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Soziale Landwirtschaft: Ein Gewinn für beide Seiten

Melanie Bäumel-Schachtner
am Mittwoch, 04.11.2020 - 07:50

Straubing: Landwirt arbeitet mit einer Einrichtung für Suchtkranke zusammen.

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Erst war er skeptisch, jetzt ist er total überzeugt. Einmal pro Woche kommen zwei bis drei Suchtkranke auf den Betrieb von Georg Winklhofer in Ruhstorf an der Rott, um im Rahmen der Initiative Soziale Landwirtschaft auf dem Hof des Landwirts kräftig mitzuhelfen. Der 41-Jährige hat das Projekt beim Netzwerktreffen zur Sozialen Landwirtschaft Niederbayern und Oberpfalz kürzlich in Straubing mit viel Begeisterung vorgestellt und dafür geworben, Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, eine Chance in der Landwirtschaft zu geben.

Für das Treffen hatte Kerstin Rose, Beraterin für Soziale Landwirtschaft am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, den Rittersaal des Herzogschlosses Straubing organisiert, wo es den Teilnehmern möglich war, die nötigen Corona-Abstände einzuhalten. Zahlreiche Referenten boten einen Tag lang viel Wissenswertes aus der Praxis.

Sinnvolle Möglichkeit für Hilfe auf dem Betrieb

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Bei der Sozialen Landwirtschaft handelt es sich um ein zusätzliches Einkommensstandbein für den landwirtschaftlichen Betrieb, dessen verschiedene Angebotsformen sich an Menschen mit besonderen sozialen Bedürfnissen richten. Diese Menschen lernen den vielfältigen Tages- und Jahresablauf auf einem Hof und in der Natur kennen. Sie werden nach ihren individuellen Möglichkeiten in den Hofalltag und ins Arbeitsgeschehen der Land- und Forstwirtschaft, des Gartenbaus oder der Hauswirtschaft einbezogen. Dieses Angebot richtet sich an alle Altersgruppen. Der Verein Soziale Landwirtschaft wurde vor über zwei Jahren aus der Taufe gehoben.

Zusätzliche Einnahmen erzielt Winklhofer nicht, wenn er die Bewohner des Hauses „Maria Rast“ in Tettenweis auf seinem Hof arbeiten lässt. Er bekommt nichts dafür, zumindest kein Geld – aber er bekommt zusätzliche Hilfe. Der Landwirt ist in der Schweinemast und in der Direktvermarktung tätig und bietet als drittes Standbein Catering an.

Wie es der Zufall haben wollte, übernahm er auch die Bewirtung im Haus „Maria Rast“, in dem rund 30 chronisch Abhängige eine Heimat gefunden haben. So kam Winklhofer mit der Initiative der Sozialen Landwirtschaft in Kontakt, wie er zurückblickt. „Eigentlich war meine Mutter die treibende Kraft. Ich war anfangs skeptisch. Doch als es losging, war ich sofort überzeugt.“

Zusammenarbeit läuft völlig reibungslos

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Laut dem Landwirt läuft die Arbeit mit den zusätzlichen Helfern aus dem sozialen Bereich völlig reibungslos. Und sie bietet echte Hilfe: „Es wird zum Beispiel Geselchtes vakuumiert und etikettiert, oder wir hatten über Wochen Unterstützung beim Siloneubau. Auf dem Hof bringt uns das wirklich was.“ Man freue sich jede Woche aufeinander, skizziert der Landwirt: „Auch für die Menschen, die kommen, ist es eine schöne Abwechslung.“ Seine Frau sorge immer für eine positive Arbeitsstimmung mit Musik und lockerer Atmosphäre und man sei bemüht, die Menschen nicht unter Druck zu setzen und nicht zu stressen: „Das ist ganz wichtig, das haben wir bemerkt.“

Ein fester Arbeitsplatzist schon entstanden

Für Winklhofer läuft es sogar so gut, dass ein Bewohner fest in seinem Betrieb anfängt. Dieser sei schwer alkoholabhängig, seit einem Jahr aber trocken. Er habe nach 16 Jahren seinen Führerschein wieder und viel Spaß bei den Kurierfahrten, helfe als gelernter Koch mittlerweile auch im Catering und mache selber die Salate. „Ob es für immer gut geht, weiß man nicht, aber wir tun alles, um ihm zu helfen“, stellt der Landwirt in Aussicht.

Für Rose als Betreuerin des Projekts „Soziale Landwirtschaft“ in Niederbayern ist das ein sehr gelungenes Beispiel der Sozialen Landwirtschaft. Auch für Bezirksrat Markus Scheuermann (Bündnis 90/Die Grünen), zugleich Behindertenbeauftragter des Bezirkes Niederbayern, ist dies absolut nachahmenswert: „Es wäre schön, wenn dem Beispiel mehr Betriebe folgen würden.“
Beim Netzwerktreffen war auch Niederbayerns BBV-Präsident Gerhard Stadler. Er unterstrich, es sei in der heutigen Zeit wichtig, dass Landwirte andere Einkommensmöglichkeiten finden: „Diversifizierung wird immer bedeutsamer.“ Standbeine für Betriebe sind zum Beispiel auch tiergestützte Therapien oder Arbeiten auf Betrieben mit Tieren wie Strauße, Esel, Pferde oder Alpakas, informierten die Verantwortlichen beim Netzwerktreffen.
Kreisbäuerin Claudia Erndl machte klar, dass dieses Engagement aber auch honoriert werden müsse, denn es gehe um Einkommen. „Die Soziale Landwirtschaft fördert jedenfalls den Einklang von Mensch und Natur“, fasste es der stellvertretende Landrat Straubing-Bogens, Andreas Aichinger (CSU), zusammen.
Für die Teilnehmer am Netzwerktreffen gab es eine große Bandbreite an Themen. Evelyn Mehringer und Benedikt Stegner stellten die EUTB-Beratungsstelle in Straubing vor, die unabhängige Beratung für Menschen mit Behinderung bietet. Und Benedikt Stegner, der selbst seit Geburt im Rollstuhl sitzt, bietet sogenanntes Peer-Counseling an, das bedeutet: Beratung von Betroffenen für Betroffene.

Es gibt Hilfe durch intensive Beratung

Stegner machte auch Landwirten Mut, sich an diese unabhängigen Beratungsstellen zu wenden: „Wenn jemand einen Menschen mit Behinderung aufnehmen möchte in seinem Betrieb, dann schauen wir, dass es passt – und zwar auf beiden Seiten – für den Menschen mit Behinderung als auch für den Betrieb.“
Dr. Korbinian Scherm vom Landwirtschaftsamt Straubing beriet zum Thema Bauen im Außenbereich. Er erklärte, was zum Beispiel zu beachten ist, wenn eine Einzäunung für Therapietiere gebaut werden soll. Seine Empfehlung: Möglichst viele Menschen ins Boot holen, die Stellungnahmen abgeben können.