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Marktnischen

Glücklich mit dem Anbau von Aroniabeeren

Marcus Huber setzt auf die Aroniabeere. Die Früchte schmecken herb und versprechen eine vielseitige gesundheitliche Wirkung.
Helga Gebendorfer
am Freitag, 05.08.2022 - 09:46

Aroniabeeren gelten in Osteuropa als Heilpflanze. Familie Huber hat die Gesundheitsfrucht auch in Bayern etabliert und baut sie auf zwei Drittel ihrer Ackerfläche an. Das Wochenblatt hat die Familie kurz vor der Ernte besucht.

Abfüllung: Der Chef greift seinen Mitarbeiterinnen unter die Arme.

Marcus Huber zieht den prall besetzten Zweig mit den dunklen Beeren zu sich heran und probiert die herb-süßen Früchte. Der Zuckergehalt passt, die Früchte sind erntereif. „Mit der Aroniabeere haben wir einen neuen Weg eingeschlagen – es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, sagt der 42-jährige Betriebsleiter vom Winklhof bei Wurmsham im Landkreis Landshut (www.winklholf.de). Zusammen mit seiner Frau Marion und den Eltern Josef und Annemarie bewirtschaftet Huber den Betrieb mit 24 ha LN und 2 ha Wald im Vollerwerb – seit 1991 als Bio-Betrieb. Heute stehen auf 4 ha Apfelbäume und auf 16 ha Aroniabeeren-Sträucher.

Begonnen hatte alles im Jahr 2002, als sich sein Vater Josef entschloss, die Schweinemast aufzugeben und sich auf Obstanbau zu spezialisieren, erzählt Huber. Die beiden starteten zunächst mit Apfelbäumen und pflanzten auf 8 ha 12 000 Stück.

Herkunft und Transparenz entscheidend für Erfolg

Startklar für die Ernte: Der halbseitig gezogene Vollernter erleichtert die dreiwöchige Erntearbeit.
Bei der Abfüllung greift der Chef seinen Mitarbeitern unter die Arme.

Mit dem Obstanbau entwickelte sich die dazu passende Veredlung in Form von Saft und Trockenfrüchten sowie die Direktvermarktung eigener Produkte. Schließlich wurden auch Apfelessig und Balsamico-Essig hergestellt, was sich als Renner entpuppte. „Entscheidend für den Erfolg war damals die Herkunft und Vermarktung am Hof sowie die Transparenz für die Kundschaft“, verdeutlicht der gelernte Landwirt und Schreiner.

Der Obstanbau bildete auch den Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung des Betriebes zu einem Erlebnisbauernhof. Auf den Weideflächen des Hofes grasen 58 Alpakas und Lamas, die für geführte Wanderungen zum Einsatz kommen. Vor zwei Jahren eröffnete Familie Huber noch ein Hofcafé mit integriertem Hofladen mit 80 Plätzen und 40 Plätzen im Außenbereich.

Zur Aroniabeere kam Familie Huber durch eine polnische Bekanntschaft, die von der Gesundheitsfrucht aus ihrer Heimat begeistert war. 2005 wurden dann aus Polen 3000 Pflanzen bezogen und auf einem Hektar im Abstand von 60 cm in der Reihe und mit 4 m Reihenabstand gepflanzt. Die erste Ernte per Hand erfolgte zwei Jahre später. Inzwischen werden die Pflanzen als Jährlinge von einer Baumschule bezogen.

Die Aroniabeere wird auch Apfelbeere genannt und stammt ursprünglich aus Nordamerika, wird aber schon sehr lange vor allem in Ost-Europa angebaut. Die Beere hat durch den hohen Gerbsäureanteil einen herb-süß-säuerlichen Geschmack und eignet sich daher eher für die Verarbeitung als für den Frischeverzehr.

Robust und anspruchslos, aber mag keine Staunässe

Breites Angebot im Hofladen: Alle Aronia-Produkte auf einen Blick.

„Die Aroniabeere ist anspruchslos im Hinblick auf den Boden. Aber Vorsicht, sie verträgt keine Staunässe. Außerdem ist sie krankheits- und schädlingsresistent, sodass Pflanzenschutzmaßnahmen wegfallen“, gibt er Auskunft. In den ersten Jahren ist die Pflege des Bestands am wichtigsten.

Das bedeutet: So gut es geht unkrautfrei halten. Das gelingt mit einer Spezial-Obstkreiselegge, die gleichzeitig den Boden auflockert und damit für das Eindringen von Feuchtigkeit sorgt. Zudem trägt sie zur Mäuseregulierung bei. Schließlich mulcht der 42-jährige regelmäßig zwischen den Reihen.

Während der Aronia-Strauch im Garten bis 2,50 m groß wird, schneidet Marcus Huber die Pflanzen im Plantagenbetrieb ab dieser Höhe komplett auf etwa 30 cm zurück. „Auf diese Weise treiben sie neu aus, was eine leichtere Ernte und einen höheren Ertrag verspricht“, fügt er hinzu und weist darauf hin, dass die Aroniabeere am vorletzten Trieb trägt. Von den drei auf dem Markt befindlichen Sorten wächst auf dem Winklhof nur „Nero“. Diese Sorte bildet die größten Beeren aus und ermöglicht damit die höchste Saftausbeute.

Vollernter schüttelt die Früchte vom Strauch

Nach zwei Jahren mühevoller händischer Ernte sorgte der Betriebsleiter mit einer Investition in einen halbseitig gezogenen Vollernter für eine arbeitserleichternde Ernte mit Maschine. Dieser eignet sich neben der Aroniabeere auch für Heidelbeere und Johannisbeere.

Die Erntesaison beginnt in der Regel Mitte bis Ende August und dauert rund drei Wochen. Bei ausgewachsenen Sträuchern beträgt der Hektarertrag 4 bis 5 t. Die richtige Mischung zwischen Wärme und Feuchtigkeit während der Vegetation sorgt für relativ große und süße Früchte. „Allerdings ist die Aroniabeere keine Naschfrucht, sondern bringt einen herben Geschmack mit“, erläutert der Direktvermarkter. Die leichte Pflege und die gute Nachfrage führten in den letzten Jahren dazu, dass die Äpfel zurückgefahren und die Aronia-Fläche ausgeweitet wurden. Derzeit stehen 50 000 Sträucher auf 16 ha rund um den Hof.

Festes Schema für die Ernte

Die Aronia-Ernte erfolgt immer nach dem gleichen Schema: Am ersten Tag wird 1 ha geerntet, am nächsten Tag werden die rund 4 t Früchte gepresst. Die Erntemaschine sorgt für sauberes Erntegut, indem das Gebläse leichte Teile wie Blätter und Stängel entfernt. Anschließend übernimmt eine Arbeitskraft die Nachkontrolle. Das Erntegut wandert dann in 400 kg fassende Apfelgroßkisten, die mit dem Lader nach Hause transportiert werden.

In der Dekanter-Presse mit einer Leistung von 1,2 t pro Stunde wird aus den vorher gemusten Beeren Saft gewonnen, der gefiltert, erhitzt und in 200 l fassende „Bag in Box-Fässer“ abgefüllt wird. Erst bei Bedarf kommt der Saft für den Ab-Hof-Verkauf in Glasflaschen mit 0,33 l bzw. 1 l, in Bag-in-Box-Behälter mit 3 l Inhalt oder für Wiederverkäufer in 200 l-Fässer.

Einen Teil des Aroniasaftes lässt Marcus Huber zu Wein gären, den er direkt vermarktet oder zu Aronia-Essig weiterverarbeitet. „Wir sind der einzige Betrieb in Bayern, der direkt aus Aroniasaft Essig herstellt“, fügt er hinzu. Aus einem weiteren Teil des Essigs entsteht auch noch Aronia-Balsam mit 4 % Säure. Schließlich vervollständigt Aronia-Secco, dessen Produktion der Direktvermarkter in Auftrag gibt, die reichhaltige Angebotspalette.

Alles in allem werden 85 % der Aroniabeere zu Saft verarbeitet. Der bei der Pressung anfallende Aronia-Trester wird entweder frisch kompostiert oder zum Teil vakuumgefriergetrocknet, zu Pulver vermahlen und in 100 g-Gläser abgefüllt – eine passende Zutat für Smoothies oder zum Färben von Sahne.

Verkauf zum Großteil über das Internet

Die Aronia-Produkte werden zu rund 65 % über den Internet-Shop vermarktet. Der Rest verteilt sich auf Ab Hof-Verkauf im Hofladen, saisonale Märkte und Messen im Umkreis von 100 km, Wiederverkäufer und Großhandel. Die Kunden schätzen Herkunft, Regionalität, den persönlichen Kontakt mit Beratung sowie den Gesundheitsaspekt. So berichtet die Kundschaft immer wieder, dass die Beere, die in Russland als Heilbeere gilt, bei Bluthoch- und -niederdruck, Cholesterin und Diabetes hilft, das Immunsystem stärkt und gegen Grippe vorbeugt.

Die Aufgaben im Familienbetrieb sind klar verteilt. Marcus Huber ist für die landwirtschaftlichen Arbeiten, die Saft- und Essigproduktion sowie die Vermarktung zuständig. Seine Frau hilft ebenso bei der Vermarktung und übernimmt Öffentlichkeitsarbeit, Hofcafé-Betrieb und Alpakaschiene. Vater Josef unterstützt bei Lieferung und Erntearbeiten. Zudem beschäftigen Hubers acht 450 €-Kräfte. Die Aroniaernte bewältigt die Familie selbst.

Erlebnishof bietet Führungen an

Miteinander stemmt der Familienbetrieb die rund 50 Busse, die pro Jahr den Aronia-Hof ansteuern. Vor allem im Frühjahr und Herbst finden Landfrauen, Gartenbauvereine oder sonstige Ausflugsgäste aus Deutschland und Österreich den Weg zu Familie Huber, wo sie an Aronia-Führungen vom Anbau über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung teilnehmen, anschließend Kaffee und Kuchen im Hofcafé genießen und aus dem Hofladen Aronia-Erzeugnisse mit nach Hause nehmen.

Die Familie ist zufrieden, wie gut es momentan läuft. Für die Zukunft ist geplant, an der Aroniabeere festzuhalten. „Wichtig ist dabei aber, dass wir trotz aller Arbeit glücklich sind. Denn nicht immer ist für uns der finanzielle Aspekt entscheidend, sondern es muss vor allem Spaß machen“, stellt Huber klar.