Regionale Erzeugung

Anbauen statt importieren

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Michael Ammich
am Donnerstag, 20.08.2020 - 10:35

Die Familie Ritter in Emershofen im Landkreis Neu-Ulm hat mit dem Anbau von Linsen eine alte schwäbische Tradition wiederbelebt.

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Früher galten sie als Arme-Leute-Speise, heute sind sie wieder gefragt: Linsen aus heimischem Anbau. Wer sich jedoch in den schwäbischen Fluren auf die Suche nach der Hülsenfrucht macht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht. In den Landkreisen Günzburg und Neu-Ulm haben sich heuer gerade einmal drei landwirtschaftliche Betriebe erstmals auf das Risiko des Linsenanbaus eingelassen. Einer von ihnen ist der Biobetrieb der Familie Ritter in Emershofen. Ihre Erfahrungen sind durchwachsen. Das liegt aber vor allem an einem Hagelschlag, der die Linsenfelder hart getroffen hat.

Marliese und Alexander Ritter haben ihren Betrieb vor vier Jahren auf ökologischen Landbau umgestellt. An der GbR sind auch ihre drei Söhne Benedikt, Johannes und Niklas beteiligt, alle ausgebildete Landwirte und überzeugte Biobauern. Die Nutzfläche des Bioland-Betriebs beläuft sich auf rund 90 ha, von denen 70 ha auf Acker- und 20 ha auf Grünland entfallen. Letzteres bildet die Futtergrundlage für 17 Gelbvieh-Mutterkühe und ihre Nachzucht. Zum Tierbestand gehören außerdem 500 Legehennen, 390 Masthähnchen, sechs Pferde und drei Schafe.

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Die Familie legt großen Wert auf eine vielfältige Fruchtfolge: 8,5 ha Kleegras, 9 ha Dinkel, 9,5 ha Körnermais, jeweils 10 ha Hafer und Ackerbohnen, 12 ha Winterweizen, 10 ha Sommergerste, 2 ha Hirse und 5 ha Linsen-Leindottergemenge. Dazu kommen noch 0,3 ha Kartoffeln und Gemüse, die ebenso wie die Eier und die selbst hergestellten Nudeln im Hofladen vermarktet werden. Vor der Umstellung wurde eine viergliedrige Fruchtfolge gefahren.

Als Alexander Ritter im vergangenen Jahr die Biofach-Messe in Nürnberg besuchte, kam er mit Lutz Mammel, dem Leiter der Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“, ins Gespräch. Der Biohof Mammel im württembergischen Lauterach baut bereits seit 1985 Linsen an. Heute erzeugen mehr als 110 Biobetriebe auf der Schwäbischen Alb Linsen, die von der EG über die „Lauteracher Alb-Feld-Früchte“ verkauft werden.

Auch der Linsenanbau muss sich rechnen

Auch die Familie Ritter hat sich mit Anbauverträgen, die nicht mengengebunden sind, angeschlossen. Ein wichtiges Ziel sei die Wirtschaftlichkeit des Linsenanbaus, der nur unter dieser Voraussetzung dauerhaft auf der Schwäbischen Alb etabliert werden könne, heißt es seitens der EG. „Die Mitglieder kämpfen mit dem Problem stark schwankender Erträge und komplizierter Anbauverfahren.“
Davon ließ sich Familie Ritter jedoch nicht abschrecken. „Ich war auf der Suche nach einer weiteren Frucht, die wir in unserem Hofladen verkaufen können“, sagt Alexander Ritter. „Außerdem wollte ich die Fruchtfolge auflockern.“ Auch seine drei Söhne seien von der Idee des Linsenanbaus sofort angetan gewesen. Nachdem Kollege Mammel angeboten hatte, der Familie bei der Beschaffung des Saatguts, der Vermarktung und bei Anbauproblemen zur Seite zu stehen, war die Sache schnell in tockenen Tüchern.
Linsen allein lassen sich jedoch auf dem Acker nur schwer kultivieren, erklärt Ritter. Sie brauchen eine Stütze, die er ihnen durch die Beimengung von Leindotter gab. Damit schlug der Biobauer zwei Fliegen mit einer Klappe, weil sich aus dem Leindotter auch Öl pressen lässt, das wiederum im Hofladen verkauft werden kann. Ganz einfach ist der Linsenanbau nicht, er fordert vom Landwirt ein gewisses Fingerspitzengefühl.

Linsen und Leindotter werden selbst gemischt

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Vor der Aussaat muss der Acker möglichst unkrautfrei sein, um die langsame Jugendentwicklung der Hülsenfrüchte nicht zu stoppen. Als Vorfrucht stand Körnermais auf den Linsenfeldern, die im Januar gepflügt wurden. Im Februar und Mitte März lief die Egge über die Äcker, bevor das selbst gemischte Linsen-Leindotter-Saatgut unter Einsatz einer Kreiselegge am 27. März ausgebracht wurde. Am Tag darauf folgte das Walzen, am 2. April wurde blindgestriegelt. Ab diesem Zeitpunkt ließ der Leindotter zwischen den Linsen keine weitere Feldarbeit mehr zu, ansonsten wäre die Kultur geschädigt worden. Auf das Düngen verzichtete Ritter, da nach der Vorfrucht Mais noch ausreichend Nährstoffe zur Verfügung standen. Das sorgfältige Arbeiten wurde belohnt. Ritter durfte sich über einen dichten Bestand mit wenig Unkraut freuen.

Trotz verhagelter Ernte Linsenanbau ausdehnen

Für das Linsen- und Leindottersaatgut bezahlte der Biobauer jeweils 3,20 €/kg, pro Hektar kamen 50 kg Linsen- und 3 kg Leindottersaatgut auf die drei Anbauschläge. Kalkuliert hat Ritter mit einem Erzeugerpreis von 200 €/dt Linsen bei einem Hektolitergewicht von mehr als 80 kg. Liegt das Hektolitergewicht darunter, wird die Dezitonne mit 180 bis 190 € vergütet. Bei einem Ertrag von 10 dt/ha wäre also mit einem Erlös von rund 2000 €/ha zu rechnen – wenn es da nicht im Juli gehagelt hätte. Jetzt lagen Ritters teils noch grüne Linsen vor der Ernte Mitte August gehäuft auf dem Boden, so dass sie unterschiedlich reiften und zudem noch schwierig zu dreschen sind. Beim Leindotter ist gar ein Ertragsverlust von 50 % zu erwarten, da der Hagel die Körner aus den zierlichen Schoten geschlagen hat.
Entmutigen lässt sich Ritter von diesem Malheur jedoch nicht. „Wir werden auch im kommenden Jahr wieder Linsen aussäen und den Anbau vielleicht sogar ausdehnen, wenn die Nachfrage gegeben ist.“ Um den Linsen eine bessere Stütze zu geben, soll in der nächsten Saison der Leindotteranteil erhöht werden. Immerhin, mit Schädlingen in den Linsen hat der Bauer nicht zu kämpfen, vor allem weil die wenigen Anbauflächen weit über das Land verstreut sind. Auch mit Blick auf den Klimawandel muss er sich nicht um seine Linsen sorgen. „Sie kommen sehr gut mit langer Trockenheit zurecht.“ Ohnehin fühlen sich Linsen auf trockenen Böden ohne Staunässe am wohlsten. Auch bei der Aussaat des Linsen-Leindotter-Gemenges sollte es nicht zu nass sein.

Fruchtfolgeregeln einhalten

Mindestens vier Jahre sollten vergehen, bevor erneut Linsen auf einem Schlag angebaut werden, empfiehlt Ritter. Optimale Folgefrucht sei Hafer, da dieser weniger Nährstoffe benötigt als beispielsweise Weizen.

Nach der Ernte mit dem Mähdrescher müssen die Linsen ohne Verzug nach Lauterach transportiert werden, wo sie in die Trocknung kommen. Das erspart den Ritters zwar das Lagern auf dem Hof, aber den Transport müssen sie selbst übernehmen. Nach der Ernte werden die Leindotterkörner in der Reinigung von den Linsen getrennt.
Weil die Hülsenfrüchte bei Emershofen und nicht auf der Schwäbischen Alb angebaut werden, lassen sie sich nicht als „Alb-Leisa“ vermarkten. Aber auch dafür hat sich eine Lösung gefunden. Die Firma Feneberg suchte Anbauer im Umkreis von 100 km, also verkauft die Lauteracher EG die Ritter-Biolinsen an das Kemptener Unternehmen.
Marliese Ritter weist auf den hohen Eiweißgehalt der Hülsenfrüchte hin. Das hätten auch Vegetarier und Veganer erkannt: „Von diesem Hype profitiert der Linsenanbau.“ Auch der Leiter des Bereichs Landwirtschaft am Amt Krumbach, Dr. Reinhard Bader, freut sich, dass die Verbraucher wieder verstärkt auf traditionelle heimische Feldfrüchte zurückgreifen. „Warum sollten wir Linsen aus der Türkei importieren, wenn sie doch ebenso in unserer Region gedeihen?“
Vor der Internationalisierung der Küche hätten Linsen als Arme-Leute-Essen gegolten. Wohl auch, weil die Hülsenfrüchte ein Grundbestandteil der asiatischen Esskultur sind, seien sie jetzt wieder bei den deutschen Verbrauchern gefragt. „Sie haben den Wert der heimischen Linse und der Linse überhaupt erkannt.“ Aber auch für die Bauern könnte die Linse noch Bedeutung erlangen, so Bader. „Im Klimawandel dürfte sie genauso interessant werden wie die Sojabohne.“

Speiseöle aus heimischem Anbau sind gefragt

Die Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“ und die „Lauteracher Alb-Feld-Früchte“ haben sich der Wiederbelebung von alten heimischen Kulturen verschrieben. Neben verschiedenen Linsensorten fördern sie auch den Anbau von Leindotter, Hirse oder Buchweizen.

Die alten Sorten „Späths Alblinse I“ und „Späths Alblinse II“ waren seit den 1950er Jahren immer mehr von den schwäbischen Feldern verschwunden.

Erst 2006 wurden sie in einer russischen Saatgutbank wiederentdeckt. Schon ein Jahr später erhielten die Mitglieder der Öko-Erzeugergemeinschaft ein paar hundert Linsensamen, die sie in den kommenden vier Jahren vermehrten. Seit 2012 können die beiden alten Sorten wieder verkauft werden. Meist werden sie in einem Gemenge mit Gerste oder Hafer angebaut, was einen hohen Aufwand für die Reinigung, Trocknung und Lagerung nötig macht.

Anfang der 1980er Jahre nahm die Familie Mammel in Lauterach (Lks. Alb-Donau) den Anbau von Linsen wieder auf, mehrere Betriebe auf der Schwäbischen Alb schlossen sich ihrem Beispiel an. Heute gehören mehr als 110 Biobetriebe der Öko-Erzeugergemeinschaft an. Ihre gesamte Anbaufläche beläuft sich auf rund 300 ha, auf denen neben Linsen auch Buchweizen, Leindotter und andere traditionelle Feldfrüchte kultiviert werden. Aufbereitet, verpackt und vermarktet werden sie über das Unternehmen „Alb-Feld-Früchte“. Im Jahr 2009 übernahm Lutz Mammel vom Biohof Mammel die Aufbereitung und Vermarktung der Linsen.

Auch der Leindotter mit seinen gelben Blüten gehört zu den alten Kulturpflanzen. In einer Mischung mit Linsen dient er als Stützfrucht. Nach der Ernte wird der Leindotter auf einem Biohof bei Riedlingen im Kaltpressverfahren zu Leindotter-Speiseöl verarbeitet. Das Öl schmeckt mild und nussartig. Die Samen des Leindotters bestehen zu 30 % aus Öl mit einem hohen Anteil von mehrfach ungesättigten Fettsäuren.

Der Buchweizen ist ein Knöterichgewächs, dessen Körner Bucheckern ähneln. Sein hoher Gehalt an essentiellen Aminosäuren, Ballaststoffen und Mineralien macht ihn zu einem wertvollen Nahrungsbestandteil. Er ist eine Alternative für Gerichte, die sonst mit Weizen, Dinkel, Reis oder anderem Getreide zubereitet werden. Aus Buchweizen gibt es auch glutenfreie Nudeln.