Pferdehaltung

Ein Herz für edle Kaltblüter

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Externer Autor
am Dienstag, 19.01.2021 - 15:53

Landwirt Alfons Ingerl aus Riedling fährt, züchtet und unterrichtet seine Rösser

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Wie mit Zucker überzogen liegt der Wald hinter dem schneebedeckten Hügel bei Riedling. Nur das Knistern des Schnees, das Schnauben eines Pferdes, gedämpfter Hufschlag und das Kratzen der Schlittenkufen auf dem gefrorenen Untergrund ist zu hören. Alfons Ingerl atmet durch und genießt die Zeit mit seinem Pferd.

Fest hat er die Leinen seiner Liesl in der Hand. Das süddeutsche Kaltblut trabt mit raumgreifenden Bewegungen über die Wiesen. Als drei Rehe aufspringen, redet der Landwirt seiner Stute besänftigend zu: „Ist schon gut Liesl, geh nur weiter.“ Sie wird langsamer. Doch Liesl vertraut ihm und packt wieder an. Die verschneite Flur scheint kein Ende zu nehmen. „Glück auf Kufen“ nennt der Landwirt und Pferdezüchter diese Momente.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde – oder eben, wie bei Alfons Ingerl aus Riedling im Kreis Straubing-Bogen auch hinter dem Pferderücken. Der Landwirt ist in ganz Ostbayern bekannt als Halter und Züchter edler Kaltblüter, ein „Rosserer mit Leib und Seele“.

Die Liesl vertraut ihm und packt wieder an

Zum zweiten Mal erst in diesem Winter hat Alfons Ingerl seine Liesl vor den Schlitten gespannt. Die Stute heißt eigentlich Julisa und ist gerade fünf Jahre alt geworden. Ein wenig ungewohnt ist das Knarzen der Schlitten-Ansen noch für die große, dunkelbraune Stute mit der weißen Mähne, doch mit beruhigenden Worten und liebevoller Geduld gewöhnen Ingerl und seine Frau Anita ihr Pferd schon daran, und das Pferd entspannt sich ganz schnell und genießt die Schlittenfahrt.

Ein ganzer Stall voller süddeutscher Kaltblüter

Auf dem Hof der Ingerls in Riedling im Landkreis Straubing-Bogen, wo sie einen ganzen Stall voller süddeutscher Kaltblüter haben, hat die fleißige Helferin und Nachbarin Lena Englberger die brave Stute schon sauber geputzt, ihr die Hufe ausgekratzt und das Kammert übergestreift, das wie früher in der Landwirtschaft um den Hals eines Pferdes kommt, wenn dieses einen Wagen, Schlitten oder Baum zu ziehen hat.
Dann werden die Riemen des Geschirrs mit Sorgfalt geschlossen, Alfons Ingerl nimmt die Leinen fest in die Hand und dirigiert seine Liesl mit ruhiger Hand ein Stück durchs Dorf, bis er auf die Wiesen kommt, auf denen er fahren darf und wo der Schlitten deponiert ist.

Am Anfang stand ein Wochenblatt-Inserat

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Alfons Ingerl ist Landwirt, doch mehrere Stunden täglich gehören den Rössern. Der 62-Jährige ritt früher Warmblüter und war im Springsport erfolgreich, dann zwang ihn eine Bandscheiben-OP zur Aufgabe seines Hobbys. Da am Gestüt Schwaiganger sein Interesse für Kaltblüter geweckt wurde, begab er sich auf die Suche, damals mit Hilfe von Inseraten im Wochenblatt.

In Memmingen schließlich fand er seine erste Stute, die ihm optisch und auch vom Charakter her gefiel, und diese legte den Grundstein seiner Zucht. Auch heute noch kommen pro Jahr mehrere Fohlen in Riedling zur Welt, im Frühjahr werden es wieder zwei sein, wenn alles gut geht.

Kaum können sie stehen, beschäftigt sich der Pferdeliebhaber schon ausgiebig mit ihnen, bringt ihnen bei, dass sie die Beine aufheben zum Hufauskratzen oder -einfetten, und wenn sie dann als Zweijährige von der Sommerkoppel kommen, beginnt im Winter die Ausbildung. Denn Alfons Ingerl hält die Pferde nicht nur, weil er sie liebt und weil auf dem Hof seit Jahrzehnten Rösser einfach dazugehören, sondern auch, weil er mit ihnen auf Umzügen, Hochzeiten, Fahnenweihen und Festen mitreitet oder sie Kutschen ziehen lässt.
„Der Höhepunkt ist jedes Jahr der Auszug zum Straubinger Gäubodenfest, wenn gerade kein Corona herrscht“, sagt der Landwirt und schickt ganz bescheiden hinterher: „Meine Rösser ziehen seit einigen Jahren den Wagen mit dem Straubinger Stadtwappen.“

Erprobt, gelassen und verkehrssicher

Auch beim Mittelalterfest Arnstorf waren seine Rösser schon dabei und bei vielen weiteren Gelegenheiten. Dazu müssen sie erprobt, gelassen und verkehrssicher sein. Das ist allerdings kein Selbstläufer. Es erfordert Zeit, Mühe, Geduld, Fachwissen und nicht zuletzt viel Fingerspitzengefühl. „Es ist wichtig, einen Bezug zu den Tieren zu haben.“ Dazu gehört aber auch, den Pferden etwas beizubringen. Ingerl nennt es: „Selbstbewusstsein geben, den Pferden zeigen, dass sie etwas gut machen.“

In Coronazeiten ist Kreativität gefragt

Da es heuer keine Umzüge, Feste, Hochzeiten und Fahnenweihen gab, bei denen die Pferde aus Riedling hätten wieder dazulernen können, fördert und fordert der 62-Jährige seine Tiere eben auf andere Art – Kreativität ist gefragt. Deshalb bringt er Liesl gerade bei, vor dem Schlitten zu gehen: „Damit sie wieder dazulernt, das ist ganz wichtig.“ Dabei trifft es sich gut, dass der Winter wieder einmal etwas schneereicher ist. Den großen Schlitten, mit dem man zweispännig fährt, mag er aber gar nicht auswintern: „Immer, wenn wir das tun, dann geht sofort der Schnee weg“, sagt der Pferdefreund mit einem Augenzwinkern.
Für Schlittenrennen, an denen er mit seinen schweren Rössern schon öfter teilgenommen hat, hat er extra einen leichten, wendigen Rennschlitten gebaut, an den sich Liesl nach einigen Runden schon sehr gut gewöhnt hat. Schon oft ist er mit seinen Pferden als Sieger durchs Ziel gefahren: „Da freut man sich dann schon.“ Zuletzt war das 2017 in Osterhofen der Fall.

Auch beim Holzrücken sind Pferde noch gefragt

Für Liesl ist am Anfang alles ungewohnt bei ihrer neuen Ausbildung, auch die weiße Landschaft. Normalerweise weiß sie genau, auf welcher Wegseite sie gehen soll, wenn sie geritten oder eingespannt wird, doch plötzlich sieht das alles anders aus, weil der Weg verschneit ist. „Ein Pferd kennt genau seine Spur und auch seinen Weg. Nicht selten haben die Bauern, die früher aus Straubing heimgefahren sind, auf dem Kutschbock ein Schläfchen gemacht, und ihre Pferde haben sie dann heimgebracht“, sagt Alfons Ingerl schmunzelnd.
Seine Pferde könnten das wohl heute noch, wäre nicht der Straßenverkehr, doch was sie auf alle Fälle noch können sollen, ist die Holzarbeit. Er bringt seinen Stuten die Grundlagen des Holzrückens bei. „Ein richtiger Holzreisser arbeitet lange mit seinem Partner, dem Pferd zusammen, bis die Arbeit dann gut und sicher erledigt wird“, so ist es Ingerls Erfahrung. Doch da eine Maschine heutzutage einfach schneller ist, ist diese Art der Waldarbeit für den Landwirt die Ausnahme. Spaß macht es trotzdem und Training ist es auch. Denn der nächste offizielle Einsatz für seine schmucken Kaltblüter kommt bestimmt und dann sollen sie wieder eine gute Figur machen.
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