Ortsbesuch

Pflanzenzucht befindet sich im Wandel

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Melanie Bäumel-Schachtner
am Freitag, 23.07.2021 - 13:33

Ministerin Michaela Kaniber informiert sich bei Saatzucht Ackermann über das Saatgut der Zukunft. Insbesondere Hitzeresistenz ist dabei gefragt.

Stephansposching - Heiß brannte die Sonne vom Himmel beim Besuch von Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber in Stephansposching – durchaus realistische Bedingungen also bei ihrer Stippvisite im Landkreis Deggendorf. Denn die Ministerin war gekommen, um sich im Sommergerstenversuchsgarten der Firma Saatzucht Ackermann darüber zu informieren, wie das Saatgut der Zukunft aussehen muss, damit Pflanzen in Zeiten des Klimawandels bestehen können. Und dabei erfuhr sie von Betriebsinhaber Alexander Strube, zugleich Vorsitzender des Verbands bayerischer Pflanzenzüchter: Die Pflanzen müssen hitzeresistent sein, Trockenheit aushalten, widerstandsfähig gegen Krankheiten sein und dennoch genügend Ertrag bringen. Die Saatzüchter arbeiten bei der Entwicklung ihres Saatgutes dabei vor allem in der frühen Phase mit der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) zusammen.

„Mich treibt das Thema unglaublich um“, bekannte Landwirtschaftsministerin Kaniber bei ihrem Besuch. Es gelte, immer mehr Weltbevölkerung auf immer weniger Fläche zu ernähren und gleichzeitig dem Klimawandel zu trotzen, fasste sie zusammen. Dabei seien schnelle Lösungen gefragt und die Forschung müsse noch mehr Fahrt aufnehmen: „Wir müssen hier Gas geben.“ Sie sprach sich gegen die Verwendung von genveränderten Pflanzen aus, rief aber dennoch dazu auf: „Wir müssen schauen, ob wir nicht was Gutes aus dieser Technologie rausholen können, ohne mit Gentechnik zu arbeiten.“

Echte Pionierarbeit der Züchter

Dass es ein jahrelanger Weg von der ersten Kreuzung bis zum fertigen Saatgut ist, schilderte Alexander Strube der Ministerin bei einem Rundgang im Versuchsgarten. Die Saatzucht Ackermann begann ihm zufolge 1903 mit der Zucht, erst wenige Jahre, nachdem die Mendelschen Regeln zur Vererbungslehre veröffentlicht wurden, und leistete daher Pionierarbeit. „Wir sind einer der Hidden Champions der Braugerste, davon gibt es weltweit nur zehn bis zwanzig Anbieter“, so der Geschäftsführer. Der Standort Irlbach sei für die Zucht wegen des fruchtbaren Gäubodens und dem hohen Ertragspotenzial ideal. Dies sei bei Sortenversuchen wichtig. Überhaupt stelle sich die Saatzucht Ackermann seit 118 Jahren erfolgreich den sich ändernden Herausforderungen.

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Die Entwicklung einer neuen Sorte beginnt immer mit der Kreuzung. Jedes Jahr erfolgen bei dem mittelständischen Unternehmen 300 dieser Kreuzungen für insgesamt drei verschiedene Klimaräume. Daraus entstehen rund 20 000 neue, potenzielle Sorten.

Im Winterzuchtgarten in Neuseeland erfolgt eine erste Selektion. Dann wird das Material in den Zielgebieten geprüft. Nach sieben Jahren kann daraus eine zugelassene Sorte werden, die evaluiert wird und dann im besten Fall in den Großanbau gelangt. „Informationen, die in Südamerika gewonnen werden, können in der heutigen Zeit des Klimawandels auch in dieser Region genutzt werden“, stellt Strube in Aussicht.

Ihm zufolge machen nicht nur die Hitze und die Trockenheit der Pflanze zu schaffen, sondern auch neue Schädlinge und Krankheiten. „Die sind ganz plötzlich da.“ Kaniber brach deshalb eine Lanze dafür, wie wichtig es für den Landwirt ist, kontrolliert Pflanzenschutzmittel ausbringen zu können: „Das ist kein Akt des Spaßes, sondern man nutzt die Mittel, weil man sie wirklich braucht, um Lebensmittel zu erzeugen und zu sichern. Es ist, wie wenn man einen leichten Schnupfen hat – da nimmt man auch nicht gleich Antibiotika, aber wenn man schwerer krank ist, dann ist es ein Segen.“ Viele Menschen seien sich nicht bewusst, wie positiv Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet seien.

Neues Saatgut ist wichtig für die Biodiversität

Mit den Saatzüchtern arbeitet auch die Landesanstalt für Landwirtschaft zusammen. LfL-Präsident Stephan Sedlmayer war deshalb zu dem Termin in Stephansposching gekommen und erklärte, dass die Entwicklung von neuem Saatgut auch für die Biodiversität sehr wichtig sei. Wie Alexander Strube ausführte, sind aus der Zusammenarbeit mit der LfL mit den bayerischen Saatgutzüchtern einige erfolgreiche Züchtungen entstanden. Heute leistet die LfL im sogenannten Pre-Breeding Vorarbeit für die Züchter, auch in der Ökozüchtung.