Erleichterung?
Soyer: Im Gegenteil. Die Lockerungen gab es vor allem in den anderen Bundesländern. Bei uns nicht. Im Norden hat der Beherbergungstourismus am 5. Mai wieder aufgemacht. Am 18. Mai hat Baden Württemberg geöffnet. Bayern nicht. Unser Vorschlag an die Politik, zumindest abgeschlossene Selbstversorger-Einheiten wieder zu öffnen, blieb unbeachtet. „Das hat uns sehr frustriert, zumal die Infektionszahlen das zugelassen hätten. Wir konnten es einfach nicht glauben, dass wir als einziges Bundesland nicht öffnen. Das trage ich der Landespolitik heute noch nach. Das waren nochmal 14 Tage keine Umsätze.
Unser Allgäu: Sie sind ja selbst Vermieterin von neun Ferienwohnungen. Wie ging es Ihnen damit?
Soyer: Mein Haus wäre komplett ausgebucht gewesen. Die Schäden die sind immens. Wir haben Soforthilfe in Höhe von 9000 Euro bekommen. Das ist gerade einmal der Umsatz von einer Woche. Vor allem wenn man, wie wir, 2020 in einen neuen Stall investiert hat, ist das eine harte Nummer. Wir hatten gottseidank Rücklagen gebildet, weil wir auch immer einen ordentlichen Preis von unseren Gästen verlangen. Viele Betriebe tun das nicht. Sie sind auf Kante genäht. Bei mir rufen immer wieder Vermieter an, die richtig verzweifelt sind. Das tut mir unglaublich weh. Wir sind als Verband ganz eng mit der Politik verbandelt und immer hat man unsere Stimme gehört. Diesmal ist das anders.
Unser Allgäu: Was konnten der Landesverband und der Verein „Mir Allgäuer“ für seinen Mitglieder tun?
Soyer: Wir haben weitergemacht, unermüdlich. Haben Hygienekonzepte ausgearbeitet für die Betriebe, Newsletter verfasst mit Informationen über die aktuelle Situation. Wir standen immer als starker Partner an der Seite unserer Betriebe. Wir hatten sogar einen Mitgliederzuwachs in der Zeit. Als wir endlich am 30.Mai wieder aufsperren durften sind alle von Null auf Hundert hochgefahren. Wir wurden buchstäblich bombardiert von Anfragen, weil keiner ins Ausland reisen durfte. Ich habe für meinen Betrieb täglich zehn bis zwanzig Absagen geschrieben und bin fast nicht mehr aus dem Büro gekommen. Das war der Wahnsinn. Das ging allen so. Auch die schwächeren Betriebe waren wahnsinnig gebucht. Gottseidank. So haben wir wenigstens fünf Monate eine starke Saison gehabt. Es waren auch Gäste hier, die sonst nicht ins Allgäu gefahren wären, All-Inklusiv-Touristen, die sehr zufrieden wieder abgereist sind.
Unser Allgäu: Was passierte im Herbst, als die Infektionszahlen wieder stiegen?
Soyer: Ende Oktober kam die nächste Katastrophe. Wir mussten schon wieder schließen. Das bundesweit unterschiedliche Beherbergungsverbot überforderte uns alle. Wer ist grad wie in der Inzidenz, wer hat ein Belegunsverbot? Es war ein furchtbares Durcheinander. Und wieder liefen in unserer Geschäftsstelle die Drähte heiß, wir haben ununterbrochen neue Newsletter herausgelassen die darüber informierten, welches Land es gerade betrifft und was aktuell zu tun ist. Dann haben wir leider wieder komplett schließen müssen, kurz vor den Herbstferien. Die erste Novemberwoche wäre sehr gut gelaufen, es waren noch Herbstferien, auch weil wir viele Gäste, die wir März/April abweisen mussten auf den November gelegt haben. Die mussten wir zum zweiten Mal alle rausstornieren, das war bitter.
Beim „Lockdown light“ zahlten diesmal nur die Tourismsubetriebe und Gastronomie die Zeche. Für nichts! Unsere Konzepte waren stimmig. Es ist doch nicht so sicher wie ein Urlaub in einer Ferienwohnung auf dem Land. Du versorgst dich selbst und kommst kaum mit anderen Menschen in Kontakt, wenn du das nicht willst. Es ist in keinem unserer Betriebe je zu einer Infektion gekommen!
Unser Allgäu: Und wie geht es jetzt weiter?
Soyer: Ich sehe mit Sorge, wenn man die Menschen über Weihnachten wieder einsperrt. Schon im Frühjahr hat uns das Polizeipräsidium Schwaben gefragt, ob wir Ferienwohnungen zur Verfügung stellen können für Frauen mit Kindern die Gewalt in der Familie erleben. Einige Betriebe haben das gemacht. Wenn man jetzt in den Weihnachtsferien die Leute aufs Land gelassen hätte, in Selbstversorgereinheiten, wäre das meines Erachtens nur gut gewesen. Aber wir müssen erneut unsere Höfe geschlossen halten. Wenn man das Gefühl hat, es wird willkürlich entschieden, ist das bitter. Viele unserer Ferienhöfe werden als landwirtschaftlicher Betrieb mit Betriebszweig „Beherbergung“ bewirtschaftet, so dass aus steuerlicher Sicht das Gesamtunternehmen betrachtet wird. Bei den November-/Dezemberhilfen sind diese Mischbetriebe nur antragsberechtigt, wenn die Umsätze aus der Vermietung der Ferienwohnungen im Jahr 2019 mindestens 80 Prozent des Gesamtumsatzes betrugen. Auch bei den Überbrückungshilfen II und III können die erwarteten Umsatzeinbrüche von 50 bzw. 30 Prozent im Gesamtbetrieb nicht erreicht werden, da der Hauptumsatz im landwirtschaftlichen Betrieb erwirtschaftet wird.

Unser Allgäu: Welche Perspektiven haben die Vermieter?

Soyer: Jeder Monat Stillstand kostet die Ferienbetriebe in Deutschland 100 Millionen Euro Umsatz. Das sind Einnahmen, die dringend in den landwirtschaftlichen Betrieben gebraucht werden. Das sind die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft. Wir sehen im Moment kein Licht am Ende des Tunnels. Viele Vermieter resignieren. Jetzt haben wir schon wieder zwei Monate Lockdown hinter uns und es hat nichts gebracht. Bisher gab es zwar noch keinen Anbieter von Urlaub auf dem Bauernhof, der aufhören musste. Viele Mischbetriebe aber arbeiten in der Landwirtschaft kaum kostendeckend und ein Partner geht extern arbeiten. Wenn dessen Job auch unter dem jetzigen Lockdown beschnitten oder gefährdet ist und das Zubrot aus der Vermietung noch länger fehlt, sehe ich leider für viele schwarz. Uns fehlen im Jahr 2020 schon die Umsätze von fünf Monaten und es ist kein Land in Sicht. Meine Hoffnung ist , dass man nach dem 10. Januar die Unterkunftsarten in ihrer Differenziertheit betrachtet.