Rote Gebiete

Nur noch deprimiert und gefrustet

Bach
Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 08.07.2021 - 08:22

Im Frühjahr gründete sich die IG GWK Siegenburg mit über 120 Mitgliedern. Sie wollen sich gegen die Ausweisung ihrer Flächen als „Rote Gebiete“ wehren.

Hausen/Lks. Kelheim Die komplette Betriebsfläche von Stefan Mehrl liegt im Roten Gebiet. Damit kommen auf den Milchviehbetrieb eine Reihe von Bewirtschaftungsauflagen zu. Der 30-jährige Landwirtschaftsmeister und Betriebsnachfolger bewirtschaftet zusammen mit seinen Eltern Karl und Ottilie einen Milchviehbetrieb sowie Bullenmast aus eigener Aufzucht. Die landwirtschaftliche Nutzfläche wird über Ackerbau und Grünland genutzt. Hinzu kommen zwei Mobilställe für Legehennen und die Direktvermarktung von Milch, Kartoffeln, Eiern, Rapsöl und Käse aus eigener Milch.

Mehrl hat sich deshalb der Interessengemeinschaft Grundwasserkörper (GWK) Siegenburg mit Sprecher Robert Schmack, Schoißenkager, und dessen Stellvertreter Matthias Blümel, Thronhofen, angeschlossen. Der GWK 054 umfasst 26 000 ha und erstreckt sich zwischen Labertal und Abensverlauf sowie vom südlichen Landkreis Regensburg bis Elsendorf im südlichen Landkreis Kelheim. Zuständig ist das Wasserwirtschaftsamt Landshut.

Eine einzige Messstelle für 26 000 Hektar Fläche

In dieser Region gibt es jedoch nur eine Messstelle zwischen zwei Sportplätzen in Teugn, an der im Jahr 2019 ein Nitratwert von knapp 60 mg/l Wasser gemessen wurde. Daraufhin wurde die Gebietskulisse als Rotes Gebiet ausgewiesen. „Diese einzige Messstelle kann doch keine Aussage für das Gesamtgebiet machen“, meint Stefan Mehrl.

Stall 2

Zusammen mit Schmack wünscht sich der Landwirt eine repräsentative Aussage und weist darauf hin, dass das Ökosystem Boden sehr kompliziert ist. Deshalb fordert die IG, durch einen Gutachter die Messstelle an sich zu überprüfen, auf alle Fälle mehrere Messstellen einzurichten und auch die Messergebnisse von privat genutzten, zugänglichen Brunnen im ganzen Gebiet heranzuziehen sowie deren Eignung als Stützmessstellen zu prüfen.

„Für die betroffenen Landwirte ist die flächige Ausweisung des gesamten Gebietes und Herausnahme von einzelnen Flächen beziehungsweise Gemarkungen Grüne Gebiete in keiner Weise nachvollziehbar“, so Schmack. Genauso unverständlich sei, dass die Betriebe, die seit 20 Jahren Ackerschlagkarteien führen, nicht ausgenommen sind und keine Befreiung erhalten.

Gemeinsam wollen sich nun die Betroffenen gegen diese Ausweisung ihrer Flächen als „Rote Gebiete“ wehren. Sie gründeten im Frühjahr die IG mit aktuell über 120 Mitgliedern mit dem Ziel zur Überprüfung und Rücknahme dieser Maßnahme. „Wir müssen uns zusammenschließen, um für unsere Interessen einzutreten und etwas zu bewegen“, stellt Schmack fest.

Als IG-Sprecher möchte er sich dafür einsetzen, folgende Gegebenheiten überprüfen zu lassen:
  • Die ursachengerechte Ausweisung der Roten Gebiete. Denn die Landwirte bewirtschaften nur 60 Prozent der Fläche. Der Eintrag über den Rest, wie Wald, öffentliche Flächen, Kanalisation, Golf- und Fußballplätze sowie Hausgärten, die Straßenränder mit liegengebliebenem Mulch und Kläranlagen, muss genauso berücksichtigt werden. „Kein Landwirt hat Interesse das Grundwasser mit Nitrat zu belasten“, unterstreicht Landwirtschaftsmeister Schmack, der einen Junghennen-Aufzuchtbetrieb führt. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass das jetzt gemessene Nitrat vor 30 bis 40 Jahren ausgebracht und ausgewaschen wurde.
  • Die Verhältnismäßigkeit der Düngeverordnung mit der um 20 % reduzierten Düngung. Aus seiner Sicht ist das ein Eingriff in das Grund- und Eigentumsrecht sowie die Berufsfreiheit.
  • Fachlich falsche und kontraproduktive Vorgaben. So sollten Zwischenfrüchte nicht mehr gedüngt werden. Stattdessen wird der Anbau von Leguminosen forciert, die noch mehr Stickstoff ins System bringen.

BBV gibt logistische Rückendeckung

Für die IG übernimmt die BBV-Geschäftsstelle Abensberg die Koordination und organisatorische Abwicklung der anfallenden Aufgaben. Sie leitet folgende Schritte in die Wege: Katalogisierung der Wasserqualität in ihrer Region, Beauftragung von Sachverständigen mit Erstellung von Gutachten, wenn die von der IG festgestellten Wasserqualitäten bezüglich Nitrat und Phosphat von den staatlich festgestellten Wasserqualitäten abweicht, sowie fachliche und finanzielle Unterstützung von IG-Mitgliedern bei der Einlegung von Rechtsmitteln gegen die Ausweisung von „Roten Gebieten“ in ihrer Region.
Mit der Gebietsausweisung gehen für Landwirt Mehrl eine Reihe von Bewirtschaftungsauflagen einher. So müssen zusätzlich vermehrt – für jede Fruchtart einmal jährlich – Bodenproben gezogen, organische Dünger regelmäßig auf Inhaltsstoffe untersucht und engere Fristen bei der Düngung von Ackerkulturen und Grünlandflächen beachtet werden. Das Ausbringfenster für Gülle konzentriert sich stark und diese kann nicht ausgebracht werden, wenn es notwendig wäre. Deren Lagerfrist wurde zwangsweise auf elf Monate verlängert. Zum Glück hat der Betrieb bereits 2020 Kapazitäten für 1500 m3 geschaffen.

Am Ende stehen oftmals Chaos und Frustration

Hinzu kommen die Reduzierung der Düngung und Einschränkung beim Zwischenfruchtanbau. All diese Auflagen führen zu erheblichen Mehrkosten durch jährliche Nmin-Untersuchungen, steigende Arbeitsspitzen mit Inanspruchnahme von Fremd-Arbeitskräften oder Dienstleistungen, Mindererträge und Qualitätsverluste mit Preiseinbußen sowie zu mehr Erosionen und steigendem Unkrautdruck im Folgejahr bei nicht gedüngten Zwischenfruchtflächen nach Niederschlägen im Sommer.
Hinzu kommt ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand durch die Berechnung von Güllelagerkapazitäten, Dokumentationen und aufwändiger Düngebedarfsermittlung statt Nährstoffbilanz. „Das ist ein Chaos und am Ende sind alle frustriert“, fasst Mehrl zusammen. Der Milchviehhalter erwartet aufgrund von Mindererträgen aus der eigenen Produktion vor allem ein Defizit an Eiweiß im Grünland für seinen Tierbestand. Dieses muss er – verbunden mit wesentlich höheren Kosten – durch Soja-Importe ersetzen. Die geringeren Erträge führen angesichts von gleichbleibenden Maschinenkosten zu höheren Produktionskosten.
In der Branche herrscht eine gedrückte Stimmung. „Wir sind deprimiert und frustriert. Das Vorgehen lässt am gesunden Menschenverstand zweifeln“, ziehen beide Landwirte Bilanz. Das Karussell vom Wachsen oder Weichen drehe sich bei einem derartigen Umgang mit der Landwirtschaft noch einmal um einen Zacken schneller, führen sie vor Augen. Helga Gebendorfer