Saisonarbeitskräfte

Aus Helfern werden Freunde

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Monika Ebnet
am Mittwoch, 08.07.2020 - 10:22

Auf dem Betrieb Lammer in Großköllnbach arbeiten ungewöhnliche Erntehelfer.

Es war ein Hilfeaufruf von Seiten der Landwirtschaft: Es war zu befürchten, dass 300.000 Erntehelfer nicht zur Verfügung stehen und die Arbeit auf dem Feld unerledigt bleibt. Der Maschinen- und Betriebshilfsring Dingolfing-Landau und andere Ringe hatten zusammen mit dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Aktion „daslandhilft“ ins Leben gerufen. Rund 64.000 Annoncen wurden in Gesamtdeutschland geschaltet, sowohl von Landwirts- wie auch von Helferseite.

Statt Norwegen aufs Feld in Niederbayern

Familie Lammer aus Großköllnbach hat ebenfalls einen Hilferuf gestartet. Bei ihnen hat sich das Ehepaar Monika und Peter Ziegler aus Bad Kissingen gemeldet. Eigentlich wollte das Rentnerpaar mit dem Wohnmobil nach Norwegen und nach England zum Fotokurs, doch Corona hat sie ausgebremst. Eine Freundin hat sie auf den „Personalmangel“ in der Landwirtschaft und das Hilfsportal hingewiesen. Und sie haben es angepackt, ein paar Stunden täglich wollten sie mithelfen, außerdem die niederbayerische Gegend mit dem Fahrrad in der Freizeit erkunden. Martina und Bernhard Lammer waren positiv gestimmt und starteten den „Versuch“.

Sie nennen sich selbst die „Rübenhacker“

Seit Ende April waren Zieglers in Niederbayern. Nachdem bei Lammers der Bedarf zunächst noch nicht gegeben war, halfen sie auf dem naheliegenden Hof von Michael Gehwolf aus. Hier haben die Bad Kissinger, die eine Anreise von 350 km auf sich nahmen, den Glaskünstler Wilhelm Vernim kennengelernt. Er wäre eigentlich in Frankreich oder würde Unterricht geben, doch alles kam anders. Auf dem Feld ist eine Freundschaft der drei entstanden, seit 11. Juni sind sie jetzt bei Lammers aktiv. Sie nennen sich „die Rübenhacker“ und das ist auch ihr Job. Auf den Feldern heißt es, Unkraut hacken und das täglich von 8 bis 17 Uhr. „Bauch, Beine, Po – wir haben das ultimative Fitnessprogramm“, schmunzelt Monika Ziegler.

Unerwartete Ausdauer und Engagement

Und sie sind ernsthaft bei der Sache, betont Landwirtin Martina Lammer. „Mit dieser Ausdauer und diesem Engagement haben wir nicht gerechnet“, erzählt sie. Und man versteht sich blendend, eine enge Freundschaft ist bereits entstanden. Zusammen wird gekocht, gegessen, man unterhält sich und lacht viel. Und dann geht es wieder ab aufs Feld und das bei Wind und Wetter. Die „drei Rübenhacker“ sind sich einig: „Wir haben großen Respekt vor den Leistungen der Landwirtschaft. Mit den geübten Saisonarbeitskräften können wir nicht mithalten, aber wir tun, was wir können.“ Trotz all der Anstrengungen steht fest: „Wir würden es wieder tun“ und sie machen noch weiter, bis die Hauptarbeit bei Lammers getan ist. Sprachliche Barrieren sind mittlerweile überwunden, man kennt sein Werkzeug, die Pflanzen, die Arbeit.

Rübenacker ersetzt den Gang auf dem Jakobsweg

Wilhelm Vernim beschreibt die Arbeit für sich als „Meditation, andere gehen den Jakobsweg, wir hacken uns durchs Feld. Es erdet ungemein.“ Mit der Aktion habe sich der Blick auf die Landwirtschaft um 180 Grad gedreht. Es wird gesehen, was die Menschen täglich zu leisten haben, sie zollen ihnen Respekt. „Hochleistungen sind das, die mit Konzentration und Exaktheit erbracht werden – da können wir nicht mithalten, das wissen wir.“ Sie wünschen sich, dass die Menschen die in der Heimat produzierten Lebensmittel und die Arbeit der Landwirtschaft wieder mehr zu schätzen wissen und dafür einen fairen Preis bezahlen – „wir haben daraus gelernt“.

Neuen Blick auf die Lebensmittel gefunden

Für die Helfer ist es eine wertvolle Erfahrung, die sie machen dürfen, zu sehen, wie Lebensmittel produziert werden, dabei schmutzige Hände haben und schwere Beine – obwohl es hart für sie ist, sehen sie es als Chance: „Wir haben einen neuen Blick auf die Landwirte, wir zollen ihnen allen unseren großen Respekt.“
Auch mit den Gastarbeitern, die mittlerweile zugegen sind, ist man in Kontakt gekommen. Als „Wahnsinn“ beschreiben sie es, mit welcher Präzision und Schnelligkeit die „Profis“ ihre Arbeit tun – „da können wir nur staunen!“ Den „drei Rübenhackern“ ist voll bewusst, dass sie langsamer sind, doch das Helfen-wollen steht im Vordergrund und das Durchhalten. Sie motivieren sich als Team gegenseitig, wenn die Beine schwer werden und helfen einander.
Und die Freunde finden es „cool“, dass sie dranbleiben und durchziehen, Lammers übrigens auch. Die drei Helfer und Familie Lammer sind sich einig: Die Entscheidung war „goldrichtig“ und ein „Augenöffner“, der ihnen allen zusammen ganz neue Perspektiven geschenkt hat.