Jubiläum

Es bleibt noch Vieles zu tun

Niederalteich_b
Melanie Bäumel-Schachtner
am Freitag, 20.03.2020 - 07:07

Ökosoziales Forum Niederalteich feiert sein erstes Vierteljahrhundert

Was hat sich getan in den 25 Jahren Ökosoziales Forum Niederalteich (ÖSFN) – und wo gibt es noch Handlungsbedarf? Dazu diskutierte anlässlich des Jubiläums ein Podium von Experten. Das Fazit: Es gibt noch viel zu tun, auch wenn viele Weichen schon richtig gestellt sind. Vieles hat der Landwirt selbst gar nicht in der Hand – auch die Politik und vor allem auch der Verbraucher entscheiden.

Zuvor hatten der Initiator des Forums Sepp Rottenaicher, Sepp Holzbauer und Annette Plank ein Manifest zum Jubiläum vorgestellt. Darin wurde eine enkeltaugliche Politik, die auf Nachhaltigkeit, Artenvielfalt und Tierwohl setzt, gefordert, die es dem Landwirt erlaubt, mit Stolz seine Berufsgruppe zu vertreten (wir berichteten). Das ÖSFN wurde 1994 als Denkwerkstatt von Persönlichkeiten aus Agrarpolitik, -verwaltung, -wissenschaft, Theologie, Philosophie, Erwachsenenbildung und landwirtschaftlicher Praxis gegründet.

Den intensiven Dialog mit den Menschen suchen

Über die zehn Thesen wurde anschließend auf dem Podium diskutiert. Mit von der Partie: Europaabgeordneter und EVP-Fraktionsvorsitzender Manfred Weber (CSU), Leni Gröbmaier, parteiunabhängige Bürgermeisterin der Gemeinde Dietramszell bei Bad Tölz, der ehemalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU), BBV-Präsident Walter Heidl, der Schweizer Bauernverbands-Funktionär Hans Müller, Hermann Pennwieser, Landwirt und Berater aus dem Innviertel, und Franz Wieser, Agrarreferent der KLJB Bayern, stellten sich den Fragen.

In der EU sei nachhaltiges Handeln angekommen, bekräftigte Manfred Weber. Jetzt gehe es darum, in den Dialog mit den Menschen zu treten, um ihnen die Nachhaltigkeit näher zu bringen: „Das geht in keinen WhatsApp-Gruppen, sondern nur im persönlichen Gespräch. Wir brauchen den strukturierenden Dialog in der parlamentarischen Demokratie.“

Einig sei man sich in der EU, dass der ländliche Raum Unterstützung brauche. Derzeit werden die Weichen für die neuen Förderperioden gestellt. Dabei gehe es darum, vor allem die Familienbetriebe zu unterstützen. „Und dann müssen wir die Wirtschaftsmacht, die wir haben, dazu nutzen, um auch unsere Werte zu exportieren. Das ist der Wandel, und der ist gut so.“

Entscheidungen müssen nachhaltig werden

Auch in der Gemeindepolitik habe sich viel getan, so Bürgermeisterin Leni Gröbmaier: „Sie ist heute eine Politik der Vernunft.“ Entscheidungen müssten so getroffen werden, dass sie nachhaltig für die Zukunft geeignet seien. Die Gemeinde könne gerade durch eine sinnvolle Bauleitplanung sehr viel steuern. „Wir planen zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser im Dreispänner mit wenig Flächenversiegelung.“

Für den ehemaligen Landwirtschaftsminister Helmut Brunner ist das zunehmende Missverständnis zwischen Landwirten und Politikern ein großes Problem. „Die Bauern haben protestiert, um die Bürokratie zu verringern. Und wie reagiert die Politik? Sie stellt Geld zur Verfügung“, kritisierte der Niederbayer. „Und dann wundert sich die Politik, dass die Landwirte kein Halleluja singen. Ich glaube, dass man sich gegenseitig einfach nicht mehr versteht.“

Manchmal seien andere Dinge wichtiger für die Landwirtschaft als Geld. „Bekennen wir uns zu einem bäuerlichen Leitbild unter Struktur- und Kulturerhaltung im ganzen Land und in Europa“, forderte Brunner auf. Und er forderte, mehr Zeit und Energie in die Öffentlichkeitsarbeit zu stecken, damit das Image der Landwirte gestärkt wird und weniger Betriebe aufgeben: „Denn wer einmal Schluss macht, der wird nie wieder anfangen.“

Ökonomie darf nicht vernachlässigt werden

BBV-Präsident Walter Heidl lobte, es sei positiv, dass im vorgestellten Manifest auch die Ökonomie berücksichtigt wurde – sie sei ein Grundpfeiler, der nicht vernachlässigt werden dürfe. Die Thesen waren ihm allerdings in manchen Punkten zu pauschal.

Er kritisierte, dass schadstofffreie und gesunde Lebensmittel als Ziel formuliert wurden: „Dabei wurden noch nie so gute und gesunde Lebensmittel produziert wie heute.“ Zum Anbindeverbot sagte er, 50 % der Milchviehbetriebe in Bayern praktizierten Anbindehaltung. Diese stellen 30 % der Kühe und erzeugen 25 % der Milch, seien also eher die kleineren Betriebe. „Und genau diesen Betrieben, die die Gesellschaft eigentlich will, denen gräbt man nun das Wasser ab“, sagte Heidl unter Applaus.

Welche Produkte sich durchsetzen, das hänge allerdings nicht vom Landwirt, sondern vom Käufer ab, machte der BBV-Präsident klar: „Wenn es der Konsument nicht will, dann kauft er es nicht.“ Das Podium war sich einig, dass der Verbraucher entscheide, was er haben wolle, dass es aber hier oft eine Doppelmoral gebe – die Forderung nach nachhaltiger Landwirtschaft und gleichzeitig der Griff zum verpackten Billigfleisch und dem Importgemüse aus dem Supermarkt.

Wie viel positiver der Stand der Bauern in der Schweiz und in Österreich ist als derzeit in Deutschland, zeigten Hans Müller und Hermann Pennwieser auf – auch wenn dort nicht alles immer optimal laufe.