Tradition

Tiersegnung - alte Tradition wird wieder gelebt

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Lorenz Märtl
am Freitag, 02.11.2018 - 13:43

In Dasswang kommt der Pfarrer zur Tiersegnung in den Stall.

Daßwang/Lks. Neumarkt i. d. Opf. Als Pfarrvikar von Daßwang hat Peter Gräff vor mehr als vier Jahren – inspiriert durch die historische Aufnahme einer Viehsegnung anlässlich der Wendelini-Kirchweih – die alte Tradition wiederaufleben lassen. Einziger Unterschied: Damals wurden die Tiere auf den freien Platz bei der Kirche getrieben, heute kommt der Pfarrer zu den Tieren auf den Bauernhof. Gräff ist zwar zwischenzeitlich auch mit dem erweiterten Aufgabengebiet als Pfarrer und Leiter des Pfarrverbandes Seubersdorf beauftragt, aber an der Tiersegnung in seinem ursprünglichen Aufgabengebiet Daßwang, Schnufenhofen und Wissing will er festhalten. Das Wochenblatt hat ihn heuer bei der Tiersegnung nach Willmannsdorf, dem Nachbarort von Daßwang, begleitet.
Der Tag der Tiersegnung um Wendelini (20. Oktober) ist für Pfarrer Gräff ein Tag fast ohne Pause. Schon ab dem frühen Morgen ist er unterwegs. Auch bei der Predigt im Gottesdienst in der Kirche in Daßwang erinnert er an den Kirchenpatron Wendelin, über den es in einer alten Bauernregel heißt: „St. Wendelin, verlass’ uns nie, schirm’ unsern Stall, schütz’ unser Vieh!“ Bis heute ist er der Patron der Hirten und Herden, der Schäfer und Bauern, des Viehs, gegen Viehseuchen, für eine gedeihliche Witterung und gute Ernte sowie für Natur- und Umweltschutz. „An Gottes Segen ist alles gelegen“, sagte der Pfarrer und erntete von Landwirt Christian Karg ein beifälliges Nicken. Der erinnert sich noch gut daran, als Gräff – kurz nachdem er in Daßwang angefangen hatte – mit dem Weihwasserkessel beim Aufstellen des Kirchweihbaums auftauchte und Baum und Helfer segnete.

Zuerst noch eine Taufe

Am Nachmittag müssen die Tiere ein wenig auf den Segen warten. Erst einmal ist ein neuer Erdenbürger zur Taufe an der Reihe. Auf dem Vorplatz wartet Landwirt Christian Karg mit seinem jüngsten Spross, dem aufgeweckten Lukas, auf den Pfarrer und die Ministranten. Das sind Lukas Zwillingsbrüder Johannes und Andreas sowie Thomas und Katrin.
Erste Station ist der heimatliche Hof. Christian und seine Frau Agathe haben dort im letzten Jahr einen neuen Laufstall für ihre 65-köpfige Milchviehherde gebaut. „Allmächtiger Gott, keiner weiß besser als die Landwirte, wie abhängig man von der Natur und den Gaben der Schöpfung ist. Segne diesen Hof, segne diese Tiere und halte Krankheiten und Unheil von ihnen fern, segne diesen Bauernhof und alle, die hier ein- und ausgehen“, betete Pfarrer Gräff, versprengte Weihwasser und schwang das Weihrauchfass.
Der Segen erreichte auch einen stillen Beobachter, auf den die Landwirtsfamilie erst später hinwies: einen holzgeschnitzten heiligen Wendelin, der auf dem Melkroboter thront und künftig als Schutzpatron einen dauerhaften Ehrenplatz im Stall bekommt.
Auch Alfred und Gisela Geitner am anderen Ende des Dorfes freuen sich: „Schön, dass er das macht, unser Pfarrer“. Peter Gräff erkundigt sich nach der Kuh „Ella“, an die er sich aus dem letzten Jahr erinnert. Auf die Schnelle aber kann sie auch der Bauer in der Herde der 70 Milchkühe, die im Stall und auf dem Laufhof verteilt ist, nicht ausmachen.
Für die letzte Station brauchen Pfarrer Gräff und seine Ministranten, unterstützt von Lukas, der stolz das Gebetbuch trägt, nur die Straße überqueren. Hier haben sich Hans und Erika Harfolk ihren Traum erfüllt. Vor 18 Jahren kauften sie 6 ha Wiese, bauten Wohnhaus, Stall und Reithalle und zogen von der Stadt mit ihren Pferden, die in Unterbuchfeld eingestellt waren, aufs Land. Inzwischen sind es sieben Pferde, drei Shetland Ponies und allerlei Kleingetier. Seit kurzem steht auch ein Gastpferd im Stall, ein rassiger Araber. Auf der Koppel steht mit 29 Jahren der Senior der Vierbeiner, der einst auf der Trabrennbahn gelaufen ist und an den man schöne Erinerungen hat. „Wir sind glücklich, dass wir ihn haben“, meint Erika Harfolk. Auch hier hat Pfarrer Gräff einen Bekannten: das Shetland Pony Franzl. Der spielt am Palmsonntag in Daßwang im wahrsten Sinne des Wortes immer eine tragende Rolle: Er mutiert für den Einzug nach Jerusalem zum Esel.
Bevor Pfarrer Gräff seine Runde in den anderen Dörfern fortsetzt lässt er sich doch zu einer kurzen Kaffeepause bei den Kargs überreden. Dem köstlichen Kirchweihkuchen der Oma kann auch er nicht widerstehen. Und der Opa erinnert sich, dass früher nicht nur das Großvieh zur Weihe getrieben wurde, sondern zu Pferd auch ein Wendelini-Ritt Brauch im Ort war. Lorenz Märtl