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Lebenslinien

Vom Landwirt zum Eremiten

Gerd Kreibich Portrait
Gerd Kreibich
am Dienstag, 10.05.2022 - 14:00

Austragler Alois Penninger aus Bad Höhenstadt sucht in einer Einsiedelei die Einsamkeit am Berg. Was wird seine größte Aufgabe?

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Ich habe keine Erwartungshaltung, ich bin aber schon gespannt – ach, ich lasse es jetzt einmal auf mich zukommen“, diesen Satz sagt ein Mann im Gespräch mit dem Wochenblatt. Er richtet gerade sein Gepäck zusammen für einen Ausflug, der bis in den Winter hinein dauern wird: der 63-jährige Austragslandwirt Alois Penninger aus Bad Höhenstadt im Rottal wird in dieser Zeit die Position eines Eremiten in der berühmten Einsiedelei im österreichischen Saalfelden übernehmen.

Warum geht Alois Penninger diesen Weg? „Aussteigen“, sagt er. Das hätte er auch bequemer haben können, wie der Blick auf seinen Rückzugsort deutlich macht: Die Einsiedelei oberhalb von Schloss Lichtenberg bei Saalfelden liegt in 1000 Metern Höhe, sie ist nur über einen schmalen Wanderweg erreichbar, der steil nach oben führt.

Es gibt nur noch wenige Eremiten in Europa

Die Einsiedelei sieht aus, als sei sie wie ein Vogelnest an die Bergwand geklebt. Sie existiert bereits seit mehr als 350 Jahren. Eine natürliche Felshöhle wurde im 17. Jahrhundert zu einer Kapelle ausgebaut. „Saalfelden ist eine der wenigen Einsiedeleien in Mitteleuropa, die noch von Eremiten bewohnt sind“, weiß der angehende Einsiedler, der sich gründlich informiert hat über den Ort, der ihm über Monate zur einsamen Wohnung werden wird.

Seit dem 16. Jahrhundert wird dort ein Bildnis des heiligen Georg verehrt, des Schutzpatrons der Tiere. Bewohnbar ist die Klause nur von April bis November. In dieser Zeit muss der Eremit auf Strom und fließendes Wasser verzichten, für seinen Lebensunterhalt muss er selbst aufkommen.

Es ginge also anderswo sicher leichter mit der Entspannung und mit dem Abschalten, aber Alois Penninger hat sich für seinen Weg entschlossen. „Ich denke, das ist die richtige Entscheidung“, sagt er in seiner gemütlichen Wohnküche. Für ihn steht fest: „Ich will noch einmal etwas ganz anderes machen, ich will mich ausprobieren und sehen, wo es Grenzen gibt.“

Angesehener Mann im Ort

Im Dorf Bad Höhenstadt hat es sich schnell herumgesprochen, was der Penninger Alois vorhat. Schon im Dorfladen, wo man nach dem Anwesen des Landwirts fragt, kommt die Gegenfrage, ob man denn zum Eremiten wolle. Aber beim kleinen Ratsch wird deutlich: Alois Penninger ist bekannt als einer, der das, was er vorhat, auch umsetzt – und er ist ein angesehener Mann im Ort, der auch in der Landwirtschaft immer mit vorne dabei war.

Und nicht nur auf dem Betrieb hat er manches ausprobiert: er hat sich zum Familienberater ausbilden lassen. Erst vor Kurzem hielt er wieder an der Landvolkshochschule in Niederalteich sehr erfolgreich einen Vortrag über die Situation von Bäuerinnen und Bauern, die keinen Hofnachfolger haben.

Auch ist er gefragt als Ansprechpartner bei Problemen. Zusätzlich hat er die Ausbildung zum Hospizhelfer gemacht. Er gibt zu: „Christliche Werte sind mir sehr wichtig. Wenn ich nicht den Hof übernommen hätte, dann wäre ich gerne als Entwicklungshelfer auf den afrikanischen Kontinent gegangen.“

Doch mit seiner Art, Landwirtschaft zu betreiben, hat er offensichtlich auch eine gute Basis gelegt: Bei der Wahl zum Landwirt des Jahres im Jahr 2019 gewann sein Sohn, auch er heißt Alois, den Ceres-Award in der Kategorie „Manager“. Wie ist seine Meinung zur Entscheidung seines Vaters? „Ich denke, er ist alt genug, um zu wissen was er tut, vielleicht tut ein gesunder Abstand zum Alltag einmal ganz gut“, sagt Alois Penninger jun.

Zwei Bewerbungen bis zur Einladung

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Es war Zufall, dass der Penninger sen. von der frei werdenden Einsiedelei erfahren hatte. Im Internet hatte er davon gelesen und sich „eigentlich ganz spontan“ beworben: eine Mail an den Bürgermeister der Gemeinde Saalfelden, eine weitere Mail an den dortigen Pfarrer, eine kurze Begründung hineingepackt – und schon bald kam eine Einladung ins Bundesland Salzburg, zu dem Saalfelden gehört. Natürlich stieg Penninger erst einmal hinauf zur Einsiedelei, „es geht schon ganz schön steil da rauf, aber das ist ja auch der Sinn einer Einsiedelei“, sagt er schmunzelnd.

Denn das weiß er: auch wenn viele Wanderer den Weg zu Einsiedelei hinaufgehen, so steht fest, dass er die Menschen nicht in die kleinen Wohnräume der Kirche hoch in den Bergen hineinlassen darf. So will es die „Hausordnung“, der er sich unterwerfen musste. Und noch eine Pflicht gibt es: Alois Penninger übernimmt dort oben auch die Rolle des „Glöckners“. Regelmäßig muss er das kleine Glöcklein der Kirche läuten.

Und wenn das Wetter schlecht wird und die Wanderer ausbleiben? Dann wird es einsam in der Einsiedelei, die dann ihrem Namen alle Ehre macht. Dieses Alleinsein auszuhalten, das ist vielleicht die größte Aufgabe, der sich Penninger stellen muss. Natürlich gibt es auch etwas zu tun: Brennholz ist vorhanden, aber schneiden muss er es selbst. Einkaufen muss er auch ab und zu.

Wasser kommt zu Fuß nach oben

Vor allem Wasser ist wichtig, denn das kommt hier nicht aus der Leitung und auch eine Quelle gibt es nicht. Die Alternative dazu ist, Penninger hat das schon erfahren, ein „Millibankerl für Wasser“ neben einer Quelle am Fuß des Berges: „Da kann ich hinuntergehen und Kanister füllen und auf einem Schild steht die Bitte an die Wanderer, einen der Kanister für mich nach oben mitzunehmen“, erklärt der zukünftige Eremit.

Und was nimmt er mit in die Einsamkeit? „Bettwäsche und Kleidung habe ich schon hergerichtet. Aber auch Bücher werde ich mitnehmen und vielleicht ein paar Vorräte. Und ein paar Werkzeuge möchte ich mitnehmen. So etwas kann ich immer brauchen“, zählt Penninger auf. Das bringt ihm einen ironischen Zwischenruf des Sohnes ein: „Wahrscheinlich fängst Du gleich an, alles umzubauen, aber du weißt, das ist verboten.“

Bei allem Verzicht, nicht verzichten möchte Alois Penninger auf sein Handy. Geladen wird es mit einem kleinen Solarmodul, denn es gibt keinen Strom in der Einsiedelei. Deshalb sollten auch immer genügend Kerzen auf Lager sein. Eine letzte Frage muss noch gestellt werden: Was macht Alois Penninger, wenn er vielleicht im nächsten Jahr wieder hinauf möchte? „Die Verantwortlichen haben mir einen 5-Jahres-Vetrag angeboten. Aber ich weiß nicht, wie es wird und meine Heimat liebe ich schon auch sehr“, sagt er und zitiert dann Franz Beckenbauer: „Schau’ mer mal.“