Vor Ort

Alpwiesen wie gemalt

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Susanne Lorenz-Munkler
am Freitag, 25.06.2021 - 15:21

Auf der Strausbergalpe regiert das weibliche Geschlecht. Hier schaffen fünf Frauen ein Paradies für Mensch und Tier.

Vor dem Eingang des alten Gebäudes der Strausbergalpe steht eine Schlange durstiger und hungriger Wanderer geduldig an. „Auf der Alpe lernt man Geduld“, beschwichtigt Älplerin Andrea Buhl (42) aus der Küche ihre Gäste. Mit viel Charme erklärt die attraktive Bäuerin, warum das so ist. „Bei uns wird der Kaffee noch auf dem Holzofen frisch aufgebrüht.“ Denn die kleine PV-Anlage gibt gerade mal ausreichend Strom für den Kühlschrank und das Licht. Zum fairen Bio Café reicht Andrea herzförmige Geduld-Kekse, gebacken nach einem Rezept von Hildegard von Bingen mit Nelken und vielen anderen Gewürzen. Alles was hier den Gästen zum Verzehr angeboten wird, stammt aus eigener Produktion und der Region. Die Strausbergalpe ist nicht nur Alpgenuss-Alpe, sondern seit elf Jahren auch die erste „Fair Trade Alpe“ im Allgäu.

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Die Strausbergalpe liegt auf 1227 m Höhe, über dem Straußbergmoos, umrahmt vom Imberger Horn, Strausbergsattel, Gernkopf und Sonthofner Hörnle. Die Alpe wurde 1663 erstmals geschichtlich erwähnt und damals als „Roßberg“ geführt. Im Jahre 1900 ging das Eigentum an den Prinzregenten Luitpold von Bayern über. Seit 2003 ist die Alpe in Privatbesitz von Hubert Stärker, und gepachtet von der Biobauern-Familie Buhl aus Sonthofen-Winkel.

Seit fast 50 Jahren und bereits in der dritten Generation bewirtschaften die Buhls das 27 ha große Areal und die Hütte. 2001 stellte die Familie die Landwirtschaft im Tal und die gesamten Alpe auf ökologische Bewirtschaftung um und trat dem Bioland-Verband bei. Im vergangenen Jahr verkauften die Buhls ihre Milchkühe im Tal und stellten komplett auf Mutterkuhhaltung mit Black Angus Rindern um. Ein weiterer und der heute wichtigste Einkommenszweig ist das Forstunternehmen von Ehemann Peter Buhl.

Das Fleisch der Angusrinder lasse sich sehr gut vermarkten, erzählt Andrea. Die Buhls schlachten im November und verkaufen es zu 100 % direkt ab Hof, Nose to Tail, in Paketen ab 10 kg. Den Sommer über dürfen die Black Angus-Ochsen und -Färsen, zwei Milchkühe, drei Wollschweine, fünf Kamerun-Schafe und zwei Esel vom Talbetrieb mit auf die Alp.

Fünf Frauen packen an

Nicht nur der Charme und die Freundlichkeit von Andrea ist es, der viele Fremde und einheimische Besucher auf die Alpe wandern lässt. Auch deren „Hiettefehla“, ihre vier Helferinnen zwischen 14 und 76 Jahre alt, geben ihr Bestes. Es helfen ihr ihre Tochter Johanna (24), Mona (35), Anni (14) die Kleinhirtin und „Alpföl“ und Christa (77) die „Strausberg-Perle“, die schon seit elf Jahren mit im Team ist. Anni und Andrea kümmern sich schwerpunktmäßig ums Vieh, die anderen um Küche und Bewirtung.

Aber jeder kann, wenn es sein muss, alles: Melken, das Vieh auf seinen Gesundheitszustand kontrollieren, Ampfer stechen, schwenden, Kuchen backen, Aufschnitt herstellen, liebevolle Brotzeiten richten und bedienen. Sie sind ein perfekt eingespieltes Team und stemmen die Alpe mit 30 eigenen Tieren und 14 Stück Fremdvieh aus Ottobeuren fast ohne männliche Hilfe. Nur bei den ganz schweren körperlichen Arbeiten, wie mähen mit dem Balkenmäher, wird männliche Unterstützung angefordert.

Viele gefährdete Pflanzen

Die Alpe kann mit einem weiteren Pfund wuchern: mit Alpwiesen, wie sie Claude Monet nicht besser hätte malen können, und einen hochmontanen Moorkomplex, der zu den national bedeutsamen Elitemooren der bayerischen Alpen zählt. Auf der am Ende des Löwenbachtals zwischen 1100 m und 1230 m gelegene Fläche liegen Streuwiesen mit vielen gefährdeten und geschützten Pflanzen: dem gewöhnlichen Teufelsabbiss, dem Blutwurz, Schwalbenwurz-Enzian, Schwarzwurzel, Fettkraut und vielen anderen. Auf den Moorflächen im Kernbereich wachsen Sonnentau, Fieberklee und seltene Torfmoose, wie der kleine Sumpfbaldrian, das scheidige Wollgras, die Mehlprimel und der Tarant. Nur eines passt nicht ins typische Bild, das Claude Monet gemalt hätte – die Rinder hier, die im steilen Gelände ums Moor herum grasen sind pechschwarz und tragen keine Hörner: Deutsche Black Angusrinder genetisch hornlos. Sie werden in den nächsten Tagen durch 14 Schumpen aus Ottobeuren ergänzt.

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Andrea Buhl erklärt: „Angusrinder sind super zu kombinieren mit Allgäuer Braunvieh oder Unterländer Schecken. Deshalb haben wir nach Versuchen mit schottischen Hochlandrindern auf diese Rasse umgestellt.“ Das Fleisch sei äußerst gefragt wegen seiner hohen Qualität. Die Tiere würden per Weideschuss stressfrei getötet. Nur wenige Gäste, die hier oben Brotzeit gemacht haben, können sich verkneifen, einen Bio-Angusschinken oder eine Kochsalami mit nach Hause zu nehmen. Der Rest des Fleisches wird im November in 10 kg-Paketen ab Hof direkt vermarktet.

Auf eines legt Andrea, die sich der absoluten Nachhaltigkeit verschreiben hat, größten Wert. Ihr „Nose to Tail Konzept“. Sie möchte, dass möglichst viele Teile von geschlachteten Tieren weiterverwendet werden – aus Achtung vor dem Tier. Die Kunden würden das gerne annehmen.

Für Andrea gibt es keinen schöneren Arbeitsplatz und Beruf: „Man muss es gern mögen, mit dem Vieh und den Leuten. Wenn dir das Kraft gibt, bist du richtig. Man kann gerade auf der Alpe wieder die Wertschätzung für unsere Lebensmittel mitgeben, gerade wenn sie an so einem idyllischen Ort wie hier Einkehr halten.“