Innovation

Tante Emma wird digital

Supermarkt
Markus Bauer
am Freitag, 19.02.2021 - 13:32

Erstmals in Bayern soll ein digitaler Supermarkt eröffnen, der rund um die Uhr offen hat. Das Konzept setzt auf lokale Produkte.

Ein digitaler Supermarkt, der erste seiner Art im Freistaat, soll bis Jahresende in Altenthann im Kreis Regensburg seine virtuellen Pforten öffnen. Neben den Vollsortimenter-Angeboten wird es auch eine Café-Bar und eine Elektro-Tankstelle geben. Das Herzstück seien aber die lokalen Anbieter, wie Landwirte, die örtlichen Metzger und Bäcker.

Das digitale Geschäftsmodell ist darauf ausgelegt, dass das System eigenständig nachordert, sobald sich die Regale leeren. Jetzt stellte Mario Demange, Geschäftsführer des Unternehmens Emma’s Tag und Nacht Markt GmbH, das geplante Projekt in der Sporthalle der Gemeinde den örtlichen Kommunalpolitikern vor.

Vor 16 Jahren schloss hier der letzte Kramerladen

Altenthann Aiwanger

Auch der Bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger war hierzu gekommen. Nicht nur über den Besuch des Staatsministers freute sich der Altenthanner Bürgermeister Harald Herrmann, sondern auch über das „neue und innovative Projekt“, das in Bayern zudem eine Pilot-Funktion habe.

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die manch neue Wege auch in der Digitalisierung beschleunige, und der Tatsache, dass vor 16 Jahren hier der letzte Kramerladen schloss, schilderte der Rathauschef die Entwicklung und Entstehung des Tante-Emma-Ladens 2.0.

Ende September habe er im Radio von „dieser neuen Art des Dorfladens“ gehört, der an sieben Tagen und jeweils 24 Stunden zugänglich ist und 1200 Produkte bietet. Sofort habe er dies als Chance für seine Gemeinde gesehen, Mitte Oktober das erste Gespräch mit MdL Tobias Gotthardt zur weiteren Planung gehabt und dann Kontakt zum Unternehmen Emma’s Tag und Nacht Markt aufgenommen. Für den Rathauschef geht es darum, „die Lebensqualität und die Grundversorgung im ländlichen Raum durch das Konzept des Supermarktes der Zukunft zu verbessern“.

Grundversorgung muss gesichert werden

Mario Demange

Über das im Jahr 2012 gestartete Projekt (vier Jahre Planung, vier Jahre Umsetzung des ersten Test-Ladens in Altengottern in Thüringen) berichtete Geschäftsführer Demange, der früher im Lebensmitteleinzelhandel tätig war und die Situation vor allem auf dem Land gut kennt. „Der Handel zieht sich aus den ländlichen Regionen zurück, es fehlen Plattformen für lokale und regionale Anbieter und auch soziale Kommunikationspunkte“, konstatierte Demange.

Seine Analyse ergab, dass als Zielgruppe vor allem Dörfer bzw. Gemeinden mit 500 bis 2500 Einwohner in Frage kämen. Im Fokus sollte die „Versorgung der Bürger in infrastrukturschwachen Regionen mit Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs“ stehen – mit besonderem Blick auf Einwohner im fortgeschrittenen Alter und Menschen mit eingeschränkter Mobilität beziehungsweise mit Behinderung.

Für Deutschland ermittelte Demange ca. 4500 in Frage kommende Gemeinden. Zudem hätten die Erfahrungen in Altengottern (mit Corona) gezeigt, dass auch die junge Generation diese Einkaufsmöglichkeit wahrnimmt.

Regale übernehmen die Nachbestellung

Neben den Vollsortimenter-Angeboten wird es unter anderem auch eine Café-Bar, eine Elektro-Tankstelle, eine digitale Infotafel der Gemeinde und einen offenen W-Lan-Hotspot geben. „Lokale Anbieter sind das Herzstück“, bekräftigt Demange.

Die Regale werden vom Personal alle paar Tage mit der neu eingetroffenen Ware aufgefüllt. Zudem kann das Sortiment dank künstlicher Intelligenz on-demand angepasst werden. Bei besonderer Nachfrage wird das Verkaufsangebot verändert und eventuell aufgestockt. Durch viel Sensorik und KI (Künstliche Intelligenz) erfolgt sowohl die Bestückung wie auch die Überwachung und Kontrolle digital und automatisiert.
Der Zutritt erfolgt über eine kostenlose Kundenkarte und mit einer Pin, die der Kunde selbst festlegt. Nach Eingabe der PIN kommt man in den Supermarkt. Nachdem der Einkaufszettel abgearbeitet ist, gelangt der Kunde in den Kassenbereich mit Selbst-Scan-Kassen. Der Kunde kann die Produkte selbst einscannen und mit seiner EC-Karte oder Kreditkarte bezahlen. Diebstähle – ob unbeabsichtigt oder mutwillig – werden aufgedeckt.

Regionale Angebote sind besonders wichtig

Als Investor plant und baut die Emma’s Tag und Nacht Markt GmbH den Hightech-Tante-Emma-Laden. Die Kommune muss das Grundstück stellen und einen Eigenanteil von 150.000 Euro aufbringen. Nach 20 Jahren wird das Gebäude Eigentum der Gemeinde, die in den ersten 20 Jahren keine weiteren Kosten hat. Mit mehreren Rückfragen während Demanges Präsentation hatte Minister Aiwanger bereits sein Interesse gezeigt. In seinem Grußwort zeigte er sich begeistert von diesem Projekt.
Es sei „eine große Chance für strukturschwache Gebiete“ und auch eine Gegenstrategie zur sonst weit verbreiteten Tendenz, sich alles schicken zu lassen. Auch die Öffnungszeit rund um die Uhr und damit die Chance für Berufsgruppen, die tagsüber keine Zeit zum Einkaufen haben, betonte Aiwanger. Zudem könne durch solche Initiativen das Land an Bedeutung gewinnen.
„Den guten alten Tante-Emma-Laden wieder aufleben lassen – mit neuer Technik. Vielleicht ist auch weniger mehr. Ich werde das Projekt weiter konstruktiv begleiten“, fasste er zusammen, sagte seine Unterstützung zu und verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass weitere solche digitale Supermärkte in Bayern folgen mögen.
Als „total geniale Idee“ bezeichnete der Stimmkreisabgeordnete Tobias Gotthardt das Projekt. Gemeinsam mit Bürgermeister Herrmann hatte sich Gotthardt bei der EU für das Projekt stark gemacht. So erhielt Gotthardt eine Zusage für eine 40-prozentige Förderung aus europäischen Mitteln. Für ihn stellt das „innovative Altenthanner Modell einen Leuchtturm für ganz Bayern“ dar.

Heimische Erzeuger sollen mit im neuen Boot sitzen

Tante-Emma_b2

Projektentwickler Mario Demange machte im Gespräch mit dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt klar, warum ihm die Zusammenarbeit mit den heimischen Erzeugern wichtig ist: „Wir stellen die digitale Infrastruktur-Plattform zur Verfügung und wir arbeiten sehr gerne mit den einheimischen Erzeugern zusammen. Wir wünschen uns natürlich, dass wir so viel wie möglich einheimische Produkte anbieten können. Damit steht und fällt das gesamte Erfolgsrezept, denn die Leute müssen sich ja damit identifizieren.“

Das geschieht am besten, wenn die Kunden ihre Produkte, die sie bisher zum Beispiel in einem Hofladen kaufen, auch im digitalen Laden finden. „Es gibt ganz viele Möglichkeiten, die heimischen Landwirte und Erzeuger mit einzubinden – und das wünschen wir uns natürlich auch. Denn damit steht und fällt alle“, betonte Demange gegenüber unserer Zeitung.