Ökosoziales Forum

Manifest soll aufrütteln

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Gerd Kreibich
am Dienstag, 07.01.2020 - 11:22

25 Jahre Ökosoziales Forum Niederalteich mit durchwachsener Bilanz.

Niederalteich - Es ist keine positive Bilanz, die beim renommierten Ökosozialen Forum Niederalteich (ÖSFN) anlässlich des 25-jährigen Bestehens dieser besonderen Einrichtung gezogen wurde, im Gegenteil: Die gesetzten Ziele für Landwirtschaft, Umwelt und Gesellschaft wurden nicht erreicht, man ist von dem, was wollte, noch weit entfernt, das wurde beim Gespräch zum Jubiläum deutlich. Doch den Kopf in den Sand stecken, das kann es auch nicht sein, auch davon ist man beim ÖSFN überzeugt. So gibt es zum Geburtstag ein Manifest, das aufrütteln will, ganz nach dem Grundsatz: Es ist nie zu spät, das Ruder noch herumzureißen.

Ideenschmiede und Meinungsbildner

Das ÖSFN wurde im Jahr 1994 als Ideenschmiede gegründet und erarbeitete sich mit Veranstaltungen, Büchern und vor allem mit klaren An- und Aussagen schnell den Ruf eines wichtigen Meinungsbildners. Mitbegründer Sepp Rottenaicher erinnerte sich bei der Vorstellung des Manifests zurück an die Gründerzeit und erläuterte dabei auch seine Gedanken, die ihn angetrieben haben. „Ich war schon über Jahre beispielsweise in Gremien des Bauernverbandes und auch im politischen Bereich aktiv und da ist mir aufgefallen, dass auch in verantwortlichen Positionen oft zu kurzfristig gedacht wurde. Das Gemeinwohl für Gesellschaft und Natur war nicht so im Mittelpunkt, wie das richtig und wichtig wäre.“ So sei der Gedanke entstanden, eine Denkwerkstatt zu gründen, offen für neue Ideen und offen auch für Gespräche und Diskussionen.

Ein besonderer Schwerpunkt sollte darauf liegen, etwas zu tun, was in der Landwirtschaft immer schon üblich sei, so Rottenaicher, nämlich das „Denken in Generationen“. 

„Netzwerk der Hoffnung“ war das erste Ziel

Ein „Netzwerk der Hoffnung“ sollte mit dem ÖSFN entstehen, vernetzen sollten sich darin Persönlichkeiten aus der Agrarpolitik, aus der Wissenschaft, aus der Agrarverwaltung und auch aus Theologie, Wissenschaft, Philosophie und Erwachsenenbildung. „Wichtig war uns aber auch, dass die landwirtschaftliche Praxis mit den Bäuerinnen und Bauern eingebunden ist“, betont Rottenaicher. 

Dabei wurde auch immer schon über die Grenzen hinweggedacht, nicht nur intellektuell, sondern auch geographisch: Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen die Mitstreiter, Referenten und Teilnehmer. Das ÖSFN Niederalteich ist außerdem Teil einer sogar europaweiten Bewe­gung sowie der Initiative des „Global Marshall-Plans“. Beheimatet ist das Forum seit der Gründung an der Landvolkshochschule in Niederalteich. Es wurden im Laufe der Jahre eine Reihe von Büchern herausgegeben, Symposien und  andere Veranstaltungen fanden regen Zulauf und auch deutlichen Widerhall in den Medien.

Höfesterben konnte nicht gestoppt werden

Doch 25 Jahre nach der Gründung können die erzielten Erfolge nicht darüber hinweghelfen, dass man beim ÖSFN nicht zufrieden ist – das wird auch in der Einleitung zum Manifest deutlich, das in Niederalteich vorgestellt wurde. Die vielfältige bäuerliche Landwirtschaft als bedeutendes Kulturgut Europas sichern, die ländlichen Räume als lebens- und liebenswerte Heimat gestalten, die Nachhaltigkeit in allen Bereichen wirtschaftlichen Handelns verankern und das richtige Gleichgewicht zwischen Marktwirtschaft, sozialer Fairness und ökologischer Verantwortung herstellen, „das waren unsere Ziele und die Aufgaben, für die wir zukunftsfähige Lösungen anstreben wollten“, so Sepp Rottenaicher, der aber auch erklärte:  „Eine ehrliche Bilanz der letzten 25 Jahre sieht eher nüchtern aus“. Das Höfesterben gehe drastisch weiter, ohne dass ein Ende absehbar ist, vor allem bereite die Aufgabe und Konzentration der Tierhaltung Sorge. 

Die Vitalität vieler ländlicher Regionen sei durch die demographische Entwicklung, aber auch durch die Magnetwirkung der Ballungsräume gefährdet. Die ökologischen Probleme wie Klimawandel, Gefährdung der pflanzlichen und tierischen Mitgeschöpfe, auch die Belastung der natürlichen Lebensgrundlagen mit Schadstoffen und Müll aller Art würden lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. 

Enkelverträgliche Gesellschaft im Fokus

Und noch etwas macht dem ÖSFN-Mitbegründer Sepp Rottenaicher Sorgen: „Der Vorteil von Bäuerlichkeit und die Bedeutung der Bauern als Kulturträger wurden und werden nicht verstanden“.  Das jetzt vorgestellte Manifest soll daher einen weiteren Versuch machen, den Blick auf eine zukunftsfähige, schöpfungsgerechte und „enkelverträgliche“ Gesellschaft zu richten.

Das Manifest umfasst zehn Punk­te, die Rottenaicher zusammen mit Josef Holzbauer, der auch als Umweltbeauftragter der Diözese Passau immer wieder wichtige Impulse in das Forum einbringt, und Annette Plank, Agrar- und Bildungsreferentin der Landvolkshochschule, vorstellte.  Aufgezeigt werden soziale und ökologische Richtschnüre und Leitplanken.

Dabei wird beispielsweise herausgestellt, dass die Natur kein unendliches Wachstum kennt. Naturfremde Stoffe, die in den Naturkreislauf eingebracht werden, würden sich in  irgendeiner Form im Wasser, in der Luft, im Boden, in Pflanzen, Tieren und auch im Menschen finden. Als Beispiel für eine derartige Entwicklung nannte Sepp Rottenaicher den Wirkstoff Glyphosat an. „Was wir nicht in uns drin haben wollen, das dürfen wir vorher nicht in die Natur ausbringen“, stellte Rottenaicher eine Forderung des Manifestes klar.

Das „lebensbedrohliche Artensterben“ wird im Manifest ebenfalls zum Thema gemacht: „Wenn die Lebensräume für Pflanzen und Tiere immer begrenzter werden, dann sind wir Menschen in der Verantwortung und auch in Gefahr“, stellte Rottenaicher klar.

Weitere Punkte befassen sich ausdrücklich und ausführlich mit der Landwirtschaft. Deutlich gemacht wird, dass die Landwirte Geschädigte, aber auch Mitverursacher des Klimawandels, der Grundwasserbelastung und des Artenschwundes sind. Aber vor allem bräuchten die Bäuerinnen und Bauern Perspektiven: „Wir erwarten, dass die Bauern wieder Basis der regionalen Versorgung sind. Sie sollen stolz auf ihren Beruf sein und die Gesellschaft soll stolz sein auf ihre Bauern“, heißt es in dem Manifest. Von größter Bedeutung dafür sei aber eine zukunftsfähige Agrarpolitik in Land, Bund und in der EU. 

Weiter Stachel und Korrektiv bleiben

„Als Ökosoziales Forum werden und wollen wir auch in Zukunft Stachel und Korrektiv sein für eine zukunftsfähige Landwirtschaft in lebenswerten ländlichen Räumen und wir wollen zu schöpfungsgerechten Wegen ermutigen“, unterstrich Sepp Rottenaicher, der abschließend das Zitat von Papst Franziskus vortrug, mit dem auch das Manifest endet: „Gehen wir singend vor­an! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und Hoffnung nehmen.“