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Unmut

Krisengespräch: Biomilchbauer schlägt Alarm

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Melanie Bäumel-Schachtner
am Montag, 11.07.2022 - 11:47

Dunkle Wolken sieht der Siegenburger Landwirt Uli Forsthofer über seinem hochmodernen Stall aufziehen. Mit einem Hilferuf wendet er sich an die Politik.

Siegenburg/Lks. Kelheim Es könnte alles so schön sein auf dem Lenzbauernhof der Familie Forsthofer in Siegenburg. Schon vor 30 Jahren hat Landwirt Uli Forsthofer seinen Betrieb auf Bio umgestellt und es nie bereut. Das wirtschaftliche Auskommen des Betriebs ist nach eigenen Angaben sehr ordentlich, und auch seinen Tieren geht es gut. Die nächste Generation – seine Söhne – steht schon in den Startlöchern und möchte weitermachen. Wäre da nicht das derzeitige Damoklesschwert. Dunkle Wolken ziehen symbolisch über dem hochmodernen Stall auf, den Uli Forsthofer 2011 im Herzen der Hallertau errichtet hat.

Ist der „Tierwohl-Stall“ für Bio nicht gut genug?

Dort steht seinen 70 Fleckvieh-Milchkühen ein nach drei Seiten offener Kaltstall mit Tiefbuchen und 15 Quadratmeter Auslauffläche pro Tier zur Verfügung – vier Quadratmeter mehr für jede Kuh als vorgeschrieben. Doch wenn die derzeitigen Forderungen der EU-Kommission wahr werden sollten, dann könnte es sein, dass sich die Familie Forsthuber bald nicht mehr Bio-Betrieb nennen darf. Der Grund: Sie kann ihren Tieren keinen Weidezugang ermöglichen. Genau dieser soll aber obligatorisch werden für Bio-Betriebe, so will die Kommission das Recht auslegen. Deshalb hat sich der Biobauer nun hilfesuchend an EVP-Fraktionsvorsitzenden im Europaparlament Manfred Weber gewandt, der nun zu einem Krisengespräch kam.

Der Hintergrund: Zwar haben sich die Regeln zur Weidehaltung im Vergleich zur alten EU-Öko-Verordnung in der seit 1. Januar geltenden neuen Öko-Verordnung nicht geändert. Allerdings: Die EU-Kommission hat ihre Auslegung und Umsetzung bezüglich des Weidegangs verschärft. Sie fordert nun die deutschen Bundesländer dazu auf, von Öko-Milchviehhaltern zu fordern, dass sämtliche Wiederkäuer und Pferde während der Vegetationszeit auf die Weide müssen.

Naturland-Verband sieht große Herausforderung

Der Verband Naturland warnt eindringlich: Diese abrupte Änderung in der Auslegung stelle Öko-Betriebe vor existenzielle Herausforderungen und widerspreche situativ einem sinnvollen Vorgehen. Dies unterstrich auch Naturland-Präsident Hubert Heigl.

Als Uli Forsthofer sich vor elf Jahren entschloss, in einen neuen Stall zu investieren, hat er eigentlich damit gerechnet, dass dieser mindestens 20 Jahre den Anforderungen entsprechen würde und auch seine Söhne die Möglichkeit haben, diesen zu übernehmen und zu nutzen. Doch nun ist sein Status als Bio-Betrieb in Gefahr. Denn Weidehaltung kann er in Siegenburg nicht anbieten. Zwar gibt es ein Nachbargrundstück zum Stall. „Doch es ist zu klein und zu trocken, innerhalb von einer Woche würde es sich von einer grünen Weide in ein braunes Ödland verwandeln“, erklärt er. Und in der Region sei der landwirtschaftliche Boden ein knappes Gut und man könne nicht einfach zukaufen oder -pachten. Die Forderungen der EU-Kommission seien allein geografisch und klimatisch nicht von Helsinki bis Sizilien anwendbar. „Wir brauchen betriebsbezogene Ausnahmeregelungen“, forderte er und hat dabei auch die Unterstützung von Berufskollegen und Naturland.

Die Kühe vor der Hitze schützen

Seinen Kühen gehe es gut. Frisches Grünfutter steht ihnen rund um die Uhr zur Verfügung, es gibt weiche Liegeflächen und die Temperaturen im Stall waren auch beim Ortstermin am Montagnachmittag bei 33 Grad im Schatten angenehm kühl – für doppelte Isolation am Dach sorgt die PV-Anlage. „Kühe muss man viel mehr vor Hitze als vor Kälte schützen – 15 Grad Minus machen ihnen überhaupt nichts aus“, erklärte der Landwirt seinem Gast Manfred Weber, der sich die Argumente der Landwirte und Verbandsvertreter anhörte. Mit dabei war Landtagsabgeordnete Petra Högl, die die Anregungen mitnehmen möchte, sowie Wolfgang Wintzer, Referatsleiter am bayerischen Landwirtschaftsministerium.

Weidehaltung kann nicht immer funktionieren

Dass Weidehaltung für Kühe optimal ist, daraus machte Uli Forsthofer gar keinen Hehl: „Das ist wirklich super für die Tiere.“ Doch man müsse eben auch genau hinsehen, welchen Stall man ihnen biete, wenn Weidehaltung nicht möglich sei – hier müsse klar unterschieden werden. Seine Frau Andrea, in deren Händen die Vermarktung der Biomilch liegt, sagte: „Ungefähr zwei Kunden pro Jahr fragen bei uns nach, ob unsere Tiere Weidegang haben. Wenn wir ihnen dann genau erklären, wie wir die Kühe halten, dann sind sie mit der Erklärung absolut zufrieden. Wir haben deshalb noch nie einen Kunden verloren.“

Manfred Weber erklärte, er werde sich in Brüssel dafür einsetzen, „dass innovative Vorzeigebetriebe nicht die Dummen sind“. Derzeit befinde man sich im laufenden Verfahren und könne noch eingreifen: „Wir werden möglichst viel Druck aufbauen in Brüssel, dass hier die Vernunft die Oberhand gewinnt. Wir brauchen Planungssicherheit für die nächsten Generationen“, machte er deutlich.