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Marktnische

Alpakazucht im Haupterwerb

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Brigitte Auer
am Dienstag, 21.06.2022 - 14:03

Der Lindenhof bei Neu-Ulm vermarktet neben der Zucht auch Wolle und Dung der Andentiere.

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„Schauen wir mal, ob wir’s noch können!“, heißt es auf dem Flyer, mit dem Familie Maurer zum 10. Hoffest auf ihren Lindenhof eingeladen hatte. Ein besonderer Anziehungspunkt des Hofes ist seine Alpakazucht. Bei einem Gang auf die Weide und zum Stall der Alpakas konnten die Besucher auf Tuchfühlung mit den Andentieren gehen. Nach den schwierigen Jahren der Corona-Pandemie, in der das Hoffest ausfallen musste und die Produkte des Hofes auch auf Messen nicht bekanntgemacht werden konnten, freuten sich alle Beteiligten über die Gelegenheit, die eigenen Erzeugnisse zu präsentieren. Freunde, Verwandte und Nachbarn streiften sich das schwarze Lindenhof-T-Shirt über und sorgten mit ihrem Einsatz und einem vielfältigen Angebot für ein gelungenes Event.

Tiere zeigen Interesse für die Gäste

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Mit drei begleiteten Hofführungen pro Tag sorgten die Maurers dafür, dass ihre Alpakas durch den Besucherandrang nicht überfordert wurden. Und so zeigten die Tiere weder übertrieben Scheu noch aufdringlich ein aufmerksames Interesse für die Gäste. Das sei ihre Art, sagt Anja Maurer. Die kaufmännische Angestellte, die sich schnell in ihrem Unternehmen bis zur Abteilungsleiterin hochgearbeitet hatte, ist mit ihrer Karriere nicht glücklich und will sich als Ergotherapeutin und Reittherapeutin beruflich neu orientieren.

Neben sieben Ponys und Kleinpferden arbeitet sie in der tiergestützten Therapie auch mit Alpakas. Wegen ihres Charakters eignen sich diese Tiere besonders für die Arbeit mit Menschen, die an Autismus-Spektrum-Störungen leiden. Die Alpakas seien neugierig und dem Menschen freundlich zugewandt, zeigten aber ein gesundes Maß an Scheu, was Menschen mit diesem Störungsbild nicht überfordere, erklärt die Ergotherapeutin. Aber auch Kinder mit ADS und ADHS müssen sich im Umgang mit den Tieren zurücknehmen.

Weiche Haare und große Augen

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Mit seinen weichen Haaren und großen Augen habe das Alpaka einen hohen Aufforderungscharakter und schüchtere zugleich dank seiner geringen Körpergröße Menschen, die mit Tieren nicht vertraut sind, nicht ein. Vertrauen müsse in der Therapie auch bei den Tieren aufgebaut werden, die man mit Leckerlies nicht bestechen könne. Ein tiergerechter Einsatz beinhaltet die Beobachtung des Verhaltens, die Kontaktaufnahme und das Führen mittels Halfter und Führungsleine. Als Streicheltiere oder Reittiere kommen die Distanztiere nicht infrage. Als Herdentiere sind Alpakas in kleinen Gruppen von mindestens drei Tieren zu halten.

Drei Alpaka-Wallache sollten ursprünglich für Therapiezwecke auf dem Lindenhof angeschafft werden. Heute sind es 120 Tiere. Bernd Maurer war nach seiner Rückkehr auf den elterlichen Hof 2010 auf der Suche nach einem eigenen Standbein neben der Rinderzucht, die sein Bruder Hans betreibt. Seit Generationen wird auf dem Lindenhof Tierzucht betrieben. 60 ha Nutzfläche bewirtschaftet die Familie, zum größten Teil als Grünland. 2016 ist die Umstellung von Rinderhaltung auf den ökologischen Landbau erfolgt; der Hof wird nach den Richtlinien des Bioland-Verbandes bewirtschaftet.

Entscheidung auf wirtschaftlicher Basis

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Bernd Maurer beschloss, es mit den Alpakas zu versuchen. Damit ist er laut einer Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen von 2021 einer von 519 Tierhaltern, die in Deutschland insgesamt 7739 Neuweltkameliden besitzen, die meisten davon aus Liebhaberei. 80 % davon sind Alpakas, von denen wiederum 22,3 % in Bayern leben.

Die Entscheidung für die Alpakas sei eine rein wirtschaftliche gewesen, so Maurer. „Wir haben Glück gehabt.“ Damals habe er keine Ahnung von der Alpaka-Haltung gehabt. Inzwischen sei er jedoch „in die Aufgabe hineingewachsen“. Hochkarätige Fortbildungen wie die einjährige „Alpaca Breeder Education Series“ von Amanda VandenBosch haben dazu beigetragen.

Artgerechte Tierhaltung mit großen Koppelflächen

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Maurer bietet auf seinem Hof Grundlagenkurse für Einsteiger in die Alpaka-Haltung an. Krankheitsprophylaxe und Haltungsoptimierung stellen dabei zentrale Unterrichtsinhalte dar. Besonders stolz ist er auf die Zusammenarbeit mit dem Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Universität Gießen: Der Lindenhof wurde als einer von zehn Referenzbetrieben für eine wissenschaftliche Studie mit einem Alpaka-Gesundheitsscreening ausgewählt. Auf dem Hof werden außerdem Tierärzte an den Alpakas geschult.

„Artgerechte Tierhaltung mit großen Koppelflächen, ein gutes Weidemanagement und großzügige Unterstände und Stallungen, sowie eine sorgfältige Pflege und regelmäßige Check-Ups der Tiere sind für uns selbstverständlich“, heißt es auf der Homepage des Lindenhofs. Ein Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft verlangt eine Fläche von 300 m2 für sechs Neuweltkamele, für jedes weitere müssen 25 m2 hinzukommen. Alpakas sind funktionelle Wiederkäuer, die sich in den unwirtlichen Gegenden ihrer Herkunftsländer zu besonders guten Futterverwertern entwickelt haben. Gras und Heu aus eigener Produktion stellen so die Basis der Ernährung der Alpakas auf dem Lindenhof dar. Zur Gesunderhaltung der Tiere ist es zudem notwendig, Mineralien zuzufüttern. Die Maurers haben dafür ein spezielles Alpakafutter entwickelt. Alpakas gelten als robuste Tierart, sind aber tatsächlich für alle Krankheiten anfällig, die vergleichbare Tierrassen auch bekommen können. Bei optimaler Haltung erreichen Alpakas ein Alter von 20 Jahren und mehr.

Verkauf von Zucht- und Hobbytieren

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Einen Betriebszweig neben dem Verkauf von Zucht- und Hobbytieren stellt die Deckstation für Gaststuten dar. Acht Paddocks können Stuten aufnehmen, denen von Maurer der passende Hengst vermittelt wird. Bei der Entscheidung für eine qualitativ gute Nachzucht spielen die zwei Basismerkmale Körperbau und Faser eine wichtige Rolle.

Auch den Charakter geben die Hengste oft an die Fohlen weiter. Die Ovulation wird bei der Alpakastute erst durch den Deckakt ausgelöst. Dieser provozierte Eisprung erlaubt es, die Stuten das ganze Jahr über zu besamen. Maurer lässt seine Tiere aber in den Monaten decken, in denen es morgens warm ist. Da die Stuten ihre Fohlen nicht ablecken, könnte ansonsten eine Geburt in der Nacht für die Jungtiere gefährlich werden. Die Tragezeit der Tiere liegt bei elfeinhalb Monaten. Die Deckstation läuft erfolgreich, die Deckhengste seien bis 2024 ausgebucht.

Wie Alpaka-Tag aussieht

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Bei der Stallführung beantwortet der Alpaka-Züchter die zahlreichen Fragen der Besucher. „Der Winter ist ihre Jahreszeit“, meint Maurer. Auf die Frage: „Was machen sie da?“, antwortet er lächelnd: „Da freuen sie sich.“ Wenn die Sonne in der warmen Jahreszeit scheint, bleiben sie gerne im Stall. Alpakas sind von ihrer Herkunft her an variable Klimabedingungen angepasst, schwierig ist nur die Verbindung von Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit.

Und wie sieht so ein Alpaka-Tag aus? „Sie machen, was sie wollen.“ Bis auf die notwendige Pflege werden die Tiere in Ruhe gelassen. Vor allem die Hengste aber müssen an die Halfterführung gewöhnt werden. Als Maurer auf Nachfrage die Gründe aufzählt, warum ein Alpaka spuckt, beispielsweise bei der Erziehung der Fohlen oder wenn es um das Futter geht, ist der eine oder andere wohl erleichtert, dass keine Gefahr droht.

Hofladen mit breitem Sortiment

Das Angebot im Hofladen der Maurers ist so außergewöhnlich wie die Tierart, deren Zucht der Landwirt sich verschrieben hat. Edle Kleidungsstücke und Wohntextilien aus Alpaka-Wolle erwecken den Eindruck, man befände sich in einer Boutique der Münchner Maximilianstraße statt auf einem Landwirtschaftsbetrieb am Ludwigsfelder Badesee. Familie Maurer lässt die hofeigene Wolle ihrer Tiere zu Garn und Kassettendecken verarbeiten. Im „Alpaka-Casa“ finden Liebhaber der besonderen Faser auf 120 m2 Verkaufsfläche zudem das Angebot ausgewählter Mode-Labels, die durch ihre Qualität und Nachhaltigkeit das Landwirtspaar überzeugt haben.

Nicht verarbeitet wird das Fleisch der Alpakas. In Peru, dem Heimatland der Tiere, gelte es als Delikatesse und natürlich könne man es sich auch vorstellen, das Fleisch als Festtagsbraten auf den Tisch zu bringen, so Gärtnermeister Thomas Kutzner, der an einem Stand Alpaka-Dünger vertreibt. Aber mit nur sechs Kilogramm Fleisch pro ausgewachsenem Tier wäre es viel zu teuer, die Tiere zu schlachten, während mit Wolle und Dung nachhaltige und hochwertige Produkte zur Verfügung stehen.