Schlachthof Vilshofen

Schweinehalter: „Es herrscht Totengräberstimmung“

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Melanie Bäumel-Schachtner
am Freitag, 04.12.2020 - 04:20

Ferkelerzeugern und Mastschweinehaltern geht die Luft aus. Aiwanger will sich für Hilfen einsetzen.

Hoffnungsschimmer für eine schwer gebeutelte Branche? Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hat den Schweineerzeugern bei einem Besuch im Vion-Schlachthof in Vilshofen (Lks. Passau) vergangenen Montag Maßnahmen angekündigt, um die Situation dieser Landwirte zu verbessern. Aiwanger besuchte den Vilshofener Schlachthof, weil dort zur Zeit seines Besuchs der Betrieb ruhte: Rund 100 Corona-Fälle waren aufgetreten.

Mit Vilshofen fallen erhebliche Schlachtkapaziäten aus

In Zeiten des Normalbetriebs werden in Vilshofen 20 000 Schweine pro Woche geschlachtet. Zusammen mit dem Standort Landshut sind das zwei Drittel aller Schweineschlachtungen in Bayern. Essenziell wichtig für die Region sei der Schlachthof Vilshofen – zum einen für die Landwirte, aber auch für die regionale Versorgung der Bevölkerung, machte Franz Beringer, Geschäftsführer der Vion-Schlachtbetriebe in Vilshofen und Landshut, klar. Rund 300 Mitarbeiter arbeiten in Vilshofen. Der Betrieb ist am Dienstag wieder mit 50-prozentiger Auslastung angelaufen.

Dennoch reicht dies nicht aus, unterstrich Willi Wittmann, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Südbayern und zuständig für die Schweine- und Ferkelvermarktung. Ihm zufolge können gerade rund 80.000 marktreife Mastschweine nicht geschlachtet werden, bei den Ferkelerzeugern sehe es noch düsterer aus: „Es herrscht Totengräberstimmung.“ Dazu komme noch die ASP. Ein Ferkel habe im Frühjahr noch 100 € gebracht, jetzt liege der Preis bei 40 €.

Psyche schwer belastet

Für Niederbayerns BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler kommt neben dem wirtschaftlichen Schaden auch noch die Psyche der Bauern ins Spiel: „Sie sehen, sie erzeugen ein Produkt, das keiner abholt.“ Aiwanger sprach sich dafür aus, eine Allgemeinverfügung für Bayern zu erreichen. Danach sollen Schlachthofmitarbeiter länger als bislang gesetzlich geregelt arbeiten dürfen. „Bis zu zwölf Stunden“ schwebe ihm hier vor, so Aiwanger auf Nachfrage. Durch längere Arbeitszeiten könne man die Schlachtkapazität erhöhen.

Zudem gelte es, Exportmärkte neu zu erschließen und dafür Exportzeugnisse auszustellen, die für Länder wie Mazedonien und Serbien bisher nicht galten. Um die Betriebe möglichst coronafrei zu halten, seien umfangreiche Testungen notwendig, die das Unternehmen derzeit selber bezahlen muss. Dies gehe in die Zehntausende. Hier könnte der Staat finanzielle Unterstützung leisten.

Koalitionszoff nach Aiwanger-Termin

Aiwangers Besuch in Vilshofen hat bei der CSU Unmut ausgelöst – und ihm ein Jobangebot eingebracht. Es geht um die Deutungshoheit, aber auch um die Zuständigkeiten: Arbeitsschutz, Gesundheit, all das spielt eine Rolle bei dem Schlachthof-Thema. Die zuständigen Ministerinnnen haben aus der Presse von Aiwangers Besuch in Vilshofen erfahren. Die geplagten Schweinehalter sind Sache von Agrarministerin Michaela Kaniber, findet zumindest sie selbst. Aiwanger, der gerne als Anwalt der Landwirte unterwegs ist, sieht das freilich anders (siehe auch Seite 75). Der Wirtschaftsminister solle sich lieber um die Coronahilfen kümmern, ließ Kaniber den Münchner Merkur wissen. Sie habe den Eindruck, er wäre „lieber bei mir Staatssekretär, um jeden Tag Landwirtschaftspolitik machen zu können“, frotzelte sie.

Aiwangers Reaktion zu Kanibers Jobangebot: „Wir arbeiten auch in der jetzigen Konstellation ganz effektiv.“ Er sei es schon allein „als Landwirt gewohnt, hinzulangen, wo es sinnvoll ist“, sagte er dem Wochenblatt.