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Erlebnis Bauernhof

Landluft kennen lernen

Niederbayern
Claudia Rothhammer
am Mittwoch, 13.11.2019 - 09:38

Auf dem Lindacher Stadler-Hof erhalten junge Lehrerinnen einen Einblick in die Landwirtschaft.

Themen wie Klimawandel, Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Umgang mit Ressourcen, Artenvielfalt und Lebensmittelerzeugung werden derzeit von der Gesellschaft intensiv diskutiert – auch in den Schulen. „Mir ist es deshalb sehr wichtig, dass meine Lehramtsanwärter fachlich fundiert und lehrplanorientiert diese Themen in ihrem Unterricht umsetzen können“, sagt Dr. Christine Weis-Siegl. Als Seminarrektorin im Landkreis Rottal-Inn ist sie für die Ausbildung von Junglehrern an Grundschulen zuständig und hat mit ihren zehn Seminaristen kurzerhand das Klassenzimmer gegen einen Bauernhof eingetauscht.

Claudia Stadler, Erlebnisbäuerin und selbst ebenfalls Grundschullehrerin, freute sich sehr über den Besuch der jungen Lehrerinnen auf ihrem Hof in Lindach. Bei einem gemeinsamen Hofrundgang zeigte sie den jungen Kolleginnen, wie sie Kälber versorgt, was junge Fresser für Futter bekommen und was es sonst so bei der Bullenmast zu beachten gibt.

Seit sechs Jahren beteiligt sich Stadler an dem Programm „Erlebnis Bauernhof“ und erklärt Schulklassen, woher Lebensmittel kommen und wie in der modernen Landwirtschaft tatsächlich gearbeitet wird – und sie ist für jede Frage offen. Auch für kritische.

„Die sachliche Diskussion ist ja leider nicht immer gegeben, wenn es um die Landwirtschaft geht“, bedauert Stadler. „Dabei sollte sich jeder selbst ein Bild davon machen, wie heute auf einem Hof gearbeitet wird.“ Stadler steht deshalb gerne Rede und Antwort, antwortet stets sachlich und ruhig. Warum werden Kälber enthornt? Wie werden sie enthornt? Fragen wie diese kommen bei jedem Rundgang, sei es mit Kindern oder wie heute mit angehenden Lehrerinnen.

Wobei spätestens jedem beim Blick in den Bullenstall klar ist – „oh, sind die groß“ und „hoffentlich hält die Absperrung schon“ – warum es für Tier und Mensch sinnvoll ist, dass keiner der Bullen hier mehr Hörner auf dem Kopf hat. „Und da müssen Sie auch mal rein, also hinter die Absperrung?“, wird Stadler skeptisch gefragt. Die nickt. „Oh, so ein ausgewachsener Bulle kann Sie ja locker an der Wand zerdrücken.“ Stadler zuckt mit der Schulter, betont aber, wie ruhig die Tiere hier in der Regel sind. Und so groß die Bullen auch sind, so großen Eindruck hinterlassen sie, sowohl bei Kindern als auch erwachsenen Besucher. 

Jungen Lehrerinnen sind mitten drin im „Erlebnis Bauernhof“

Und schon sind die jungen Lehrerinnen mitten drin im „Erlebnis Bauernhof“. Seminarrektorin Dr. wollte genau das erreichen: „Es wird immer von nachhaltiger Bildung gesprochen und davon, wie wichtig es ist, dass Kinder mit allen Sinnen lernen und etwas erleben.“ Außerdem sollten Schüler wissen, was gesunde Ernährung ausmacht und woher Lebensmittel kommen.

Lehrkräften komme hierbei eine wichtige Schlüsselrolle als Vermittler zu. Damit ihre Seminaristen aber einmal selbst mit allen Sinnen erleben, wie wertvoll ein Bauernhof als außerschulischer Lernort für Kinder sein könne, habe sie sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, mit ihrem Seminar einen Betrieb zu besuchen. Der Tag sei damals für alle ein Gewinn gewesen, so dass sie diesen mit ihrem neuen Seminar gerne wiederhole.

Wie aber können Kinder aktiv auf einem Bauernhof lernen? Stadler zeigte es den interessierten Lehramtsanwärterinnen und ließ sie selbst ein paar mögliche Lernstationen auf einem Hof durchlaufen. Wie schmeckt richtige Buttermilch wirklich und nicht die aufbereitete aus dem Supermarkt? Was fressen junge Bullen und wie viel am Tag? Wie viel Milch trinken Kälber? Was hat es mit den gelben Ohrmarken auf sich?

Den jungen Grundschullehrerinnen bereitete es sichtlich Freude, Butter selbst zu machen oder den Kälbern im Stall einen Besuch abzustatten. Da Stadler selbst Grundschullehrerin ist, ging sie auch darauf ein, wie man schwierige Sachverhalte Kindern spielend näherbringen kann. „Wenn ich die Kinder das Alter der Tiere ausrechnen lasse, haben einige Probleme. Andere wiederum tun sich schwer damit, das Futter abzuwiegen. 20 Kilo passen nun einmal nicht auf einmal in den Eimer, mit dem die Schüler das Futter abwiegen können.“ 

Schulen können sich einen Betrieb selbst auswählen

Mit dabei an diesem Tag war auch Inge Lugeder vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Pfarrkirchen. Sie ist im Landkreis Rottal-Inn Ansprechpartnerin für das Programm „Erlebnis Bauernhof“, eine gemeinsame Aktion des Bayerischen Landwirtschafts- und Kultusministeriums. Grundschüler der Klassen 2 bis 4 sowie alle Jahrgangsstufen der Förderschulen sowie Übergangsklassen können daran teilnehmen und einmal während ihrer Schulzeit einen Schultag auf einem Bauernhof verbringen. Neben dem Lindacher Hof gibt es im Landkreis noch acht weitere Erlebnis-Bauernhöfe, die entsprechende Lernprogramme für Schulen anbieten.

Für welchen zertifizierten Betrieb sich eine Schule entscheidet, ist jeder selbst überlassen. Auch bieten die Höfe unterschiedliche Schwerpunktthemen an. Die einen haben sich auf das Thema „Von der Milch zu Butter und Käse“ konzentriert, andere vermitteln alles rund um Kartoffeln, Getreide oder Energieerzeugung. „Kein Betrieb ist wie der andere. Es gibt viel zu entdecken.“ Wer gerne im Unterricht den Bauernhofbesuch vor- oder nachbereiten möchte oder mit anderen Schwerpunkten ergänzen möchte, für den hatte Lugeder viel Anschauungsmaterial dabei. Wo bekommen Lehrkräfte fundierte Informationen her? Wo gut didaktisch aufbereitetes Unterrichtsmaterial? All diese Fragen wurden geklärt.

Lernzirkel Landwirtschaft

Lugeder stellte auch den „Lernzirkel Landwirtschaft“ vor, den das AELF Schulen zur Verfügung stellt. Maximal vier Klassen könnten an einem Schulvormittag unter anderem folgende Lernstationen durchlaufen: landwirtschaftliche Geräte, Getreide, Kuh, Schwein, Geflügel. „Keine Sorge, Sie sind mit dem Lernzirkel nicht alleine. Es ist jemand von uns dabei“, sagt Lugeder. Ihre Amtskollegin Ruth Brummer ergänzt: Angeregt durch das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ habe man nun auch den „Aktionsrucksack Biodiversität“ in das Schulangebot mitaufgenommen. Schüler könnten sich hier entweder genauer mit der Biene beschäftigen oder mit den im Boden lebenden Organismen. Ein Anruf im Amt genüge.

Die jungen Lehrerinnen jedenfalls gingen nicht nur mit einer Fülle an Informationsmaterial und Ideen für die nächsten Unterrichtsstunden nach Hause, sondern auch beschwingt. „Das war heute ein toller Tag“, sagt eine Teilnehmerin und alle nicken. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie gut unseren Kindern so ein Tag auf dem Bauernhof tut. Obwohl wir ja in einer ländlichen Region leben, haben einige Kinder gar keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft.“ Eine Kollegin, die in der Stadt Eggenfelden unterrichtet, nickt. „In der Stadt sind das noch mehr. Mir gefällt vor allem, dass auf dem Bauernhof für jedes Kind etwas dabei ist. Buben zum Beispiel kann man bestimmt mit den Maschinen begeistern, die Mädchen bestimmt mit den Tieren.“ Eine Kollegin kann das nur bestätigen: „Ich war mit einer Klasse bereits auf einem Bauernhof und es war so schön zu sehen, wie dort alle Kinder aufgeblüht sind, wie sie mitgemacht haben und mit wie viel Interesse sie dabei waren. Die Fragen sind aus meinen Schülern nur so herausgesprudelt – echt schön.“