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Tierschutz

Wildtierrettung geht nur miteinander

Wildlebensraumberatung_B
BLW
am Mittwoch, 27.07.2022 - 07:59

Landwirte und Jäger retten in Straubing-Bogen gemeinsam Rehkitze und Co.

Erst in jüngster Zeit ist durch Bilder geretteter Bambis ein Thema in den Fokus geraten, das den Landwirten und Jägern im nördlichen Landkreis Straubing-Bogen schon lange ein Anliegen ist: der Schutz junger Wildtiere.

In den Wochen, in denen Wiesen gemäht werden und Getreide gedroschen wird, geschieht die zeitaufwendige ehrenamtliche Arbeit meist, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt. Mit hohem technischen und damit finanziellen Einsatz werden Rehkitze, Junghasen, Fasane, Eigelege und in Siedlungsnähe so manche Hauskatze gerettet.

In Semmersdorf, Gemeinde Haibach, im Norden des Landkreises Straubing-Bogen, sprachen Landwirte und Jäger auf Initiative des Wildlebensraumberaters des AELF Deggendorf-Straubing, Hans Laumer, über ihre Zusammenarbeit und Methoden, um die Jungtiere aufzuspüren. Anlass hierfür war die Aktionswoche zur Wildlebensraumberatung, die das bayerische Landwirtschaftsministerium ausgerufen hatte.

Wichtig ist eine gute Absprache aller Akteure

Laut einer Pressemitteilung des AELF Deggendorf-Straubing waren sich alle Beteiligten dabei einig, dass es nur miteinander gehe. Das A und O sei eine gute Absprache und Planung. Was dabei alles zu beachten ist, davon berichteten Simon Haimerl, Kreisgruppenvorsitzender der Kreisgruppe Bogen des Bayerischen Jagdverbandes, Vollerwerbslandwirt Gerhard Fuchs, Tobias Attenberger, technikaffiner Junglandwirt im Vollerwerb, Ludwig Zollner, Hegeringleiter Mitterfels, Josef Schütz, Jagdvorsteher in Rattiszell, Hans Maurer vom Hegering Konzell und stellvertretender Kreisgruppenvorsitzender im Bayerischen Jagdverband, Robert Fuchs, Vorsitzender des örtlichen Rehkitzrettungsvereins und Hans Laumer, Wildlebensraumberater am AELF Deggendorf-Straubing.

Seit rund 20 Jahren betreiben sie in den Gemeinden Rattiszell, Haselbach, Konzell, Mitterfels, Stallwang, Rattenberg und Neukirchen bei Bogen diesen aktiven Tierschutz. Anfangs blieb den Freiwilligen nur, die Flächen abzuschreiten. Zusätzlich haben sie alles versucht: Verscheuchen, Vergrämen, akustische Signale.

Wirklich zufrieden mit dem Ergebnis waren sie aber nur, wenn sie mit einer Menschenkette die Wiesen durchstreift haben. Ein extremer Aufwand, bis zu 20 Leute seien da im Einsatz, sagen sie.

Es ist sehr schwierig, Jungtiere zu entdecken. Die ducken sich im hohen Bewuchs, wenn eine Gefahr naht, solange sie noch keinen Fluchtreflex haben. Doch mit Hilfe von Drohnen, die mit Wärmebildkameras ausgestattet sind, ist das Aufspüren der Tiere sehr viel einfacher geworden. Die Drohne kann hoch in der Luft, über dem Wärmepunkt, den sie ausgemacht hat, stehen bleiben. Die Helfer werden so exakt zu dem Tier geleitet, an dem sie sonst ohne die technische Unterstützung möglicherweise in nur wenigen Zentimeter Entfernung vorbeigelaufen wären.

Tiere werden im Käfig sichergestellt

Das Aufspüren ist aber erst der Anfang. Danach gilt es, die Tiere zu fangen, was ab dem zweiten Schnitt im Juni schwierig wird. Die teilweise schon größeren Rehkitze haben mittlerweile einen Fluchtreflex und nehmen Reißaus vor ihren Rettern.

Da heißt es schnell sein. Freiwillige, Jäger wie Landwirte, manchmal auch Anwohner, tragen die Jungtiere aus der Wiese oder dem Feld und bringen sie in den Schatten, wo sie für die Dauer der Mäh- oder Druscharbeiten in einen Käfig gesperrt und auf diese Weise gesichert werden. Nach Abschluss lässt man die Tiere an Ort und Stelle wieder frei.

„Nur was eingesperrt ist, ist sicher“, sagen die Rettungsprofis. Deshalb appellieren sie eindringlich an besorgte Beobachter, die in einen Korb oder Käfig eingeschlossenen Rehkitze oder andere Tiere nicht freizulassen. Das kurzzeitige Einsperren rette denen womöglich das Leben.

Zum zeitlichen Aufwand kommt für die Landwirte und Jäger außerdem der finanzielle. Runde 8000 € kostet so eine Drohne in der Anschaffung. Dazu kommen das Zubehör beispielsweise für leistungsstarke Akkus sowie die laufenden Kosten für Betrieb und Unterhalt.

Auch darf nicht jeder die Drohne fliegen. Dazu bedarf es eines befristeten Führerscheins. Seit vergangenem Jahr gibt es Zuschüsse der Bundesanstalt für Ernährung, wenn ein Verein eine solche Drohne kauft.

Teilweise haben auch Hegegemeinschaften oder einzelne Jagdpächter eine Drohne gekauft. Ohne die Jagdgenossenschaft wäre es gar nicht gegangen, sagen sie. Sie haben den Jagdschilling in die Anschaffung der Drohnen investiert. Und das ohne jede Diskussion, erzählen die Jungwildretter.

Warum tun sie sich das an, fragt man sich angesichts dieses großen Aufwands. Vor allem, wenn man weiß, wie stressig die Zeit der Mahd und Drusch ist, wenn das unbeständige Wetter nur ein kurzes Zeitfenster offenlässt, wenn der Landwirt schauen muss, dass er gegebenenfalls von einem Lohnunternehmer eine Maschine und einen Fahrer bekommt, wenn doch alle zur gleichen Zeit mähen oder dreschen wollen.

Wer einmal ein Kitz schwer oder gar tödlich verletzt hat, wer das Mähwerk von Fleischfetzen und Knochen reinigen musste, der möchte das nicht ein zweites Mal erleben. „Da stehen gestandene Männer mit Tränen in den Augen“, stellt Wildlebensraumberater Hans Laumer fest. So mancher könne danach nicht mehr weiterarbeiten.

Auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten gesetzt

Zur psychischen Belastung kommen wirtschaftliche Aspekte. Die Arbeit verzögert sich durch das mehrmalige Stoppen der Maschinen. Gerät nämlich ein Tier trotzdem unbemerkt in ein Mähwerk, wird das Gras durch die Leichengifte als Futter unbrauchbar. Und so setzen die Landwirte und Jäger auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten, auf die Drohne, auf das Vergrämen durch klassische Scheuchen oder Licht- und Lautsignale, auf schrille Piepser, die direkt am Mähwerk angebracht werden und alles verschrecken, was noch Meter davor in Feld und Wiese liegt.

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat dazu in einem „Mäh-Knigge“ Handlungsempfehlungen zur tierschonenden Mahd veröffentlicht. Dieses Heft verteilt Wildlebensraumberater Hans Laumer an die Landwirte, die seinen Rat suchen.

Was sich die Jungwildretter wünschen? Dass Schluss ist mit schnellem Fotografieren, Urteilen und Posten, ohne den Hintergrund zu kennen. Dass Jagdgegner ihnen nicht länger vorhalten, die Kitze erst zu retten und später zu erschießen. Dabei könne doch niemand ernsthaft wollen, dass Jungtiere bei lebendigem Leibe in Kleinteile gehäckselt würden, weil einzelne von ihnen Jahre später eventuell erjagt würden.

Eine echte Statistik kann es nicht geben

Fragt man sie nach einer Statistik geretteter Tiere, winken sie ab. Es gebe keine seriösen Zahlen. Die ein, zwei Kitze, die man gestern aus einer Fläche geholt habe, könnten morgen in der benachbarten Wiese liegen, erneut gerettet und gezählt werden. Was sage das schon aus? Für sie sei jedes gerettete Jungwildtier Freude und Erfolg. „Heute“, sagt Wildlebensraumberater Hans Laumer, „ist es das Schönste, wenn mir ein Landwirt sagt: ‚Wir sind fertig mit dem Mähen und ich hab‘ Gott sei Dank keins erwischt‘.“