Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Frauen in Männerdomänen

Die Fischerin von Straubing

Donaufischerin-Kathi-Mayer (6)
Lena Stockinger
am Freitag, 05.08.2022 - 13:00

Kathi Mayer ist Berufsfischerin. Die Anerkennung in dieser Männerdomäne hat sie sich schwer erarbeitet. Sie führt den Familienbetrieb heute zusammen mit ihrem Bruder. Die Fische vermarkten sie unter anderem auf dem Gäubodenfest.

Kathi Mayer hat sich als Donaufischerin einen Namen gemacht.

Der Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Katharina Mayer bindet die Schnürsenkel ihrer Stahlkappenschuhe. Die Donau ist ruhig, ein leichter Nebel liegt über dem Wasser. Netze mit bis zu 100kg Gewicht warten darauf, von der Berufsfischerin in den Fischerkarren gezogen zu werden. Die 35-Jährige macht sich an die Arbeit.

„Ich wollte mir das selber beweisen, ich wollte es meinem Papa beweisen und allen anderen Mädels den Mut geben, dass sie das auch können“, sagt Kathi. Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, als sie über die Anstrengung der letzten Jahre und ihren verstorbenen Vater spricht.

Die Donaufischerin, eine „Powerfrau“, wie sie über sich selbst sagt, musste sich ihren Ruf und die Anerkennung als Fischerin erst erarbeiten. Die Fischerei ist nach wie vor ein typischer Männerberuf. In Europa sind weniger als 4 % der Beschäftigten auf Fischkuttern und weniger als ein Viertel der Beschäftigten in der Aquakultur Frauen.

Aus der Zahnarztpraxis auf den Fischkarren

Geräuchert: Bis zu 300kg Fisch verarbeitet die Fischerei Mayer pro Woche. Verkauft wird unter anderem auf dem Gäubodenfest.

Als vor fünf Jahren der Familienvater plötzlich krank wird und bald darauf stirbt, müssen die Geschwister Kathi und Michael schnell reagieren. Kati ist die jüngere Tochter, ihr Weg als Fischerin war nicht vorgezeichnet. Wie oft in Familienbetrieben, sollte eigentlich der Sohn übernehmen. Bruder Michael lehnte das allerdings ab. Er wollte die Verantwortung für das Familienunternehmen nicht alleine schultern. So kam es, dass die Geschwister als Team den Betrieb übernahmen und Kathi hauptberuflich in die Fischerei einstieg.

Das war 2017 und die blonde Kathi war damals 30 Jahre alt. Nach ihrer Ausbildung hatte sie in der Verwaltung einer Zahnarztpraxis gearbeitet, Abrechnungen und Buchhaltung erledigt. Ein klassischer Frauenberuf also. Nebenher hatte sie stundenweise daheim mitgearbeitet. Als die Fischerei ihr Hauptberuf wurde, hatten langjährige Kunden plötzlich Vorurteile und Zweifel, die sie auch laut äußerten. Einige vergewisserten sich gleich mehrfach, ob die Qualität denn weiterhin gewährleistet sei. Die Frage „Kannst du das denn auch wirklich?“ hat sie in dieser Zeit nicht nur einmal gehört.

Zusammen das Erbe des Vaters fortführen

Doch Kathi und ihr Bruder Michael kennen den Betrieb und die Arbeit von Kindesbeinen an. Der Familienbetrieb mit über 300 jähriger Tradition betreibt neben der Donaufischerei auch einen Großhandel. Daran hat sich nach dem Tod des Vaters nichts geändert.

Fischzucht: In insgesamt dreizehn Weihern werden bei der Fischerei Mayer Fische für den Verkauf gezüchtet. Kathi übernimmt im Betrieb alle Aufgaben, die auch die Männer erledigen wie Teiche abfischen und schlachten aber auch Stapler und Boot fahren oder Hänger anhängen.

Michael absolvierte die Ausbildung zum Fischwirt, Kathi legte die Fischerprüfung ab, machte einen Boots- und Staplerschein. „Die ersten zwei Jahre waren wirklich hart, ich hab gearbeitet wie eine Wahnsinnige“, sagt die Niederbayerin. „Dutzende Fragen kamen auf: Wie hat mein Vater kalkuliert? Wo hat er die Fische gekauft? Oft hab‘ ich mich gefragt, wie mein Vater jetzt gehandelt hätte ... aber ich wusste es nicht. Da heißt es nur weiterkämpfen, bis es irgendwann leichter wird!“

Kathi selbst zweifelte keine Sekunde daran, dass sie als Frau in das Familiengeschäft einsteigen kann und dem harten Beruf gewachsen ist. Sie ist mit schwerer körperlicher Arbeit in und mit der Natur aufgewachsen. Dass sie bei jedem Wetter am Wasser unterwegs ist und mit Blut, Schleim und Dreck in Berührung kommt, gehört für sie dazu. Arbeitsklamotten und Stahlkappenschuhe sind ein Muss. Dazu sind die Wimpern getuscht, die Nägel knallig lackiert. Sie bleibt dabei: „Jede Frau kann das, wenn sie will. Man kann das alles als Mädel genauso machen, man darf nur nicht empfindlich sein und muss anpacken!“

Es gibt keine Männer- oder Frauenarbeiten

Die Netze, mit denen sie im Altwasser der Donau fischt, können bis zu 100 Kilogramm schwer werden. Insgesamt vier bis fünf Netze platziert Kathi an den tiefsten Stellen des Donaunebenarms und holt sie am nächsten Morgen gegen 5 Uhr früh wieder ein. Anschließend werden die Tiere in mühseliger Feinarbeit aus den Netzen befreit und in rund 80 kg schweren Boxen auf dem Fischerkarren verstaut. Das Entwirren erfordert Ruhe und Geduld, denn nicht selten kommt es vor, dass sich kleinere Exemplare in den Strängen des Netzes verheddern. Man braucht besondere Fingerfertigkeit und handwerkliches Geschick, um sich selbst nicht an den Netzen zu verletzen. „Ich mach alles, was auch Männer machen. Ob es Stapler fahren ist oder Hänger anhängen, Boot fahren, heben, schlachten, Fische füttern, Teiche abfischen, saubermachen ...“

Kathis Fischerplatz: Das Altwasser der Donau zwischen Kirchroth und Pondorf.

In den Netzen zappeln meist einige wenige Edelfische wie Zander, Hechte oder Ruten. Der Großteil der Donaufische wird weniger gern gegessen, da sie von Gräten durchzogen sind. Sie werden deshalb anschließend am Hof händisch zu Fischpflanzerl weiterverarbeitet. „Von der Fischerei der Donau alleine könnte man nicht leben – das kann kein Fischer“, sagt die Straubingerin.

Umsatz machen die Mayers mit dem Fischverkauf auf Märkten oder beim großen Straubinger Gäubodenfest. Deshalb bleibt Kathi kaum Zeit für das eigentlich Schönste an dem Beruf: Ihre „kleine Auszeit“, wenn sie mit dem Fischerkarren ganz allein auf der Donau unterwegs ist.

Auch in ihrer Freizeit ist Kathi gerne am Wasser

Es ist die Ruhe früh morgens, das Zwitschern der Vögel und das Gefühl abschalten zu können, was Kathi am Fischen besonders liebt. Sie ist allein mit den Fischreihern, Enten und Kormoranen auf der Donau und am Ufer unterwegs. Ansonsten ist da nichts außer der Nebel über dem Wasser. Das Handy lässt sie in dieser Zeit zuhause. „Ich bin ein Meganaturmensch“, sagt sie. Nirgendwo sonst verbringt sie ihre Freizeit lieber als im und am kühlen Nass.

Ob beim Wasserskifahren und Stand-Up-Paddeln daheim oder im Urlaub am Gardasee – langweilig darf es für die Powerfrau nicht sein und mit Wasser muss es zu tun haben. Diese Leidenschaft möchte sie auch bald in Form eines Tattoos verewigen: Ein Motiv in Anlehnung an ihren verstorbenen Vater und die Fischerei hat sie schon seit längerem geplant und es soll demnächst unter die Haut gebracht werden. So tief ist ihre Verbundenheit zum Wasser und zu ihrer Arbeit.

Schon jetzt zieren zahlreiche Tattoos Kathis muskulösen Oberkörper und eines ihrer Beine. Das tägliche Hantieren mit dem Equipment und vielen Kilogramm Fisch halten sie topfit. Der anfänglichen Skepsis zum Trotz hat sich Kathi als Donaufischerin längst einen Namen gemacht.

Und die junge Generation steht ihrer Berufswahl ohnehin offen gegenüber. Bei Gleichaltrigen sind die Reaktionen positiv: „Viele Männer finden es echt cool“. Sie wirken überrascht, sind aber in erster Linie beeindruckt. Eine moderne Frau wie Kathi schafft es, selbst mit tiefverwurzelten Vorurteilen zu brechen. Mit ihren Tätowierungen genauso wie mit ihrer traditionsreichen Arbeit in der Fischerei.

Hintergrundinfos zur Fischerei

  • Bayern ist mit 143.000 ha Wasserfläche und über 70.000 km Fließgewässer das gewässerreichste Bundesland Deutschlands.
  • Zehn von 50 Fischarten werden inzwischen aufgrund des sinkenden Fischbestands künstlich in die Donau eingesetzt.
  • Kormorane gelten als die größte natürliche Bedrohung: Sie fressen rund 2.394 t Fisch pro Jahr.
  • Fast ein Drittel aller Speisefische stammt heutzutage aus einer Aquakultur.
  • Die Zahl der noch tätigen Berufsfischer in Deutschland sinkt jährlich. Im Jahr 2020 gab es nur noch 346 Hauptbetriebe der Erwerbsfischerei.