Schadbefall

Grünland: Umbruch wegen Engerlinge

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Gerd Kreibich
am Mittwoch, 20.05.2020 - 10:30

Ausnahmegenehmigung: Landwirte in den Regionen Freyung-Grafenau und Passau leiden unter einer massiven Engerling-Plage.

Siegfried Jäger, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes in Freyung-Grafenau macht deutlich, dass die bisherigen langen Trockenperioden die Situation noch verschlimmert haben. Das Problem „Engerling“ habe sich zu einer echten Bedrohung für die Grünlandwirtschaft entwickelt. Doch jetzt ist man auf Initiative des Bauernverbandes und im engen Schulterschluss mit Ämtern und Behörden einer Lösung einen wichtigen Schritt nähergekommen: Für zwei Jahre wird auf Antrag auf betroffenen Flächen ein Grünlandumbruch mit anschließendem Ackerbau gestattet.

Umbruch mit Neuaussaat hat nicht viel gebracht

Mit 80 Prozent befindet sich ein großer Teil der Flächen, die vom Engerling betroffen sind, in den Gemeinden Neureichenau, Freyung, Grainet, Hinterschmiding und Schönbrunn. Dort haben sich Bilder vom vergangenen Jahr eingeprägt: Der Befall durch den Engerling war so schlimm, dass man Grasflächen vom Boden gewissermaßen „abrollen“ konnte, so schwer waren die Wurzeln geschädigt.
Der Versuch das Problem zu lösen, indem 1500 Hektar Dauergrünland umgebrochen und mit Grünlandsaatgut neu angesät wurden, brachte keinen durchschlagenden Erfolg: „Viele dieser Flächen wurden vom Engerling stark geschädigt, dem das frisch angebaute Grünland erneut zum Opfer fiel.“

Bedrohung für die Existenz der Betriebe

Die Engerling-Plage stellt die Landwirte vor existenzielle Probleme. „Die Bauern können nicht mehr genug Futter von der Fläche holen, um ihre Tiere zu versorgen“, berichtet Kreisobmann Jäger. Dieses fehlende Futter habe man teuer zukaufen müssen.
Mittlerweile sind sich alle Experten einig: Die effektivste Maßnahme, das Engerling-Problem in den Griff zu bekommen, stellt der Grünlandumbruch dar. Diese Vorgehensweise ist jedoch nur in Ausnahmefällen erlaubt und „seit dem Volksbegehren praktisch unmöglich“, erklärt der Kreisobmann.
Deshalb setzten sich im letzten Jahr die Vertreter von Landratsamt, vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und Bauernverband an einen Tisch, um Lösungsmöglichkeiten zu erörtern. „Dabei ging es nicht nur um die landwirtschaftlichen Belange, sondern auch um den Erhalt unserer schönen Kulturlandschaft im Bayerischen Wald“, berichtet Jäger. Deshalb nahmen Bauernverband und die beteiligten Behörden Kontakt mit dem Landwirtschafts- und Umweltministerium auf.
„Nach anfänglicher Skepsis unseren Anliegen gegenüber ist es uns nun gelungen, dass Landwirte auf den betroffenen Flächen für zwei Jahre Ackerbau betreiben dürfen“, so Jäger. Natürlich muss zuvor ein Antrag beim Landwirtschaftsamt gestellt werden. Nach der Maßnahme wird die Fläche wieder ausschließlich als Grünland genutzt. „Nur weil alle Behörden und der BBV zusammengearbeitet haben und hartnäckig geblieben sind, ist unsere Sache von Erfolg gekrönt“, sagte der Kreisobmann.

Die ersten Bescheide sind schon auf den Betrieben

Dr. Christian Loibl, Leiter des Landwirtschaftsamtes, machte deutlich, dass der Schädling in seinen Auswirkungen wohl auch zunächst unterschätzt worden sei. „Mit diesem Ausmaß hat man nicht rechnen können“, so Loibl beim Ortstermin auf dem Betrieb von Siegfried Jäger. Doch die zu wenigen Niederschläge seien ein idealer Nährboden für den Engerling. Die neuen Regelungen würden es jetzt möglich machen, durch den Anbau einer „Gesundungsfrucht“ und dem damit verbundenen zeitlich begrenzten Ausstieg aus dem Grünland die Situation deutlich zu verbessern. Erste Bescheide seien bereits an betroffene Betriebe verschickt worden, bis Mitte des Monats Juni könnten noch Anträge eingereicht werden.
Landrat Sebastian Gruber zeigte sich erfreut über den Erfolg der gemeinsamen Anstrengung: „Es geht hier natürlich um unsere heimische Landwirtschaft, es geht aber auch um das Bild unserer Kulturlandschaft, die auch für den Tourismus eine wichtige Grundlage ist.“ Gruber warnte allerdings davor, zu sehr auf den Mais als „Gesundungsfrucht“ zu setzen, denn „eine Vermaisung wäre sicher nicht die Lösung“.
Hans Koller, stellvertretender Landrat und Kreisobmann im ebenfalls betroffenen Nachbarlandkreis Passau, machte klar, dass es absolut notwendig gewesen sei, entsprechende Regelungen für eine mögliche Schädlingsbekämpfung einzuführen: „Die verursachten Schäden sind zu groß und übrigens auch nicht im Sinne der Nachhaltigkeit.“

Stadler: großartiges Pilotprojekt geschaffen

Beim Ortstermin auf dem Betrieb von Jäger war auch der niederbayerische BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler anwesend. Er zeigte sich begeistert und beeindruckt: „Hier wurde durch den Einsatz aller Beteiligten ein einzigartiges Pilotprojekt geschaffen“, merkte Stadler an. Alle Vertreter von Landwirtschaft und Behörden waren sich einig, dass hier die beste Lösung für Landwirtschaft, Umwelt und Landschaft gefunden wurde – das brachte auch Kreisbäuerin Elke Binder auf den Punkt: „Es ist gut, dass diese Lösung gefunden wurde, denn wir müssen Pacht bezahlen und die Tiere füttern können – da müssen wir eben auch etwas von den Flächen holen können.“