Vor Ort

Alte Rassen sind mehr als ein Kulturgut

Abb-3b-Suhlen
Dr. Michael Götz
am Dienstag, 15.06.2021 - 12:29

Das Schwarze Alpenschwein ergänzt bei Marcel und Manuela Schmid im Rheintal eine naturnahe Landwirtschaft. Die alten Rassen sind nicht nur erhaltenswertes Kulturgut, sondern sie eignen sich für unkonventionelle Bewirtschaftungsweisen.

Raritäten muss man suchen. Der Hof „Morgarot“ der Familie Marcel und Manuela Schmid liegt abgelegen über dem St. Galler Rheintal und ist selbst mit handgezeichneter Karte nicht leicht zu finden. Doch die Suche lohnt sich, nicht nur wegen der drei Schwarzen Alpenschweine, sondern auch wegen der Landwirte und ihrer unkonventionellen Art, einen Bergbetrieb zu bewirtschaften.

Abb-5-Kot-2

Das junge Paar hat aus dem Hof von Marcels Eltern ein Kleinod geschaffen, einen vielfältigen, naturnah wirtschaftenden Betrieb mit Gemüsebau, Wildkräutern, Obst- und Wildobstbäumen, mit Amphibienweiher, Natursteinmauern und einem Schulungszentrum. Permakultur nennt sich die landwirtschaftliche Produktion. Sie baut auf Ökologie, Diversität, Stabilität und Widerstandsfähigkeit von Pflanzen und Tieren. Die Alpenschweine bilden einen Teil dieser sich gegenseitig fördernden Hofgemeinschaft, zu der auch Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Yaks, Gänse und Hühner gehören.

Black und Beauty heißen die beiden Muttersauen, die seit nicht ganz einem Jahr auf dem Hof leben und ihrem Namen alle Ehre machen. Seit ein paar Wochen ist Ferdinand bei ihnen, den die Bauern von einem Züchter ausgeliehen haben und der inzwischen nicht untätig war, um für Nachwuchs zu sorgen. „Es ist eine rechte Freud mit ihnen“, sagt Manuela in ihrem oberösterreichischen Dialekt. Sie hat den dreien gerade ein paar große Zucchetti (Zucchini) auf die Weide geworfen, die sie genussvoll schmatzend verspeisen. Danach suchen die zwei Damen den Schatten in einem Kälberiglu auf.

Wertvolle Aufgaben im Ökosystem

„Am liebsten kuscheln sie“, sagt die Bäuerin. „Wir haben sie aber nicht zur Gaudi“, wird sie ernster. Die Sauen haben Aufgaben im Ökosystem. Vor allem regulieren sie das Unkraut. Sie fressen zum Beispiel gerne die Wurzeln des Hahnenfusses, vertilgen Engerlinge sowie Schneckeneier und zerstören Mausgänge. Durch das Wühlen mit dem Rüssel lockern sie den Boden auf, so dass wieder neue Pflanzenarten wachsen können.

Abb-6-Eingeebnete Wiese

Doch kann man als Bergbauer Freude daran haben, wenn die Grasnarbe zerstört wird und die Erde umgepflügt wird? Marcel zeigt mit der Hand auf die Flächen, die er mit der Wiesenegge eingeebnet und mit Heublumen eingestreut hat. Es sind keine Löcher mehr sichtbar. Mittels Weidewechsel bringt er Aufwühlen und Zuwachsen ins Gleichgewicht.

Im Sommer sind die Sauen während 24 Stunden auf der Weide und sorgen quasi für sich selbst. Sie ernähren sich von Gräsern, Wurzeln, Gemüseabfällen und Bodenlebewesen. „Sie sind richtig arbeitsextensiv“, freut sich Marcel, denn auf dem Hof gibt es sonst schon genug zu tun. Als Unterschlupf dient den Schweinen das Kälberiglu. Im Winter sind sie in einem Stall mit ständigem Auslauf und werden mit Weizen- und Roggenkleie, Apfeltrester und Graswürfel gefüttert. „Mit Abfällen der Lebensmittelindustrie, aber nicht mit ganzem Getreide“, betont Marcel, denn die Schweine sollen nicht zum Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen werden. Dass ihre Nahrung reich an Rohfaser ist, lässt sich an den Kotballen ablesen, die teilweise fast Pferdeäpfeln gleichen.

Abb-1b-Beschnuppern

Die Nachkommen von Black und Beauty werden etwa eineinhalb Jahre alt, bis sie ausgemästet sind, das heißt die Mast dauert drei Mal so lange, wie bei den auf Leistung gezüchteten Schweinerassen. Dafür sind die Schwarzen Alpenschweine, die es auch in gescheckter Färbung gibt, nicht nur anspruchslos an ihre Nahrung, sondern auch robust und berggängig. Sie haben lange, kräftige Beine und die dunkle Färbung schützt sie vor Sonnenbrand. „Sie sind feiner und zutraulicher als das Wollschwein“, beschreibt sie Manuela, die zuvor Wollschweine gehalten hat. Diese waren ihnen zu „ruppig“ und ausbruchsfreudig.

Manuela und Marcel sind über „Pro Patrimonio Montano“ abgekürzt „Patrimont“ zu den Alpenschweinen gekommen. Dies ist ein Netzwerk zum Erhalt der genetischen Vielfalt der Bergwelt. Im Jahr 2013 hatte Dr. Alessio Zanon, Veterinär der Universität Parma, fünf echte Veltliner Schweine, auch Bündner Schweine genannt, in der Gegend von Como ausfindig gemacht. „Wir sind alle Täler abgefahren, um weitere Tiere zu finden“, erzählt Hans-Peter Grünenfelder, engagierter Vorsitzender von Patrimont. Aber weil sie keine weiteren Exemplare der Rasse finden konnten und Inzucht vermeiden wollten, entschlossen sie sich, die Veltliner und zwei weitere althergebrachte Alpenschweinerassen, die noch in Reliktform erhaltenen Samolaco und Ultner Schecken als Basis für das Schwarze Alpenschwein zusammenzulassen. So gelang es ihnen, die Gene der alten Berg-Rassen und zugleich altes Kulturgut zu bewahren.

Weg für vier Zuchtgruppen geöffnet

Mit der Rassenkonsolidierung war allerdings die Rückkehr in die Schweiz noch nicht geschafft. Dazu mussten die Tiere zuerst während zweier Monate in Quarantäne in den Tierpark Goldau. Nach verschiedenen Bluttests und bangem Warten öffnete sich schließlich der Weg für vier Zuchtgruppen. Inzwischen sind es schon 17 Zuchtgruppen geworden, verteilt in den Schweizer Bergregionen.

Abb-4-Zucchetti fressen

Den Züchtern der Schwarzen Alpenschweine ist jedenfalls klar, dass sie eine Nische innehaben. Nicht Menge und Leistung führen hier zum Erfolg, sondern die Vermarktung des Fleisches als ein Produkt aus naturnaher Haltung und als Delikatesse.

Da die Alpenschweine dauernd in Bewegung sind, bilden sie keine dicke Fettschicht, sondern das Fett durchzieht die Muskeln. Es entsteht ein feinfaseriges, marmoriertes Fleisch. Manuela und Marcel freuen sich schon auf die Bereicherung ihres vielfältigen Produktkorbes in der Direktvermarktung.