Tradition

Eine Alpe mitten in der Stadt

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Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 27.07.2021 - 10:55

Die Alpe „Hinter der Schießstätte“ ist von Immenstadt in wenigen Minuten zu erreichen. Sie dient auch als Bildungsstätte.

Es ist schon ein ganz besonderer Platz auf einer Anhöhe der Stadt Immenstadt. Unter mächtigen 200 Jahre alten Stieleichen wühlen Schweine im historischen „Hutewald“. Ein wenig weiter meckern weiße und braune Edelziegen, gackern Hühner auf dem Misthaufen, leben Katzen, Gänse und dutzendweise Schumpen. Dazwischen liegt ein schmuckes, altes, liebevoll restauriertes Alpgebäude. Der Name dieser Alpe „Hinter der Schießstätte“ passt so gar nicht zu diesem Ambiente. Auch ihre Lage nicht. Die Alpe liegt quasi mitten im Stadtgebiet von Immenstadt und auf gerade mal 850 m über dem Meeresspiegel.

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Die Alpe erinnert eher an einen kleinen Bauernhof in Bulgarien, als an eine Allgäuer Alpe. Harmonisch umgeben von Mischwald und Weide, von Hecken und Streuobstwiesen. Eine kleinräumige vielfältige Landschaft, die nicht dem Zufall entsprungen, sondern das Ergebnis eines ausgeklügelten Nutzungskonzepts ist. Der Eigentümer der Alpe, die Stadt Immenstadt, erhält Mittel aus dem Vertragsnaturschutzprogramm und aus dem forstlichen Programm zum „Erhalt lichter Waldstrukturen“ um dieses Idyll zu erhalten.

Hier finden nicht nur die Rinder aus der Immenstädter Umgebung reichlich Futter, sondern auch viele seltene Vögel, Fledermausarten und vor allem Insekten ein außergewöhnliches Habitat. Unter den Insekten sind vier Urwald-Relikt-Arten, 15 Insektenarten, die auf der Roten Liste stehen und der „Scheckige Rindenflechtenspinner“, eine der Urwaldarten, die man eigentlich hier nicht erwarten würde.

Stadtförster Gerhard Honold, der zuständig ist für Immenstadts Alpen, schwärmt: „Der Naherholungswert dieser Landschaft ist einzigartig. In wenigen Gehminuten ist man vom Städtle auf der Alpe, die aufgrund ihres alpähnlichen Charakters mit 25 ha Lichtweide vor zehn Jahren in die Alpförderkulisse mit aufgenommen wurde.“ Hirte Peter Breyer bewirtschaftet die Alpe seit 27 Jahren. Er sieht freilich auch die Nachteile der Naherholungsfunktion. Weggeworfene Hundekotbeutel, Hundehaufen im Futter und unzählige Mountainbiker und E-Mountainbiker, denen das hügelige Gelände hier oben zur Ausübung ihres Sports taugt. Aber trotzdem sieht er vor allem die Vorteile: Ein Arztbesuch oder kurz zum Einkaufen ins Städtle sind für ihn kein Problem.

Früher war die Alpe ein Vorsäß, wo das Gassenvieh von allen Immenstädter Bauern weidete. Unter den Eichen hüteten Bauernbuben die Schweine, die sich vom „Superfood“ Eicheln ernährten. „Die Allmenderechte reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Jeder hat sein Vieh zu genau geregelten Bedingungen hier weiden lassen dürfen. Es gab angestellte Hirten. Die hüteten Kühe, Schweine und Ziegen“, erzählt Honold. In den 20er Jahren hat die Stadt Immenstadt diese Rechte abgelöst.

Nur noch zehn aktive Mitglieder

„Heute gibt es keinen Bauern mehr direkt in Immenstadt“, erklärt Siegfried Spettel, Vorsitzender der Weidegenossenschaft Immenstadt-Stein. Und die Weide-Genossenschaft umfasst nur noch zehn aktive Mitglieder. Die Stadt Immenstadt selbst ist der größte Land- und Forstwirt mit 1400 ha Grund und elf Alpen. Drei davon hat die Weidegenossenschaft gepachtet: die Alpe Wildegund, die Alpe Starkatsgund und eben die Alpe „Hinter der Schießstätte“. Die Schumpen, die hier weiden, kommen heute aus den Umlandgemeinden.

„Mit unseren drei Alpen auf verschiedenen Höhenlagen können wir flexibel reagieren auf Wetter- und Futtersituation. Hier unten kann man 130 Tage im Jahr älpen, das Gelände ist also ideal als Vor- und Nachweide. Gerade heuer, nach diesem kalten Frühjahr, war das ein riesiger Vorteil“, so Spettel. Im Sommer bleiben dann nur rund 30 bis 40 Tiere auf der Alpe „Hinter der Schießstätte“, im Herbst kommen dann 60 bis 70 Stück zusätzlich dazu, wenn es oben kein Futter mehr hat.

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Woher aber kommt der Name „Hinter der Schießstätte“? Unmittelbar vor der Alpe war früher die Schießstätte, Relikte davon sind heute noch erhalten. Der Umgriff hat auch eine wechselvolle Vergangenheit als Hinrichtungsstätte, wo der Mörder des Freiherrn Georg von Königsegg von vier Ochsen in Stücke gerissen wurde. Es war auch schon ein militärischer Übungsplatz hier und die Nationalsozialisten hatten hier eine Kultstätte geplant. In den 60er-Jahren und danach wurde die Viehweide auch als Motocrossstrecke genutzt.

Eine besondere Bedeutung haben die 18 Geißen, die fröhlich meckernd hinter ihrem Peter herlaufen, der sie zweimal täglich melkt. Wenn das Vieh durchgezogen ist, fressen sie alles, was die Rinder haben stehen lassen. „Bevor sie das Gras fressen, fressen sie Disteln. Und wenn sie Hunger haben, packen sie auch den Adlerfarn“, freut sich Peter Breyer. „Ziegen machen nicht viel Arbeit. Aber sie bringen auch keinen Ertrag, außer dem bisschen Milch, das ich und meine Frau selbst verbrauchen oder direktvermarkten.“ Aber die Weidepflege beschränke sich darauf, „Krottenstengel“ zu stechen oder zu ziehen. „Wir sind froh, dass die Ziegen wie auch die Schweine hier den Unterbewuchs freihalten“, ergänzt Förster Gerhard Honold. „Das erspart uns viel Arbeit. Im Schutzwald indes könnten wir die Tiere nicht brauchen.“

Die Alpe ist auch eine Bildungsstätte. „Gemeinsam mit der Naturparkschule machen wir Exkursionen oder mit den Zehntklässlern im Rahmen des Ökologie-Unterrichts Ausflüge hierher“, berichtet Honold. Hier könne man die Akzeptanz der Bevölkerung schulen. „Viele wollen die Welt retten, haben aber keine Ahnung, wie alles zusammenhängt.“ So seien bei einer Schwendaktion seine Männer von Bürgern schon massiv angegangen worden, dass sie den Wald zerstörten. Honold sagt: „Es ist deshalb sehr wichtig, die Leute gut zu informieren, dann wandelt sich der Widerstand in Unterstützung um.“