Publikation

Revolution aus dem Dampfkessel

Lokomobil
Markus Bauer
am Freitag, 19.03.2021 - 07:22

Theodor Häußler lässt ostbayerische Agrargeschichte lebendig werden. In seinem Werk würdigt er die Technik.

Heute beziehungsweise in den zurückliegenden Jahren rückt das Smart Farming, d. h. die Digitalisierung in der Landwirtschaft, immer stärker in den Fokus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es die beginnende Technisierung, die in der Folge auch auf die Landwirtschaft ihre Auswirkungen hatte. Ein interessantes Beispiel aus Bayern, „Die Bayerische Dampfpflug-Genossenschaft Regensburg e.G.m.b.H.“, wird in dem jüngst vom Agrarhistoriker Theodor Häußler geschriebenen und veröffentlichten Buch gleichen Titels vorgestellt.

Die Wiege der Dampfmaschinen mit ihren zahlreichen Einsatzmöglichkeiten und den Änderungen in der Landtechnik steht zweifelsohne in England. Von dort wurden sie und ihre unterschiedlichen Tätigkeitsfelder nahezu überall bekannt, so dass schließlich auch Dampfmaschinen zum Pflügen entwickelt wurden. Ganz besonders die Gutshöfe südlich von Regensburg und im Gäuboden mit ihren fruchtbaren Böden hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen großen Anteil an der fortschreitenden Mechanisierung und Technisierung in den Betrieben.

Dampfpflug als erste große Innovation

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„Neben der Einführung der Dampfdreschmaschine und den ersten Bulldogs sowie (gezogenen) Mähdreschern gilt insbesondere der Dampfpflug als die ‚erste‘ große Innovation in der Landwirtschaft“, erklärt Bernd Sibler, der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, in seinem Grußwort. Ursprünglich war eine Präsentation des Buches auf Gut Eglsee bei Straubing geplant, an der auch Sibler teilgenommen hätte. Doch diese entfiel coronabedingt.

Auf Gut Eglsee begann auch das Arbeiten mit dem Dampfpflug. Denn Gutsbesitzer Carl Phillip Paul Beckmann hatte bereits im Jahr 1895 ein Dampfpflug-Gespann mit einem Fowler-Lokomobil ausgeliehen und auf seinem innovationsfreudigen Gut im Betrieb. Nicht nur bei den Menschen in der Region erregte das neue Pfluggerät Aufsehen, auch bei den benachbarten Gutshofbesitzern. So kam es am 8. Juni 1901, also vor 120 Jahren, zur Gründung der ersten Bayerischen Dampfpflug-Genossenschaft, die sich die Rechtsform einer „eingetragenen Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht“ gab. Klar, dass auch Beckmann zu den Gründungsgenossen gehörte.

Die ersten Anfänge liegen auf britischen Feldern

In dem 122-seitigen Buch geht Häußler zunächst auf die Pioniere des Dampfpflügens in England, auf die Anfänge in Deutschland (inklusive Herstellerfirmen) und die Resonanz im Raum Regensburg/Straubing ein. Die Pflugsaison ging von Ende Juli bis Ende November, nach einem zuvor festgelegten Plan wurden die Maschinen dann von einem Betrieb zum nächsten transportiert. Der Fortschritt zum bisherigen einscharigen und eher oberflächlichen Pflügen mit dem Ochsengespann lag im nun tiefgründigen Pflügen mit fünf Scharen, was eine gänzlich andere Bodenbearbeitung bedeutete.

Die erste, zunächst für zehn Jahre gegründete Dampfpflug-Genossenschaft wurde im Dezember 1910 durch eine neue Genossenschaft ersetzt, auch um diese Technik in noch größerem Stil einsetzen zu können.

1928 wurde der dritte Dampfpflug gekauft

Natürlich hatte auch die Dampfpflug-Gesellschaft unter den Krisen in den ersten Jahren der Weimarer Republik zu leiden, weshalb ein dritter Dampfpflugsatz erst 1928 gekauft werden konnte – diesmal ein Lokomobil der Firma Heucke aus Gatersleben im heutigen Sachsen-Anhalt.

Nicht einfach war der Einsatz der Maschinen auch während des Zweiten Weltkriegs. Denn vielfach waren die Besatzungen der Dampfpflüge zum Kriegsdienst einberufen, die Pflugnehmer mussten also eigene, geeignete Leute für die Pflugarbeit abstellen. Dennoch lief diese während der Kriegsjahre mit drei Pflugsätzen weiter.

Nach dem Krieg wurde der Dampf verdrängt

Nach dem Krieg konnte sich die Genossenschaft zwar schnell wieder konsolidieren, doch die Technik, die Antriebsart und die Personalfrage führten Ende der 1950er Jahre zu Überlegungen nach Alternativen, wie Maschinen mit Dieselantrieb. Aber auch immer schwierigere Reparaturen sowie die zunehmende Tendenz, dass Landwirte ihre eigenen Traktoren und Pflüge kauften, führten schließlich zum Ende der Geschichte der Dampfpflug-Genossenschaft.
Auch hatten inzwischen Agrarhistoriker Interesse an den Maschinen gezeigt, so dass nach der Liquidation der Genossenschaft am 24. Februar 1966, also vor 55 Jahren, die drei Dampfpflug-Gespanne an verschiedene Einrichtungen mit landwirtschaftlichem Bezug verkauft wurden. Am 18. Oktober 1968 ist die Dampfpflug-Genossenschaft auch offiziell durch Austragung im Genossenschaftsregister erloschen.

Herausgekommen aus all diesen historischen Fakten ist ein lesenswertes Werk, das neben der Technik auch den Wert des Gemeinschaftsgedankens würdigt.