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Jubiläum

Landwirtschaftsschule Pfarrkirchen: Moderne Bildung aus Tradition

Ab den 20-er Jahren waren auch die Frauen „schulberechtigt“: Hier der erste Jahrgang, der einen hauswirtschaftlichen Lehrgang absolviert.
BLW
am Donnerstag, 15.09.2022 - 09:38

Schule feiert das 150-jährige Bestehen und gehört damit zu den ältesten landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen in Deutschland.

Pfarrkirchen - Die Besonderheit der Schule ist ihr durchgehendes Angebot: Noch nie musste ein Schuljahresbeginn wegen Schülermangels abgesagt werden. Eine Kontinuität, die angesichts strenger Vorgaben des Freistaates heute nicht mehr so leicht einzuhalten ist. Im Rotttal gibt es kaum einen landwirtschaftichen Betrieb, der nicht von ehemaligen Schülerinnen und Schülern dieser Schule geführt wird.

Am Anfang waren es nur vier Schüler

Leitender Landwirtschaftsdirektor Josef Eichenseer hat sich im Staatsarchiv die Urkunde herausgesucht, mit der die Gründung der Schule amtlich belegt ist.

„Mit hoher Regierungsentschließung vom 9. Juni dieses Jahres wurde die Errichtung einer landwirtschaftlichen Winterschule in der Stadt Pfarrkirchen genehmigt, und wird dieselbe mit dem 2. November eröffnet werden. In derselben finden Knaben, welche das 13. Lebensjahr vollendet haben und sich über ihre Entlassung aus der Elementarschule ausweisen können, dann Jünglinge bis zu dem Alter von 18 Jahren Aufnahme. Der Unterricht wird unentgeltlich erteilt…“, so verbreitet das Königliche Bezirksamt, am 4. Oktober 1871 im „Pfarrkirchner Wochenblatt“ Nr. 40 und beauftragt die Bürgermeister des Amtsbezirks, dies an ihren Gemeindetafeln anzuschlagen.

Bei der Entlassung aus der Schule waren die meisten Schüler noch keine 17 Jahre alt. Heute hängt eine Galerie mit Abschlussbildern aller Jahrgänge in den Gängen des Schulgebäudes.

Eine prägende Persönlichkeit ist für die Weiterentwicklung der Schule in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist Landwirtschaftsdirektor Albert Ruhwandl (Ökonomierat, Landwirtschaftsrat I. Kl.) gewesen, er war Leiter von 1906/07 bis 1944/45. Mit Ruhwandls Berufung nach Pfarrkirchen als Hauptlehrer an der „Kgl. landw. Winterschule“ und Wanderlehrer für die Rottaler Bezirksamtsbezirke Pfarrkirchen/Eggenfelden/Griesbach „beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Fachschule und der Aufbau des Beratungswesens im Rottal“, stellte der ehemalige Amts- und Schulleiter Dr. Edgar Seitz in seiner 100-Jahre-Festschrift dessen Bedeutung heraus. Wie Seitz schreibt, hat Ruhwandl „mit Verständnis und Güte die nicht gerade einfach zu handhabenden Bauern des Rottals gewonnen“.

Start im Obergeschoss des „Gallmeierschen Hauses“

Oft erst 13 Jahre alt, begannen die jungen Burschen ihre Ausbildung. Heute zeigt eine Bildergalerie in der Schule alls Jahrgangsbilder seit dem Jahr 1907.

Der Start der „Landwirtschaftlichen Winterschule“ in Pfarrkirchen im Obergeschoss des „Gallmeierschen Hauses“ (bis 1896) unter dem Kgl. Bezirksamtmann Bartholomäus Burgmaier als Schulvorstand (1871/72 - 1883/84) verlief holprig: Am 2. November 1871 kamen nur vier Schüler und man stellte den Betrieb nach 14 Tagen wieder ein. Doch im Schuljahr 1872/73 waren es bereits zehn Schüler.

Die inzwischen „Königliche landw. Winterschule“ zog 1907 in ein von der Stadt errichtetes Gebäude als „Höhere Landwirtschaftsschule“ ein. Ab 1918 war die Bezeichnung wieder „Landwirtschaftliche Winterschule“, aus der 1921 die „Landwirtschaftsschule“ wurde, im Herbst 1920 hatten sechswöchige Haushalts- und Kochkurse für Bauernmädchen begonnen.

Nach einigen Umzügen innerhalb des Stadtgebietes ist die Landwirtschaftsschule Pfarrkirchen am Lärchenweg ansässig geblieben: 1987 wurde die Abt. Landwirtschaft hierher verlegt, 2001 die Abt. Hauswirtschaft hier wieder eingerichtet. Hauswirtschaftsdirektorin Rosemarie Thalhammer übernahm mit Zusammenlegung der beiden Ämter zum AELF Landau-Pfarrkirchen sowohl die Bereichsleitung Landwirtschaft als auch die Leitung der Land- und der Hauswirtschaftsschulen in Pfarrkirchen.

Die Zukunft der Bildung in der Landwirtschaft

Und wie sieht die Zukunft der landwirtschaftlichen Bildung aus? Josef Eichenseer, heute Leiter des Amtes Landau-Pfarrkirchen, ist überzeugt: „Der Wert der Landwirtschaft für die Ernährungssicherung und die Rohstofflieferung wird zunehmen. Erhöhte gesetzlichen Anforderungen und die Energieabhängigkeit auch der Landwirtschaft werde für die Betriebe zwar die Erzeugung verteuern, aber auch die Erlössituation verbessern. „Die Anforderungen an Betriebsleiter werden steigen, was die Bedeutung der Fachschulen weiter heben wird“, fasst Eichenseer zusammen. Wilhelm Kolb