Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Tiertransport

Zuchtviehexport: Es läuft alles legal

Rinderexport_gk
Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Mittwoch, 30.09.2020 - 15:45

Landwirtschaftliche Organisationen wehren sich gegen Vorwürfe aus Landshut.

Pressefachgespräch auf dem Hof von Landshuts BBV-Kreisobmann Georg Sachsenhauser, die Stimmung im Raum ist angespannt, die Erregung ist gepaart mit einem Stück Ratlosigkeit und einem Hauch von Resignation. „Wie stehe ich denn da, wenn meine Landwirte in der Zeitung lesen, dass eine trächtige Fleckviehkalbin im Export 2000 € bringt, ich ihnen aber nur 1300 € bezahlt habe, weil das der reale Wert auf den Märkten ist“, erregt sich Sepp Frank vom Mühldorfer Zuchtverband.

Die Gemüter erhitzen sich an den jüngsten Vorwürfen des Landshuter Landrats Peter Dreier in Sachen Zuchtviehexporte (Das Wochenblatt berichtete). Ebenfalls nicht haltbar ist es aus Sicht von Sebastian Mühlbauer, Vorsitzender des Zuchtverbands für Fleckvieh in Niederbayern, wenn Dreier und seine Veterinäre hierzulande eine Schlachtprämie für die Tiere fordern. Dass man Schlachtvieh nicht über Hunderte von Kilometern transportieren brauche, „das steht außer Zweifel“, so Mühlbauer, „aber hier geht es um trächtige Kalbinnen, um Zuchtvieh.“ Fleckvieh hat in aufstrebenden Ländern einen hohen Stellenwert, weil es als Zweinutzungsrasse wirtschaftlich gefragt ist und überdies eine sehr gute Ökobilanz nachweisen kann.

Zuchtfortschritt mit anderen Ländern teilen

Es gibt eine Reihe von Ländern, die eine leistungsfähige Tierhaltung anstreben, in denen die Haltung staatlich gefördert wird, und aus diesen Ländern besteht eine Nachfrage nach hochwertigem Zuchtvieh. Die Aufzucht dieser Tiere in Bayern hat auch eine strukturpolitische Komponente ist sich die Expertenrunde in Geiselsdorf einig.

Es sind häufig Nebenerwerbsbetriebe, die weibliche Kälber zukaufen, sie aufziehen und dann für die Rinderzucht bereitstellen. Die Betriebe können dadurch ihr Grünland sinnvoll nutzen und Grünland soll ja erhalten werden. Wenn dieser Betriebszweig wegfalle, hören die Betriebe auf. „Die Flächen werden meist von angrenzenden Betrieben gepachtet und zu größeren Bewirtschaftungseinheiten zusammengefasst“, erläutert Sachsenhauser.

Alles legal gelaufen

Völlig aus der Luft gegriffen sind für die Landwirte die Vorwürfe, es sei hier illegal gehandelt worden. „Wir haben an einen Zuchtviehexporteur, mit dem wir seit langem gut zusammenarbeiten 30 Fleckviehkalbinnen verkauft. Die sogenannten Vorzeugnisse waren auf Ungarn ausgestellt und dort sind die Tiere auch zügig und wohlbehalten angekommen“, berichtet Frank.

Maßgeblich ist laut Dr. Johann Ertl, Geschäftsführer beim Landesverband Bayerischer Rinderzüchter die EU-Verordnung 1/2005. Danach müssen die Papiere der Tiere einen Bestimmungsort enthalten. In diesem Fall war der Bestimmungsort Ungarn und dorthin wurden die Tiere auch gefahren. Für Bayern sei der Fall damit erledigt, so Ertl.

Ungarischen Veterinärbehörden sind an EU-Recht gebunden

Dass die Tiere dann weiter gegangen sind nach Usbekistan, das haben die bayerischen Rinderhalter nicht zu verantworten. Ob das möglich ist, mussten die ungarischen Veterinärbehörden entscheiden und für die ist ebenfalls EU-Recht bindend. Laut Ertl ist danach ein Weitertransport der Tiere nach 48 Stunden möglich.

Projekte von den Empfängerländern staatlich gefördert und kontrolliert

Obwohl von ihrer Seite aus alles korrekt gelaufen ist, haben die bayerischen Rinderzüchter weiter recherchiert. Sachsenhauser zeigt Filmaufnahmen des usbekischen Fernsehens, die Fleckhviehkalbinnen beim Abladen an einem neuen Laufstall zeigen.

Der Stall könnte in Bezug auf Tierwohlkriterien auch gut in Bayern stehen. Die Kalbinnen sind wohlgenährt und tollen munter im neuen Zuhause umher. Nach den Ohrmarken sind es die Kalbinnen aus Mühldorf. Solche Projekte werden auch von den Empfängerländern staatlich gefördert und kontrolliert. Die Zahl der Rinder wird damit nicht aufgestockt, aber die Qualität der Bestände wird verbessert, weil die bayerischen Tiere einheimische Rassen ersetzen.

In Oberösterreich läuft es anders

Dass bayerische Behörden für Usbekistan keine Vorzeugnisse ausstellen, dafür bietet EU-Recht keine Grundlage. „Wären die Exporte direkt möglich, würde man den Tieren sogar ein paar Hundert Kilometer ersparen“, so Sachsenhauser.

Nach den ersten durch den Landkreis Landshut ausgelösten Diskussionen um Zuchtviehtransporte wurde im vergangenen Jahr im Bayerischen Umweltministerium – dem sind die Veterinärbehörden zugeordnet – eine Liste mit Ländern erstellt, von denen man vermutet, dass dort der Tierschutz nicht gewährleistet sei. Und für diese Länder stellen die Veterinärbehörden in Bayern keine Vorzeugnisse aus.

Neidvoll schauen die bayerischen Rinderzüchter nach Oberösterreich, wo das gleiche EU-Recht ganz anders umgesetzt wird. Die Befürchtung, die Zuchttiere würden im Bestimmungsland geschlachtet, kann Mühlbauer nicht nachvollziehen: „Das wäre sehr teueres Rindfleisch.“

Für den Spermaeinsatz braucht es eine Grundherde

Anscheinend haben sich die Vorzüge der Zweinutzungsrasse Fleckvieh in der Welt herumgesprochen. „Beim weltweiten Spermaexport aus Deutschland steht Fleckvieh an der Spitze“, sagt Mühlbauer. Wäre das nicht die Alternative zu den Lebendtiertransporten? Auf absehbare Zeit nicht, sind sich die Rinderzüchter einig, weil es für den Spermaeinsatz natürlich eine Grundherde braucht. Eine Verdrängungskreuzung würde einfach zu lange dauern. „Im Moment ist der Nachholbedarf so groß, dass alle Kanäle genutzt werden müssen“, berichtet Ertl. Es gebe sogar deutsche Entwicklungshilfeprojekte, die den Zuchtviehexport fördern und in diesen Projekten gebe es auch Kontrollen vor Ort. Den Zuchtviehexport sehen die Rinderhalter auch als Beitrag, den Menschen in ihrer Heimat ein auskömmliches Leben zu ermöglichen.

Aber noch einmal zurück zu den Transporten selber. „Wenn die Behörden hier Bedenken haben, können sie gerne Überwachungssysteme in die Transportfahrzeuge einbauen, ich bin mir sicher, die Rinderzüchter haben nichts zu verbergen,“ betont Sachsenhauser.