Landschaftspflege

Alpwirtschaft fördert Artenvielfalt

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Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 19.05.2020 - 09:09

Die floristische Vielfalt in Bad Hindelang benötigt nach Einschätzung des Landschaftspflegeverbandes eine intensive Beweidung.

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Bad Hindelang/Lks.Oberallgäu Botanisch interessierte Wanderer staunen nicht schlecht, wenn sie derzeit die Alpweide am Parkplatz „Auf der Höhe“ im Hindelanger Ortsteil Hinterstein betrachten. Soweit das Auge reicht wachsen hier Stängelloser Enzian, Herzblättriges Kugelblümchen, Silberwurz und Buchsblättriges Kreuzblümchen: seltene Pflanzen, die man normalerweise nur in den hochalpinen Regionen vorfindet. Dazwischen immer wieder Orchideen wie das Knabenkraut, Berberitzen, Wildbirnen oder Wacholderbüsche.

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Wie passt das alles zusammen? Stefan Pscherer, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Oberallgäu-Kempten e.V, hat eine Antwort parat: „Es waren die Rinder, die im Laufe der Jahrzehnte die Samen von den Tallagen nach oben und von den alpinen Lagen nach unten transportiert haben.“ Hunderte von Rindern werden traditionell in den Hintersteiner Bergen gesömmert. Die Alpwirtschaft ist also „schuld“ an diesem enormen Artenreichtum hier auf diesem buckeligen Magerrasen hinter dem Wanderparkplatz.

Rinder haben die Samen am Berg verlagert

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Pscherers Kollegin, die Biologin Leonie Schaefer, zeigt sich begeistert: „Wir finden hier auf 25 Quadratmetern etwa 40 bis 50 verschiedene Pflanzenarten. Davon unzählige geschützte Arten. Diese im Allgäu einzigartigen Magerrasen-Buckelwiesen, die maschinell nur schwer bewirtschaftet werden können, sind ein idealer Standort für diese botanischen Raritäten.“
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Buckelwiesen, wie diese, seien geologisch durch Fließbewegungen des Bodens im saisonalen Frostwechsel entstanden. Sie böten durch den kleinflächigen Wechsel zwischen trockenen, nährstoffarmen Standorten in den Mulden Lebensraum für besonders viele Tier- und Pflanzenarten. Da sie maschinell nicht zu bewirtschaften sind, werden sie ausschließlich durch Beweidung gepflegt und offengehalten.

Abgeweidet, nicht gedüngt, geschwendet

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Die Flächen werden kurzzeitig abgeweidet, nicht gedüngt und regelmäßig geschwendet. „Hier kommen konkurrenzsschwache, lichtbedrüftige Arten vor, die durch den selektiven Fraß der Rinder und durch die nährstoffarmen Verhältnisse gefördert werden“, so Schaefer.

Die Fläche „Auf der Höhe“ in Hinterstein sei die Vor- und Nachweide der rund 200 Jungrinder von der Zipfelsalpe. Circa zwei Wochen im Frühjahr und zehn Tage im Herbst dürfen die Tiere auf der Fläche im Tal fressen. Von dieser Art der intensiven Selektiv-Beweidung profitierten viele Rosettenpflanzen und bittere Enziane.

„Traditionell landwirtschaftlich extensiv genutzte Wiesen und Weiden gehören zu den vielfältigsten Biotopen in unseren Breiten“, betont Stefan Pscherer. Im Ostrachtal findet man noch heute sehr seltene Arten wie den Spinnweb-Hauswurz oder den Frauenschuh. „Man kann die Artenvielfalt auch hören“, schwärmt Pscherer angesichts des lauten Konzerts der Feldgrillen. Hier in Hinterstein würden die Forderungen des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ perfekt umgesetzt.

Mühsame Arbeit auf
den Buckelwiesen

Mit im Kreis der Personen des Flurbegangs ist einer, der das gerne hört. Der 64-jährige Biobauer Sepp Agerer aus Hinterstein. Viele Jahre war er Vorsitzender der Wald-und Weidegenossenschaft und des Vereins für „Natur und Kultur Bad Hindelang“. Agerer erinnert sich: Als 1988 das Vertragsnaturschutzprogramm kam, das uns für unsere mühsame Arbeit auf diesen Buckelwiesen finanziell entschädigt hat, haben uns andere Bauern ausgelacht. „Ihr werdet schon sehen, wo ihr hinkommt, wenn ihr mit diesen Naturschützern zusammenarbeitet“. Heute arbeite man Hand in Hand mit Naturschutz und Landschaftspflege und lerne gegenseitig voneinander. Die klassische Win-Win-Situation.
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft und fehlende Beweidungskonzepte bereiten den Bad Hindelangern schon lange Sorgen. Waren es 1971 noch knapp 80 Vollerwerbs- und mehr als hundert Nebenerwerbslandwirte, deren Rinder das Land beweideten, gibt es heute keinen einzigen Vollerwerbsbetrieb mehr und etwa 60 Nebenerwerbslandwirte im gesamten Gemeindegebiet. Agerer: „Aus diesem Grund haben wir damals 1992 unter Federführung von Landwirtschaftsberater Ernst Wirthensohn aus Buchenberg den Verein „Hindelang Natur und Kultur, Verein für Landschaftserhaltung e.V gegründet.“ Ziel war es, sich um die Pflege der nicht mehr genutzten Wiesen und Weiden im Gemeindegebiet zu kümmern, damit diese nicht verbuschen.

Seit 1980 immer
weniger Handarbeit

Denn seit 1980 sei die kleinstrukturierte Handarbeitslandschaft zunehmend vernachlässigt worden. Die Folge war eine Verbuschung der Hanglagen. In zahlreichen Regionen des Oberallgäus kämpft der Landschaftspflegeverband Oberallgäu-Kempten e. V. mit Bergbauern und Älplern gegen Verbuschung und Artenverlust. „Die Wiesen und Weiden unserer Breiten zählen zu den vielfältigen Lebensräumen in Mitteleuropa, doch anders als der echte Bergwald sind diese vom Menschen gemacht“, so Stefan Pscherer. Denn schließlich lebe Bad Hindelang auch und vor allem vom naturnahen Tourismus. 2019 zählte man über eine Million Übernachtungen und erwirtschaftete mehr als 130 Mio. Umsatz.
Agerer hofft, dass die 62 Nebenerwerbslandwirte – bis auf einen sind alle im Verein „Natur- und Kultur“ organisiert – weitermachen. „Wir brauchen die Land- und Alpwirtschaft zum Erhalt der artenreichen Lebensräume“, so der Biobauer.

Edelsteine in den Alpen

Das „Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen“ gilt als das artenreichste Gebirge Deutschlands. Die Internationale Alpenschutzkommission (CIPRA) und der World Wide Fund for Nature (WWF) nennen die Berge um Bad Hindelang als eine der 23 schützenwertesten Regionen der Alpen. Die Alpwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der Erhaltung dieser einzigartigen Kulturlandschaft.

Zusammengeschlossen zum Projekt „Natur und Kultur“, bewirtschaften 62 Bad Hindelanger Bergbauern ihre alpinen Wiesen nach strengen ökologischen Richtlinien. Diese umfassen den völligen Verzicht auf Mineraldünger sowie die Beschränkung auf maximal eine Kuh pro Hektar. Darüber hinaus werden 90 % des benötigten Futters innerhalb des Gemeindegebietes selbst erzeugt.