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Heftige Diskussionen nach Ermittlungen

Etikettenschwindel? Geflügelbetrieb streitet Vorwürfe ab

Der Geflügelbetrieb Gross in Massing: Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft Landshut wegen Betrugsverdacht.
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Gerd Kreibich
am Mittwoch, 23.11.2022 - 20:19

Hat ein Geflügelunternehmen aus Massing mit Biohendln betrogen? Das untersucht nun die Staatsanwaltschaft. Doch das Unternehmen wehrt sich. Die Ermittlungen lösen heftige Diskussionen aus

Massing/Ertingen Für heftige Diskussionen sorgen derzeit die Ermittlungen der Landshuter Staatsanwaltschaft gegen den Massinger Geflügelschlachtbetrieb Johann Gross. Den Betreibern wird vorgeworfen, geschlachtete Hühner umetikettiert zu haben, um sie mit Labeln wie „Bio“, „Geprüfte Qualität Bayern“ oder „Naturland“ zu den entsprechend höheren Preisen an die Abnehmer zu verkaufen. Weitere Vorwürfe behandeln den Umgang mit geschlachteten Hühnern. So soll aufgetaute Ware als Frischware verkauft worden sein. Kürzlich wurde deshalb in einer generalstabsmäßig vorbereiteten Aktion das Unternehmen von Polizeibeamten und Vertretern der Staatsanwaltschaft durchsucht. Wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage des Landwirtschaftlichen Wochenblattes bestätigte, wurden große Mengen an Unterlagen und Datenträger beschlagnahmt.

Weiteres Ungemach droht für den Unternehmer Johann Gross in Ertingen in Baden-Württemberg. Dort betreibt Gross die Oberschwäbische Geflügel GmbH. Hier sollen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Polizei und Medien gewandt haben. Dabei sollen, so berichteten Medien in Baden-Württemberg, auch viele Fotos übergeben worden sein. Sie würden angeblich auf schwere Hygienemängel in dem Betrieb hinweisen. So soll Fleisch, das tagelang nicht gekühlt wurde, auf Anweisung der Betriebsleitung würzig mariniert und dann verkauft worden sein.

Aus Niederbayern liegen derartige Berichte nicht vor. Das zuständige Landesamt teilte mit, dass nach derzeitiger Kenntnis von den ausgelieferten Hühnern in Niederbayern keine Gesundheitsgefahr ausgehe. Auch der Sprecher des Landratsamtes von Rottal-Inn, Mathias Kempf, bestätigte dem Wochenblatt, dass es bei den Kontrollen des Betriebs keine Berichte über schwere Verstöße gegen Hygienebestimmungen gegeben habe.

Das THW Eggenfelden wurde gerufen, um die Durchsuchungsaktion in Massing auszuleuchten und danach den angefallenen Müll fachgerecht zu entsorgen.

Der Betreiber der Geflügelschlachtbetriebe Gross GmbH in Massing im Rottal und Oberschwäbische Geflügel GmbH weist die Vorwürfe scharf zurück, in seinen Betrieben seien konventionell erzeugte Hühner durch Umetikettierung zu Bio-Ware gemacht worden. In einer ausführlichen Stellungnahme an das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt weist der Betreiber die Vorwürfe „vollumfänglich und mit Nachdruck“ zurück. „Wir sind ein langjähriger, zertifizierter Familienbetrieb mit Tradition. In Zusammenarbeit mit unseren Landwirten produzieren wir tierschutzgerechtes, regionales und nachhaltiges Geflügelfleisch“, heißt es in der Stellungnahme. Das Geflügel stamme von bäuerlichen Familienhöfen aus Bayern und Baden-Württemberg, man stehe mit dem Namen Gross für Regionalität, Glaubwürdigkeit und Verantwortung. „Wir haben in unserer gesamten Firmengeschichte, weder in etwaigen Hygienefragen noch in Zertifizierungsfragen, uns je etwas zuschulden kommen. Wir haben immer erstklassige Ware in den Verkehr gebracht. Und dabei haben wir stets alle Kennzeichnungsvorgaben eingehalten“, wird in der Erklärung ausgeführt.

Deshalb werde vom Unternehmen alles getan, um die Vorwürfe gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft zeitnah vollumfänglich aufarbeiten und aus der zu Welt räumen. Das Angebot, mit der Redaktion über die Ermittlungen zu sprechen und seine Argumente persönlich vorzubringen, hat Johann Gross nicht angenommen.

Stellung bezogen hat Siegfried Jäger, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes in Niederbayern. Er will noch abwarten, was die Ermittlungen ergeben. Er setzt auf die gründliche Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. Sollte es sich herausstellen, dass tatsächlich auch das Siegel „Geprüfte Qualität aus Bayern“ zu Unrecht verwendet wurde, müsse man sich überlegen, bei entsprechenden Kontrollen „nachzuschärfen“. Man werde den Fortgang der Ermittlungen beobachten, aber: „Vorverurteilungen darf es nicht geben“, unterstreicht Siegfried Jäger.

Naturland setzt auf Ermittlungsbehörden

Verkauft wurden, so vermuten die Ermittler, auch Schlachttiere mit dem Label „Naturland“, die tatsächlich aus konventioneller Haltung gekommen sein sollen. Markus Fadl, Pressesprecher von Naturland, stellte klar, dass er hier auf die Kompetenz der Ermittlungsbehörden setze: „Wir führen durchaus engmaschige Kontrollen durch, aber wenn jemand mit einer gewissen kriminellen Energie an so eine Sache herangehen würde, könnte er vielleicht solche Kontrollen manipulieren“, hält er fest. Er warnt aber auch vor voreiligen Urteilen.

Dass es mit dem Unternehmen Gross schon einmal Probleme gegeben hat, bestätigt dagegen Dr. Stephanie Lehmann, Pressesprecherin des Biokreis in Passau. Anfang des Jahres 2022 sei demnach bekannt geworden, dass in der Unternehmensgruppe Geflügelschlachterei Gross GmbH/Oberschwäbische Geflügel GmbH eine Charge EU-Bioware fälschlicherweise als Biokreis-Ware ausgelobt wurde. In diesem Zusammenhang habe der Biokreis eine Sanktion verhängt, die Mitgliedschaft beider Unternehmen im Verband blieb davon aber unberührt. „Aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens gegen die Geflügelschlachterei Gross GmbH und die Oberschwäbische Geflügel GmbH hat der Biokreis beiden Unternehmen bis auf weiteres die Berechtigung entzogen, das Biokreis-Markenzeichen zu verwenden“, so Lehmann. Eine Vermarktung als Biokreis-Ware durch die Unternehmen sei somit aktuell nicht möglich.

Laut Staatsanwaltschaft Landshut werden die Untersuchungen zwar mit voller Intensität geführt, aber: „Angesichts der Menge des beschlagnahmten Materials wird das eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen“.