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Tiergesundheit

Kälberaufzucht: Wenn Milchviehhalter und Mäster zusammenarbeiten

Ein Tierarzt aus Niederbayern revolutioniert die Zusammenarbeit bei der Kälberaufzucht. Bisher bekommen Fresserbetriebe ihre Kälber aus vielen Herkünften, unterschiedlich gesund und fit. Tierarzt Josef Beisl will das ändern und nimmt die Milchviehbetriebe mit ins Boot.

am Mittwoch, 23.11.2022 - 12:10
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Tierarzt: Ein mittelalter Mann, mit leicht grauen Haaren und Dreitagebart, steht mit einem hellblauen Polo-Shirt und Brille am Kofferraum seines Tierarztautos. Er stützt sich auf einen Laptop.
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Hans Hofmeister bekommt ein Strahlen auf sein Gesicht, wenn er sagt, dass er gerne mit den KAPRE-Kälbern weitermachen würde. „Die Tiere haben wegen der kürzeren Transportzeiten weniger Stress und sie sind fitter und frohwüchsiger“, erklärt der 62-jährige Mäster. KAPRE steht für Kalb, Premium, Regional. Die Worterfindung stammt von Josef Beisl. Den Tierarzt aus Frontenhausen treibt das Thema der Zusammenarbeit von Milchviehhaltern und Mästern schon lange um. „Die Mäster erhalten in der Regel Kälber aus verschiedensten Herkünften, deren Gesundheitsstatus sehr stark schwankt und die durch den Transportstress zusätzlich geschwächt sind. Häufig brechen die Tiere auf den Mastbetrieben erst einmal ein und benötigen grundsätzlich eine vorbeugende Antibiotikabehandlung, damit sie gesund bleiben. Ich finde, dass ist eine unbefriedigende Situation!“, erklärt der Veterinär. Er ist seit 28 Jahren im Tiergesundheitsgeschäft. Sein Schwerpunkt ist die Rinderbetreuung und hier speziell die Kälberaufzucht und die Bullenmast.

Projekt für gesündere Kälber

Wie könnte man es besser machen und was bräuchte man dafür? Mit viel Engagement und der finanziellen Unterstützung eines Pharmaunternehmens setzte Beisl ein Projekt auf. Dafür brachte er Milchviehhalter und Mäster zusammen. Das Ziel war es, hundert Kälber bei den Milchviehhaltern so großzuziehen, dass sie bei den Mästern optimale Startbedingungen haben. Dabei sollten die abgebenden Betriebe den Aufwand entlohnt bekommen, den sie durch die zusätzlichen Maßnahmen hatten. „Es muss sich für die Landwirte lohnen. Dann machen sie auch mit“, erklärt Beisl.

Für das Projekt, das der Tierarzt mit vier Milchviehhaltern und zwölf Mästern im Oktober 2020 anschob, gab es klare Regeln, wie die Kälber auf dem Milchviehbetrieb vorbereitet werden sollten, aber auch welchen Ausgleich die Betriebe dafür bekommen sollten. „Die zusätzlichen Kosten für die Tiere im Projekt lagen ungefähr bei 50 Euro. Den Hauptteil machte der zusätzliche Anteil an Milch aus“, erklärt Beisl, denn eine Bedingung war die Ad-libitum-Tränke der Tiere in den ersten drei Lebenswochen.

„Das war und ist bei uns auf dem Betrieb kein Standard“, sagt Josef Thalhammer. Der 45-Jährige und seine Frau Manuela gehören zu den vier Milchviehhaltern, die beim Projekt mitgemacht haben. Rund die Hälfte der KAPRE-Kälber kamen aus ihrem Betrieb. „Wir haben während des Projektzeitraums alle männlichen Kälber darüber vermarktet und entsprechend behandelt. Das waren rund 50 Tiere“, erklärt der Landwirt. Neben der Ad-libitum-Tränke hatte das Programm weitere Bedingungen:

  • Die Tiere sollen in den ersten drei Lebensstunden 4 l Kolostrum erhalten.
  • Die Kälber bekamen zusätzlich Eisen, Vitamin E und Selen durch den Tierarzt.
  • Die Kälber waren genetisch hornlos oder wurden spätestens zwei Wochen vor dem Verkauf enthornt.
  • Sie erhielten ein bis zehn Tage vor dem Verbringen eine intranasale Schutzimpfung gegen Atemwegsinfektionen durch den Tierarzt.
  • Der Transport sollte direkt vom Milchviehhalter zum Mäster erfolgen.

„Wir haben unseren Kälbern bisher 3 l Kolostrum verabreicht. Wenn es nicht anders geht, wird auch gedrencht. Wir vermarkten die männlichen Kälber generell nach sechs bis acht Wochen mit 80 bis 95 kg. Das haben wir auch mit den KAPRE-Kälbern so gemacht“, erklärt Josef Thalhammer.

Kurze Transportwege

Die Kälber vom Betrieb Thalhammer hat vor allem Mäster Hofmeister abgeholt. Rund 10 km Luftlinie liegen die beiden Höfe auseinander. „Die kurzen Wege sind ein absoluter Vorteil“, sagt Hofmeister. „Wenn ich die Tiere tags abhole, saufen sie in der Nacht schon wieder Milch.“ Auch Milchviehhalter Thalhammer sieht hier einen wichtigen Vorteil. „Wenn wir Tiere über den Zuchtviehmarkt verkaufen, werden sie bei uns um 7 Uhr in der Früh abgeholt und kommen in eine 25 km entfernte Sammelstelle. Zur Versteigerungshalle sind es noch einmal 50 km. Wenn es gut läuft, sind die Tiere dann abends um 8 Uhr auf dem Mastbetrieb. Bei den KAPRE-Kälbern waren es gut 20 Minuten Fahrt plus Auf- und Abladen. Das ist schon viel weniger Stress für die Tiere.“

Die frohwüchsigen Kälber sollen sich in der Mast auszahlen. Kälber mit einem stabileren Immunsystem seien weniger krank und nähmen besser zu. „Wenn man kalkuliert, dass nur die Hälfte der Tiere krank wird und sich die Mastleistung auf 50 g pro Tier und Tag steigern lässt, hätte der Mäster schon 67 Euro mehr“, kalkuliert der Tierarzt.

Letztlich waren es im Projekt zu wenig Kälber, um sie gemeinsam in einer Gruppe zu halten. „Die Mäster hatten in der Regel Gruppen mit 30 bis 50 Tieren und drei bis vier davon waren KAPRE-Kälber. Alle Tiere bekamen die gleiche Einstallbehandlung. Auf diese Weise war es aber auch möglich, die Unterschiede zu erkennen“, erklärt Dr. Josef Beisl das Vorgehen. Würden mehr KAPRE-Kälber vermarktet, könnte man KAPRE-Gruppen bilden. „Dann wäre es auch möglich, die antibiotische Metaphylaxe zu minimieren oder sogar ganz wegzulassen“, ist der Tierarzt überzeugt. Gerade dieses Thema treibt ihn besonders um. „Im Rahmen des Antibiotikaminimierungsprogramms sieht man deutlich, dass sich im Moment nichts bewegt.“ Die verbrauchten Mengen an Antibiotika bei den Fressern seien hoch, ohne dass die Mäster eine Chance hätten, daran etwas zu ändern. „Wir haben früher gemeinsam die Haltung und das Management immer weiter verbessert, doch das Zusammenführen aus vielen Herkünften und der Crowding-Effekt haben einen so großen Einfluss, dass ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass man eine Minderung nur erreicht, wenn die Milchviehbetriebe mithelfen. Und wir sollten nach Lösungen in der Branche suchen und nicht abwarten, bis der Gesetzgeber Vorschriften macht.“

Vorteile für Milchbetrieb und Mäster

Dabei hat das Kälbermanagement auch Vorteile für den Milchviehbetrieb. „Wenn er männliche wie weibliche Tiere nach dem gleichen Verfahren versorgt, werden auch die weiblichen Tiere frohwüchsiger sein“, meint der Veterinär. Manuela Thalhammer bestätigt, dass das Programm die Aufmerksamkeit für die Kälber erhöht hat und es zeigte Erfolge. „Die Maßnahmen haben für Zunahmen in den ersten vier Wochen von 1.050 g gesorgt“, erklärt die Milchviehhalterin. Von Vorteil sei es auch, dass man eine klare Anweisung für die Aufzucht hat, an die sich jeder habe halten können. Problematisch sei jedoch gewesen, dass manche Maßnahmen neu waren und nicht von jedem einfach umgesetzt wurden. „Bei der Ad-libitum-Fütterung war es schwierig, alle davon zu überzeugen. Während des Projekts haben wir es konsequent umgesetzt, doch danach haben sich die alten Gewohnheiten wieder eingeschleift“, erklärt die Milchviehhalterin.

Auch wenn das Projekt noch nicht vollständig ausgewertet ist, liegen die Vorteile für Mäster Hans Hofmeister jetzt schon klar auf der Hand: Der Krankheitsdruck bei den Tieren war geringer und die Zunahmen waren besser. „Für uns hieß das weniger Behandlungen und damit auch weniger Stress“, erklärt der Mäster.

Auch jetzt, nach Ende des Projekts, kauft der Mäster weiterhin Kälber direkt auf dem Milchviehbetrieb Thalhammer, auch wenn die Tiere nicht mehr konsequent nach den Maßnahmen aufgezogen werden. „Klar spielt die Entfernung eine wichtige Rolle“, meint Mäster Hans Hofmeister, aber er schätze auch den Austausch mit dem Kollegen. Hofmeister wäre auch künftig bereit, einen Aufschlag für bessere Kälber bei geringerer Transportdauer zu bezahlen, doch er sieht auch die Hindernisse: „Wir haben hier in Niederbayern mehr Mäster als Milchviehhalter. Da werden immer Kälber von außen gebraucht. Außerdem bräuchte es eine Plattform, auf der sich Milchviehhalter und Mäster koordinieren könnten“, findet der Landwirt.

Auch Josef Beisl weiß von den Problemen. „Das knappste Gut auf den Milchviehbetrieben ist die Zeit und da kann es schwierig sein, einen Extraaufwand in die Kälber zu investieren, selbst wenn er honoriert würde. Dazu kommt der Zeitaufwand für entsprechende Kontrollen, in denen Landwirte nachweisen müssten, dass die Kälber entsprechend aufgezogen wurden.“ Ihm ist auch klar, dass die Maßnahmen des Projekts auf die bayerischen Fleckviehbestände abgestimmt sind. „Bei Holsteinkälbern ist vieles wegen des kürzeren Zeitfensters schwieriger zu gestalten, aber das könnte sich durch die Verlängerung der Aufzucht auf vier Wochen auch etwas ändern“, meint er.

Der Versuch endete im Oktober 2021. Der Tierarzt hat gemeinsam mit den Landwirten eine Vielzahl von Daten erfasst, neben dem Geburts- und Umstallgewicht auch diverse Blutparameter und zum Schluss das Schlachtgewicht. Die letzten Schlachtauswertungen erfolgen bis Ende diesen Jahres und der Tierarzt ist hoffnungsvoll. „Die Tiere sahen besser aus und haben besser zugenommen. Das haben alle Mäster gesagt, ohne die Zahlen zu kennen, aber letztlich zählen die Fakten und nicht der Eindruck“, sagt der Veterinär. Er ist jedoch zuversichtlich, dass die Zahlen seine Daten untermauern und damit einer Vermarktung die Bahn brechen, die auf mehr Zusammenarbeit zwischen Milchviehhaltern und Mäster setzt, einen Mehrwert für beide erzeugt und letztlich zu gesünderen Kälbern und einem geringeren Antibiotikaverbrauch bei den Fressern führt.

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