Ostbayern

Vier Bauern, vier Bürgermeister

VG alle 2
Helga Gebendorfer
am Dienstag, 13.10.2020 - 13:57

Durchblick und Tatkraft: Die Verwaltungsgemeinschaft Mainburg wird von vier Landwirten geführt.

Seit der letzten Kommunalwahl hat sich die Zahl der Landwirte, die in den Kommunen im Landkreis Kelheim Verantwortung tragen, verdoppelt. Doch nur vier der 24 Bürgermeister gehören Haupterwerbsbetriebe. Hinzu kommt, dass alle von ihnen im Landkreis-Süden beheimatet sind und miteinander die Verwaltungsgemeinschaft Mainburg (VG) mit den Gemeinden Attenhofen, Elsendorf, Volkenschwand und Aiglsbach führen – eine einmalige Konstellation in Niederbayern, wenn nicht in ganz Bayern.

Franz Högl

Die VG beschäftigt zwölf Angestellte und in Elsendorf, Aiglsbach und Volkenschwand gibt es einen Kindergarten und eine Grundschule. Alle vier Landwirte können die ehrenamtliche Aufgabe gut mit ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit verbinden, weil ihnen ihre Familien den Rücken freihalten. Sie stecken viel Energie und Herzblut in diese Aufgabe, deren Zeitbedarf ungefähr mit einem Halbtagsjob einschließlich Wochenend- und Abendterminen einhergeht.

Leonhard Berger

Die vier Bürgermeister treffen sich unregelmäßig alle ein bis zwei Monate in der VG, um gemeinsame Themen, die für alle gleich wichtig sind, zum Beispiel Breitbanderschließung, zu besprechen. Zwei von ihnen haben feste Bürozeiten eingerichtet: Franz Högl jeden Dienstag und Donnerstag vormittags zwei Stunden und Markus Huber jeden Montag und Donnerstag am Vormittag.

Franz Stiglmaier

Dienstältester ist Franz Stiglmaier aus Attenhofen, der seit 2008 seiner 1350-köpfigen Einwohner zählenden Gemeinde vorsteht. Dort sind knapp 45 landwirtschaftliche Betriebe zuhause. Von den zwölf Gemeinderäten sind außer dem Bürgermeister noch drei weitere Landwirte im Gremium. Seit dem 1. Juli 2020 ist Stiglmaier auch Vorsitzender des Wasserzweckverbands Hallertau mit rund 10 000 Haushalten.

Huber

Der 62-jährige Landwirtschaftsmeister und Vater von vier Kindern bewirtschaftet mit seiner Frau Elisabeth einen spezialisierten Hopfenbaubetrieb mit 20 ha Hopfenfläche sowie 14 ha Wald. Das Bürgermeisteramt stellte für ihn eine Herausforderung dar. „Ich wollte die Entwicklung unserer Gemeinde in die Hand nehmen und selbst gestalten“, begründet er den Schritt für seine Kandidatur. Einblick in das Amt hatte er bereits genug, da er vorher schon 18 Jahre dem Gemeinderat angehörte.

Eine vorausschauende, vernünftige Politik

Bei seiner Arbeit verfolgt er kein konkretes Ziel: „Ich will einfach eine vernünftige und vorausschauende Politik machen“, erklärt er. Seine Erwartungen wurden bis heute erfüllt und er konnte einiges auf den Weg bringen. Dabei kommen relativ wenig landwirtschaftliche Themen in der Gemeinde auf die Tagesordnung.
Seit einem Jahr läuft eine Machbarkeitsstudie zur Oberflächenwasserspeicherung für die Bewässerung der Hopfengärten. „Das Konzept ist eine Alternative zur Grundwasserbewässerung und wird über das bayerische Förderprogramm bezuschusst“, erläutert Stiglmaier.
Ein weiteres Vorhaben ist, bestehende Landwirtschaftswege auszubauen beziehungsweise neue einzurichten. Gefördert werden diese „Kernwege“ mit Mitteln des Amtes für ländliche Entwicklung (ALE), ohne die solche Vorhaben nicht umgesetzt werden könnten.
Für die Zukunft der Landwirtschaft hofft Stiglmaier, dass diese die Herausforderungen der Zukunft vernünftig meistern kann und regionale Absatzchancen mehr vorangebracht werden. „Außerdem wünsche ich mir, dass die Bevölkerung die Leistungen der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft mehr schätzt“, so der 62-Jährige.

„Ich wusste nicht, was da auf mich zukommt“

Markus Huber aus Allakofen ist seit sechs Jahren Bürgermeister in der Gemeinde Elsendorf mit 2200 Einwohnern und seit heuer VG-Vorsitzender. Der 48-jährige Landwirt und Vater von vier Kindern führt mit seiner Frau Daniela einen 360 ha großen Ackerbaubetrieb, davon 40 ha Grünland und 1 ha Wald. Seit 2005 betreibt er eine Biogasanlage mit 1400 kW.
Er stellte sich damals relativ kurzfristig für das Bürgermeisteramt zur Verfügung. „Ich war vorher nicht einmal im Gemeinderat und wusste nicht, was auf mich zukommt“, stellt er fest. Seine Beweggründe: Defizite etwa beim Straßenunterhalt und Wegebau sowie die Erschließung von Bauplätzen und Gewerbegrund.
In den vergangenen Jahren konnte Huber einiges bewegen, sodass sich seine Erwartungen zum Großteil erfüllt haben. „Ich habe alle meine damaligen Ziele erreicht und mir inzwischen neue gesteckt“, verrät er und denkt dabei an das boden.ständig-Projekt, in dessen Rahmen bereits ein Wasser-Rückhaltebecken in Margaretenthann gebaut wurde und zwei weitere zwischen Allakofen und Thonhausen sowie Horneck und Mitterstetten in Planung sind.

Die große Politik ist mir nicht ganz so wichtig

Das Ganze erfolgte in Zusammenarbeit mit örtlichen Landwirten, was kostengünstiger ist als der Kauf der Grundstücke. In diesem Zusammenhang gibt Huber zu bedenken, dass sich inzwischen die Akzeptanz für die Landwirte reduziert hat. „Diese müssen sich genauso an die Regeln halten wie normale Bürger. Dieses Verständnis müssen sie noch lernen“, meint er.
Seine künftigen Aufgaben sieht der 48-Jährige in der Erschließung von Bauplätzen mit Vorgabe nach bestimmten Kriterien, um ortsansässige junge Leute in der Gemeinde zu halten. Außerdem will er nach Möglichkeit versuchen, vermehrt innerorts Wohnraum zu schaffen, ohne Flächen ausweisen zu müssen. Hinzu kommt die zeitnahe, schrittweise Weiterentwicklung der Dorferneuerung in Elsendorf. „Die große Politik ist mir nicht wichtig, sondern das was hier vor Ort passiert“, macht er deutlich.

Erst zwei, dann sechs Landwirte im Gemeinderat

Zum neuen Bürgermeister der 1800 Einwohner Gemeinde Aiglsbach wurde dieses Jahr Leonhard Berger aus Buch gewählt. Er gehörte bereits sechs Jahre dem Gemeinderat an und war sechs Jahre 3. Bürgermeister. „Bisher waren nur zwei Landwirte in diesem Gremium, was mir zu wenig war. Heute sind wir sechs Landwirte“, erzählt der 51-Jährige. Sein Vorhaben ist, die Landwirtschaft mehr in den Fokus zu rücken und das Negativ-Image auszuräumen. „Als Bürgermister kann man die Richtung vorgeben und Ideen umsetzen“, meint der Landwirt, der mit seiner Frau Petra einen spezialisierten Hopfenbaubetrieb mit 50 ha und 20 ha Wald bewirtschaftet. Um sich ehrenamtlich engagieren zu können, musste er seinen Betrieb etwas umstrukturieren und mehr Fremdarbeitskräfte beschäftigen.
„Meine Erwartungen haben sich erfüllt. Ich habe bereits einiges angestoßen“, informiert er. Ein Thema ist beispielsweise nach dem Hochwasser 2018 ein Hochwasserschutzkonzept. So wurde im Gemeindebereich Pindhart und Aiglsbach das Projekt boden:ständig angeleiert. „Zum Konzept gehört unter anderem die Umstellung der Bearbeitungsweise und das Anlegen von natürlichen Rückhalteflächen. Das Programm ist perfekt, um zusammen mit der Landwirtschaft und der Gemeinde die Situation zu entschärfen“, berichtet er. Zudem wird mit dem ALE die Sanierung des Kernwegenetzes angestoßen, das für die landwirtschaftliche Infrastruktur von großer Bedeutung ist.
Ein weiterer Punkt ist eine Machbarkeitsstudie für Hopfenbewässerung, um der Klimaveränderung entgegen zu wirken. Hier lotet ein Ingenieurbüro gerade die Möglichkeiten aus. Als kleines Erfolgserlebnis verbucht Berger den anstehenden Bau eines Rad- und Wirtschaftsweges von Aiglsbach nach Geisenfeld. Weitere Projekte sind die Errichtung eines neuen Kindergartens, die Sanierung des Schulhauses und die Einrichtung einer offenen Ganztagsschule. Der gesamte Schulcampus wird über eine neue Hackschnitzelheizung mit Nahwärme versorgt.

Mit praktischer Arbeit Zukunft gestalten

Der zweite Neuling in der Bürgermeister-Riege ist Franz Högl aus Dietrichsdorf, der an der Spitze der 1700 Einwohner starken Gemeinde Volkenschwand steht und sich vorher drei Perioden im Gemeinderat eingebracht hat. Aktuell sind in diesem Gremium sieben von 13 Mitgliedern Landwirte oder haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund.
„Ich habe mich zu diesem Schritt entschlossen, weil ich Verantwortung übernehmen wollte. Das ist keine theoretische Ebene, sondern hier kann ich praktisch etwas tun und zusammen mit dem Gemeinderat gestalten“, erläutert er. Mit dem Ehrenamt kam für den Landwirtschaftsmeister ein zusätzliches Aufgabenfeld hinzu, das es zu bewältigen gilt.
Gemeinsam mit seiner Frau Petra führt der 53-Jährige einen Ackerbaubetrieb mit Minimalbodenbearbeitung und ist Chef eines Kompost- und Recycling-Unternehmens mit Vergärungsanlage für Kommunen im Umkreis von 60 bis 70 km und dem Lebensmitteleinzelhandel in ganz Bayern. Zudem ist Högl Mitglied im DLG-Gesamtausschuss und im DLG-Ausschuss für Betriebsführung.
Der vierfache Vater setzt sich zum Ziel, die Bodenfruchtbarkeit in der Landwirtschaft zu erhöhen und den Humus zu mehren – möglichst über die Düngung mit den Gärprodukten und Kompost aus seinem Unternehmen.
In der Gemeinde laufen verschiedene Dorferneuerungen in den Ortsteilen. Zur Stärkung des Schulzentrums wird gerade eine Turnhalle gebaut. Auch der Erhalt der Gemeindestraßen und die nachhaltige Energieversorgung sind auf der Tagesordnung. Themen sind außerdem das Freizeitverhalten der Bevölkerung in Wald und Flur sowie der Flächenverbrauch etwa durch den Bau von Wohnungen und Radwegen sowie die dazu nötigen Ausgleichsflächen.
Högl gibt zu bedenken, dass in der Landwirtschaft früher die Nahrungsmittelerzeugung im Mittelpunkt stand, heute dagegen vermehrt die Freizeitgestaltung der Bürger sowie die Biodiversität. Das bedeutet: Zusammenleben erfordert, auf die Bedürfnisse von anderen einzugehen, Rücksicht zu nehmen und Interessen abzuwägen.
Top Themen:
  • Lohnt sich die Umstellung auf Ökolandbau?
  • Grassilage 2. Schnitt: Zuckersüß
  • Landesschau des süddeutschen Kaltbluts
  • Festgesetzt im Markt für Pilze
  • Schöne, aber pflegeleichte Gräber
  • Warum die Schotten den Brexit nicht fürchten
Kostenfreies Probeheft Alle Aboangebote