Landesversammlung

Bayerns Landwirtschaft im Zielkonflikt

Hans Koller
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Mittwoch, 03.11.2021 - 17:39

Zwischen Klimaschutz und desaströsen Preisen: Der vlf will mit sachlichen Argumenten auf die Gesellschaft zugehen. Wirtschaftsminister Aiwanger greift bei der Landesversammlung in Schwandorf die CSU in Sachen Anbindehaltung an.

Schwandorf/Opf Die Landwirtschaft befindet sich in einem anspruchsvollen Zielkonflikt: Einerseits geht es darum, die richtige Balance zwischen Umwelt- und Tierschutz zu finden, andererseits sollen die Bäuerinnen und Bauern eine möglichst preiswerte Lebensmittelproduktion und Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Zu diesen Herausforderungen, mit denen sich die Landwirte im Freistaat tagtäglich konfrontiert sehen, äußerte sich in Schwandorf auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Aber auch mit anderen Gesprächspartnern ging es dem Verband für landwirtschaftliche Fachbildung (vlf) bei seiner Landesversammlung darum, den Dialog und den Austausch mit fundierten Argumenten zu suchen. „Wir wollen zu einer Versachlichung der aktuellen Diskussion rund um die Landwirtschaft beitragen“, stellte vlf-Landesvorsitzender Hans Koller eingangs klar.

Auf die Bevölkerung zugehen

Koller weiß, wovon er spricht – und in welchem Spannungsfeld sich die Landwirtschaft bewegt. Der Landwirt aus Thyrnau im niederbayerischen Landkreis Passau engagiert sich nicht nur an der Spitze des vlf, sondern ist auch Kreisobmann des BBV und stellvertretender Landrat des Landkreises Passau. Für ihn ist klar: „Es geht auch darum, wie man mit Begrifflichkeiten arbeitet. Reden wir von Pflanzenschutzmitteln, die verantwortungsvoll eingesetzt werden, oder sprechen wir von Pestiziden?“ Viele Begriffe hätten sich im Wortschatz der Bevölkerung eingeprägt, würden aber nicht mehr hinterfragt. Doch genau darum gehe es dem vlf, der einen breiten fachlichen Informationsrahmen biete und zudem auf die Bevölkerung zugehe: „Wir wollen den Dialog aufnehmen, ergebnisoffen und mit der entsprechenden Fairness diskutieren.“ Hierzu passte, dass neben landwirtschaftlichen Fachreferenten der Vorsitzende des Bund Naturschutz (BN), Richard Mergner, seine Sichtweise schilderte und sich der Diskussion stellte.

Ein Video über die vlf-Landesversammlung bei Horsch in Schwandorf sehen Sie hier:

Beim Thema gesellschaftliche Akzeptanz der modernen Landwirtschaft warb zunächst Hubert Aiwanger für mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft. Schließlich seien es die heimischen Landwirte, welche die Versorgung vor Ort mit hochwertigen Lebensmitteln garantierten – und gleichzeitig dafür sorgen, dass man hierzulande nicht von internationalen Märkten abhängig sei. Die Landwirtschaft sei zudem nicht „der Preistreiber“ im Lebensmittelmarkt, wie es oftmals heiße. In vielen Bereichen, etwa am Schweinemarkt, sei die Situation katastrophal. Wenn für ein 25 Kilogramm schweres Ferkel nicht mal mehr 20 Euro gezahlt würden, dann sei das „ruinös, desaströs, schlimmer als gestohlen“. Hier brauche es ein Umdenken und auch die Bereitschaft, für qualitativ hochwertig erzeugte Produkte einen angemessenen Preis zu bezahlen.

Auf die Entfremdung reagieren

Als unumgänglich bezeichnete Aiwanger deshalb eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung und den Dialog – „auch in Bayern, wo man meinen könnte, Landwirtschaft und Bevölkerung gehen Hand in Hand“. Aiwanger sprach von einer „offenen Kluft“ und einer fortschreitenden „Entfremdung“ zwischen den Landwirten und der Bevölkerung, worauf reagiert werden müsse. Selbst im „Agrarland Bayern“, wie Aiwanger sagte, gebe es Gymnasiasten, die noch nie eine Kuh gesehen hätten. Viele Menschen seien „nicht artgerecht aufgewachsen, um in deren Terminus zu bleiben“. Sie hätten nicht den Kontakt zur Tierwelt und zur Landwirtschaft. Und es sei eben nicht Tierquälerei, wenn die Kuh über die Wintermonate im Stall gehalten werde.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sprach am Rande der vlf-Landesversammlung mit dem Wochenblatt über die aktuelle Situation der Landwirtschaft. Hier sehen Sie das Video:

Entscheidend sei immer die richtige Balance – und bei allen Forderungen das fachliche Hintergrundwissen. Das brauche es etwa bei der Debatte um die Anbinde- und Kombihaltung. Ohne Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber vom Koalitionspartner CSU namentlich zu nennen, ging Aiwanger deutlich auf Distanz zu ihrer ursprünglichen und höchst umstrittenen Forderung, den Ausstieg aus der Anbindehaltung zu forcieren: „Gnade uns Gott, wenn die Bergmilchwirtschaft aufhören würde, weil dort die Anbinde- und Kombihaltung nicht mehr akzeptiert wird.“ Die Bergmilchwirtschaft präge immerhin das Landschafts- und Kulturbild des Freistaates – und sei auch aus touristischer Sicht von enormem finanziellen Wert.

Der LEH müsse die Kombihaltung als tierschutz- und landschaftskonform akzeptieren, daran führe kein Weg vorbei. Aiwanger will Molkereien und LEH deshalb zu einem runden Tisch einladen. Dem Verbraucher soll ebenfalls klar werden, dass es nicht Tierquälerei sei, wenn die Kuh über die Wintermonate hinweg im Stall gehalten wird. Es werde die Betriebe nicht mehr geben, wenn sie weiterhin „politisch und ideologisch abgeschossen“ werden.

Eine produktive Debatte führen

Auch BN-Chef Richard Mergner sind die Anforderungen, die an die Landwirte gestellt werden, bewusst. „Es geht bei allen Entscheidungen um Familienschicksale und um Existenzen.“ Bei der produktiven Debatte darüber, in welche Richtung sich die Landwirtschaftlich entwickeln soll, gelte es, auf beiden Seiten den Mut zur Wahrheit zu haben. Er verfüge über das erforderliche Fachwissen, machte Mergner deutlich, der unter anderem als Agrarreferent bei der Katholischen Landjugendbewegung in der Erzdiözese Bamberg gearbeitet hatte. Sein Vater arbeitete als Forstmeister im Spessart, sein Spielplatz im Kindesalter sei der Bauernhof nebenan gewesen. Es gehe darum, von Titeln wie Gegner oder Partner wegzukommen und das Gemeinsame in den Fokus zu rücken. Viele Punkte, die in den zehn Thesen des BBV zu Chancen und Risiken der Landwirtschaft aufgeführt seien, könne er gut unterschreiben.

Richard Mergner

So sei es ein Anliegen des BN, gegen Flächenfraß einzutreten. Ein positives Gemeinschaftsprojekt sei das Projekt „Weidewelt – Vieh(l)falt im Frankenwald“ BN-Kreisgruppen Hof, Kronach und Kulmbach. Vor Ort beweiden Rinder die Bergwiesen und sorgen nachhaltig dafür, dass die Magerwiesenkomplexe erhalten werden. Fleischfachverkäuferinnen und -verkäufer seien außerdem gezielt geschult worden, den teureren Preis für Weidefleisch aus dem Frankenwald hinter der Ladentheke zu erklären und umzusetzen. „Das hat sowohl für die Natur etwas gebracht als auch für die beteiligten Betriebe.“

Mit dem oberbayerischen BBV-Bezirkspräsidenten Ralf Huber stehe der BN im Austausch und habe sich zu zwei Gesprächen getroffen. „Und wir haben durchaus Gemeinsamkeiten gefunden.“ Und Mathias Klöffel, Kreisobmann beim BBV-Kreisverband Rhön-Grabfeld, sei Mitglied beim Bund Naturschutz. Vor Ort sei mit dem Kreisverband und mit der Genossenschaft Agrokraft „eines der deutschlandweit größten Blühflächenprojekte“ erfolgreich gestartet worden. Das Substrat wird an regionale Gemeinschaftsbiogasanlagen geliefert, wo es zur Energiegewinnung genutzt wird.

Für Mergner sind das Beispiele für gelebte Partnerschaften, die den gemeinsamen Herausforderungen gerecht werden. Eine Epochenwende habe auch der Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft eingeläutet. Darin heißt es, dass die Landwirtschaft in Deutschland, wie sie derzeit betrieben wird, 90 Milliarden Euro pro Jahr an ökologischen Folgekosten verursache. „Es braucht eine Agrarwende“, lautet die Folgerung von Mergner. Es gehe nun darum, gemeinsame Positionen zu entwickeln und die Herausforderungen anzugehen. „Unsere Türe steht hierbei für Gespräche offen.“

Verband für landwirtschaftliche Fachbildung diskutierte

Hans Koller
Ehrungen des vlf
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger
Richard Mergner
Stephan Sedlmayer
vlf-Landesversammlung

Ein Angebot, das Johann Biener, Präsident des vlf-Bundesverbandes, auch weiterhin gerne annehmen möchte. Es sei für beide Seiten wichtig, Gemeinsamkeiten zu finden, um die bayerische Landwirtschaft zu erhalten und vorwärts zu bringen. Der vlf sei ein starkes Netzwerk, schließlich gehe es nach wie vor darum, „landwirtschaftliche Fachbildung zu vermitteln, landwirtschaftliche Innovationen in die breite Masse zu bringen und so die Mitglieder zu befähigen, ihre Betriebe weiterhin erfolgreich zu führen.“

Der Verband für landwirtschaftliche Fachbildung zeichnete bei seiner Landesversammlung verdiente Persönlichkeiten mit dem Goldenen Verbandsabzeichen aus. Mehr dazu lesen Sie hier:

Die vlf-Landesversammlung fand bei der Firma Horsch in Schwandorf statt. Theo Leeb, Geschäftsführer der Horsch Maschinen GmbH, sprach zum Thema „Regenerative Landwirtschaft“. Klar sei, dass es trotz aller technologischen Fortschritte immer von der Natur vorgegebene Grenzen gebe: „Die Natur gibt uns die Einsatzfenster vor, in denen wir arbeiten können. Und diese schmalen Einsatzfenster werden durch den Klimawandel kürzer werden.“ Jörg Migende, Chief Development Officer Agrar und Technik der BayWa AG, referierte über „Blockchain in der Landwirtschaft“. Christine Wutz, stellvertretende vlf-Landesvorsitzende, betonte, dass sich der Verband der Veränderungen in der Landwirtschaft annehme und diese mitgestalten möchte. Es gelte, mit der Wissenschaft praktikable Lösungen zu finden und diese dann in der Praxis umzusetzen.