Erntegespräch

Die Kirschenernte verregnet

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Irene Konrad
am Montag, 09.08.2021 - 11:11

Viele Süßkirschen sind aufgrund des Regens aufgeplatzt und faul geworden. Auch auf dem Hirschtaler Hof sorgt das Wetter für Probleme.

Sonnenblumen, Getreideähren und Kartoffeln als Dekoration auf dem Kaffeetisch zum Erntegespräch des BBV-Kreisverbands Würzburg bewiesen: Hier lebt eine Familie mit Herzblut ihren Beruf. Landwirtschaftsmeister Rainer Gersitz und seine Frau Susanne engagieren sich in der Vorstandschaft des BBV-Kreisverbands Würzburg und die drei Töchter Lisa, Hanna und Julia helfen nicht nur im Familienbetrieb mit, sondern haben Berufe gewählt, bei denen es um Landwirtschaft geht. Mitten in die Regenperiode ist das Erntegespräch auf dem Hirschtaler Hof in der hügeligen Flur um den Leinacher Bach und das Maintal gefallen. In den vergangenen Jahren hatte der Hof auf der „Fränkischen Platte“ mit den zu geringen Niederschlägen zu kämpfen.

Jetzt sind die Oberböden wassergesättigt, so dass die Erntemaschinen versinken würden. Das Zeitfenster für die Getreideernte wird knapp. Viele Süßkirschen sind aufgrund des Regens aufgeplatzt und faul geworden. Rund 1000 Kirschbäume hat Familie Gersitz. 40 Prozent dieser Ernte seien kaputt. Zum Glück hätten die Kartoffeln die lange anhaltende Kälte der letzten Monate bisher relativ gut weggesteckt.

240 Hektar groß ist der Betrieb in Unterleinach. Auf 25 Hektar baut der Hirschtaler Hof Speisekartoffeln an. Die feucht-warmen Bedingungen fördern die Blattkrankheiten und gefährden die Ernte. Die Besonderheit des Hirschtaler Hofes ist, dass 20 verschiedene Kartoffelsorten angebaut werden. Alle Kartoffeln werden in der Region z. B. über Hofläden, kleinere Lebensmittelgeschäfte und direkt an die Gastronomie vermarktet. Zu den Standbeinen des Hofes gehört ebenfalls der Anbau von Getreide und Raps für den Landhandel sowie Mais für die eigene Bullenmast. 2017 ist Familie Gersitz in die Fleischvermarktung mit Weidenrindern der Rasse Gelbvieh eingestiegen. 25 Hektar Naturschutzflächen werden mittlerweile mit der Mutterkuhherde beweidet.

Kundenkontakt über den Hofladen

Der Betrieb vertraut darauf, dass es dem Verbraucher wirklich wichtig ist, heimische Produkte auf dem Teller zu haben. Über den Hofladen hält die Familie Kontakt zu den Kunden und beliefert Gaststätten oder Kantinen in der Region selbst. Aber Kantinen schließen oder stellen auf „küchenfertig vorbereitete“ Kochweisen um. Kartoffeln würden oft geschält, gewürfelt und vakuumverpackt gekauft. Die Ansprüche über Gütesiegel steigen. Obwohl der Hirschtaler Hof wirklich breit aufgestellt ist und weiterhin mit seinen 450-Euro-Kräften zurechtkommen will, befürchtet er mehr und mehr Druck durch den Markt.

„Politisch und gesellschaftlich wird der Spalt zwischen Wunschdenken und Realität immer größer und es geht schneller und steiler auseinander“, sieht Kreisobmann Michael Stolzenberger „eine gefährliche Entwicklung“. Auch für seinen Stellvertreter Burkard Ziegler ist weniger das Wetter frustrierend, als die vorherrschenden Ideologien. Das Leben mit der Natur mache den Beruf des Landwirts doch gerade spannend. Aber ihm tue es weh, dass offensichtlich die kleinbäuerliche Struktur nicht mehr gewollt sei. Dabei sei es „eine Umweltsünde und keine Lösung, wenn wir hier mit unserem produktionstechnischen Standard und unseren guten Böden nicht mehr produzieren dürften und uns der Konkurrenz der internationalen Märkte beugen müssten“, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig.

Landwirtschaftsdirektor Harald Blankart unterstrich den Widerspruch der Gesellschaft und Politik zwischen einem „sehr ökologischen Anspruch“ und der Wirklichkeit, die dann tatsächlich im Einkaufswagen landet. Im Landkreis Würzburg würden derzeit 12,8 Prozent der Fläche ökologisch bewirtschaftet. Das bedeutet, dass der überwiegende Teil „eine traditionelle, aber moderne Landwirtschaft betreibt“, einschließlich Blühflächen und Grünstreifen. Für Harald Blankart ist es erschreckend, dass „die Tierhaltung so stark rückläufig ist“. „Wir dürfen die wenigen Tierhalter, die wir noch haben, nicht auch noch vergrämen“, mahnt der Leiter des AELF Kitzingen-Würzburg.

Starkniederschläge und Erosionsereignisse

Auch Herbert Siedler vom Fachzentrum Pflanzenbau des AELF hatte Zahlen zur Großwetterlage, der Anbauentwicklung, den Ertragsaussichten und Risikofaktoren mitgebracht. Frostschäden seien nicht aufgetreten und die kühlen Temperaturen hätten die Vegetation um zwei bis drei Wochen verzögert. Seit Mai hat es im Landkreis Würzburg 250 bis 300 mm geregnet, lokal auch mehr mit Starkniederschlägen und Erosionsereignissen. Die Sommergerste wurde zurückgefahren und im Rahmen der Agrarumweltmaßnahmen haben sich die stillgelegten Flächen in der Stadt und im Landkreis Würzburg weiter ausgedehnt.
Der Anbau von Dinkel, Durum, Hafer, Winterraps, Sonnenblumen, Erbsen und Zuckerrüben nahm hingegen zu. Das liege vor allem daran, dass die Vermarktung in diesen Bereichen besser klappt. Bisher seien die Erwartungen für die Kulturen Winterweizen, Wintergerste, Triticale, Winterroggen, Winterraps, Sommergerste, Mais, Zuckerrüben und Soja noch sehr gut. Beim Winterraps bereite der Schwarze Kohltriebrüssler Sorgen. Die Wintergerste breche teilweise im Stroh zusammen und für Dinkel und Durum werde „jetzt dringend trocken-heißes Druschwetter gebraucht“. Auf gutes Erntewetter hofft auch Wilfried Distler. Der Geschäftsführer des BBV Würzburg-Kitzingen hatte zum Erntegespräch eingeladen. Er bedauerte, dass aufgrund der Corona-Pandemie auch in diesem Jahr die „Landkreisrundfahrt“ des Bauernverbands nicht stattfinden konnte.