Klimawandel

Den Wald baut man für Enkel um

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Hannelore Summer
am Montag, 17.09.2018 - 13:21

Intensive Beratung: der Weg in die forstliche Zukunft am Beispiel der Region Deggendorf.

Viele Jahre ist Michael Klampfl stolz gewesen auf seinen Wald am Hoiberhügel bei Außernzell-Gunzing im Landkreis Deggendorf: gerade gewachsene Fichten, ein geschlossener Bestand, schöne, kräftige Stämme, dickere und dünnere, hin und wieder mal eine Tanne dazwischen, die eine oder andere Buche oder Birke fällt kaum auf. Ein gepflegter Wald, wie es sich für den Bürgermeister von Außernzell und BBV-Kreisobmann gehört. Auch zur Mittagszeit ist es angenehm kühl, das Licht auf dem Waldboden reicht für ein paar Farne, Sauerklee und Keimlinge von Tannen.

Vom Fichtenwald hin zum Mischbestand

Jetzt ist es Klampfl ein bisschen mulmig. 100 m weiter tönt eine Motorsäge: Käferholz. Ein paar Waldparzellen entfernt haben Buchdrucker ihre Eier unter die Rinde der Fichten gelegt. Die Borkenkäfer sind vielleicht so groß wie eine halbe Kaffeebohne, ihr Werk ist verheerend: Aus einem Käferbaum können in der Folge in einem Sommer 400 Fichten dem Tod geweiht sein. Deswegen müssen Käferbäume so schnell wie möglich aus dem Wald geholt werden.
Die Fichte ist zum Brotbaum der Waldbauern geworden. Sie wächst rasch, ihr Holz ist gut zu verarbeiten. Aber sie war schon immer gefährdet. Wer Fichten gepflanzt hat, musste mit dem Borkenkäfer rechnen und befallene Bäume mit den Käfern, ihren Larven und Eiern aus dem Wald entfernen. In feuchten, kühleren Jahren ging das meist gut. 2018 hat der Klimawandel zum vierten Mal ein trockenes, warmes Jahr gebracht, schlecht für die Fichte, gut für den Borkenkäfer. Auch 2018 ist Klampfl noch einmal davon gekommen. Erst vor kurzem hat er die Fichten kontrolliert: kein braunes Bohrmehl auf den Schuppen, keine Harztröpfchen am Stamm.
Um seinen Wald zukunftsfest zu machen, hat Klampfl im Winter begonnen, den Wald umzubauen. 2017 war der Wald zwischen Schöllnach, Außernzell und Iggensbach Projektgebiet für die Aktion „Mein Wald – mein Projekt“ des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Deggendorf (AELF). Wer wollte, konnte mit dem Förster Jan Theisinger überlegen, wie er seinen Fichtenbestand in einen Mischwald mit Bäumen, die höhere Temperaturen und Trockenheit besser vertragen, umbauen kann. Theisinger bespricht mit den Waldbesitzern, wie sie ihren Wald bewirtschaften wollen und empfiehlt einen Nachhaltigkeitsplan. Dabei orientiert er sich an Baumarten, die zum Boden und Klima des Standorts passen.
„Diese Aufgabe ist für mich wie auf den Leib geschneidert“, findet der 29-jährige Projektleiter. Nach der mittleren Reife hat er zunächst Betriebselektriker gelernt. Dann hat er auf der Berufsoberschule das Fachabitur gemacht und schließlich kam beim Studium des Forstingenieurwesens an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf alles zusammen, was Theisinger interessierte: Technik, Natur, Begegnung mit Menschen. Als Abschlussarbeit hat er dann einen Forstbetriebsplan zum nachhaltigen Waldumbau erstellt.

Die Funktionen des Waldes erhalten

Es sei etwas Geniales, wenn alle Funktionen des Waldes zusammenfänden, meint er: der Wirtschaftswald als Holzlieferant, ein schönes Landschaftsbild und der klimafeste Wald, der die ökologischen Funktionen sichert. Im Wald von Michael Klampfl sind Theisinger viele Keimlinge von Tannen aufgefallen und die eine oder andere junge Eiche. Da würde er ansetzen: Einzelne Bäume entnehmen, damit etwas mehr Licht auf den Boden fällt und die Tannen wachsen können. Nicht zu viel Licht, das würde die Fichten fördern. Der Jäger, der den Hoiberhügel betreut, ist fleißig, das ist die Voraussetzung für die Naturverjüngung. Eventuell könne man einige Buchen pflanzen und in einigen Jahren die Eichen, die der Eichelhäher gesät hat, freistellen.

Wirtschaft vor Ort profitiert vom Wald

Für Klampfl ist sein Wald Baustofflieferant und Energiequelle. Als Bürgermeister sieht er auch die wirtschaftliche Bedeutung für die Region. Bauherren sparen sich viel Geld, wenn sie Dachstühle aus ihren eigenen Bäumen bauen können. Da spielen die kleinen Sägewerke eine wichtige Rolle. Und weil Klampfl darauf achtet, dass er nur im Dezember oder Januar bei abnehmendem Mond Bauholz fällt, weiß er, dass er gutes Holz bekommt. Schon jetzt hat er einen Vorrat an trockenen Brettern und Kantholz bei sich unter dem Dach liegen. Es gibt immer etwas umzubauen an seinem Haus. Wenn er jetzt den Wald auslichtet, sind auch die Dachstühle für die Häuser seiner Töchter gesichert, wenn sie mal ausziehen und heiraten, schmunzelt Klampfl.
Im Grunde fühlt er sich wie ein Gast auf Erden, der das Naturerbe in gutem Zustand weitergeben möchte. Dabei unterstützt Theisinger ihn gerne, denn für beide steht fest: „Einen Wald pflegt man nicht nur für sich, er ist ein Erbe, dass man seinen Enkeln anvertraut – Waldbesitzer denken im Idealfall immer über Generationen hinweg.“

Wer mitmacht, kann auch noch gewinnen

Das Projekt läuft noch bis April 2019. Derzeit erstellt Theisinger Nachhaltigkeitspläne für Waldbesitzer am Hartrücken um Forsthart. Das Interesse ist groß, an einem Infoabend haben sich rund 40 Waldbesitzer über das kostenlose Beratungsangebot informiert. „Wir wollen auch die Waldbesitzer, die kleine Waldstücke besitzen, ermuntern, ihren Wald umzubauen“, erklärte Walter Schubach, Leiter der Abeilung Forsten am Amt für Ernährung Landwirtschaft und Forsten Deggendorf, das Projekt. Langfristig, so hofft er, werde man es im Wald bemerken – mehr Baumarten, weniger Borkenkäfer.

Auch außerhalb der Projektgebiete möchte Schubach die Waldbesitzer mit ungewöhnlichen Wegen ermuntern, ihren Wald umzubauen. Unter allen Waldbesitzern im Landkreis Deggendorf, die bis April 2019 Förderung erhalten haben, um eine Kulturfläche aufzuforsten oder zu pflegen, verlost das Deggendorfer Amt deshalb im Mai des kommenden Jahres Geld- und Sachpreise.