Preiskrise

Bauern sind sauer: Kaniber und Aldi diskutieren mit Geflügelhalter

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Gerd Kreibich
am Freitag, 19.11.2021 - 10:56

Die Landwirte sind das letzte Glied in der Kette. Einem Inntaler Geflügelhalter reicht es jetzt. Nicht nur die Bürokratie treibt ihn um.

Die Lage der tierhaltenden Betriebe ist fast schon paradox: Die Kundinnen und Kunden an den Fleischtheken und vor den Kühlregalen legen immer mehr Wert auf Tierwohl, der Lebensmitteleinzelhandel greift diese Forderung auf und reicht sie gleich einmal weiter an die landwirtschaftlichen Betriebe.

Und die sind nun einmal das letzte Glied in der Kette, denn sie sollen die Kosten tragen, die das Plus an Tierwohl mit sich bringt. Ob sie auf Dauer die notwendigen Investitionen finanzieren können über die dafür notwendigen höheren Erzeugerpreise, das steht aber noch in den Sternen. Aus dem Wunsch nach mehr Planungssicherheit ist mittlerweile eine klare und deutliche, auf allen Ebenen vorgetragene Forderung geworden. Bayerns Landwirtschaftsminister Michaela Kaniber wurde mit dieser Forderung jetzt „live“ konfrontiert auf einem modernen Geflügelmastbetrieb in Ering a. Inn an der Grenze von Niederbayern zu Oberösterreich.

Mit den Entscheidern offen diskutieren

Landwirt Günter Schlögl führt seinen Betrieb in Ering schon seit Jahren nach Tierwohlkriterien – nicht nur, weil er muss, sondern weil ihm der ordentliche Umgang mit Tieren ein Anliegen ist. Doch er kennt auch die Situation seiner Berufskollegen und der gesamten Branche, wenn er sagt: „Wir brauchen Planungssicherheit! Wenn wir in unseren Ställen zur Erfüllung steigender Tierwohlkriterien weniger Tiere mit höherem Aufwand halten, dann muss sich das auch bezahlt machen, sonst gerät ein ganzer Zweig der landwirtschaftlichen Produktion in Gefahr.“

Michaela Kaniber

Günter Schlögl hatte es sich zum Ziel gesetzt, die brennenden Themen offen zu diskutieren und zwar mit den Entscheidern in Politik und Wirtschaft. Die Resonanz auf seinen Terminvorschlag war dann auch bemerkenswert: neben der Ministerin sagten auch Spitzenvertreter der Handelskette Aldi zu, und auch Wiesenhof als Abnehmer der Produktion vom Schlöglhof war prominent vertreten.

Vor vier Jahren hat Schlögl an einen der großen Geflügelställe einen Wintergarten angebaut, für die Tiere ist der Platz reichlich bemessen. Für den landwirtschaftlichen Unternehmer steht außer Frage, dass er durchaus bereit wäre, noch mehr ins Tierwohl zu investieren und er kennt viele Berufskollegen, die ebenso denken. Wintergärten, Auslaufflächen, mehr Platz – eben alles das, was den Tieren guttut und was auch vom Handel verlangt wird. „Aldi will bis zum Jahr 2030 Geflügelfleisch nur noch aus den beiden höchsten Tierwohlklassen anbieten, das bedeutet, auf landwirtschaftlichen Betrieben, die weiter liefern wollen, viel Geld in die Hand genommen werden muss“, erklärt Schlögl.

Bürokratie wird aufwendiger und teurer

Und da kommt dann auch das Thema Baubürokratie ins Spiel: „Wenn man heute einen Stall um den Wintergarten und einen Auslauf vergrößern möchte, dann muss man einen kompletten neuen Bauantrag stellen. Das bedeutet hohe Kosten beispielsweise für Gutachten, vom bürokratischen Aufwand ganz zu schweigen“, hielt er beim Besuch von Michaela Kaniber auf seinem Betrieb fest. Und selbst wenn man dazu bereit ist, zu investieren, gäbe es keine Garantie dafür, ob die Kunden und damit auch der Handel tatsächlich bereit wären, auf Dauer höhere Preise zu bezahlen für Fleisch, das nach Tierwohlkriterien erzeugt wird.

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„Was machen wir, wenn das alles nur ein Hype war, wenn wir auf dem nach Kunden- und Handelswünschen produzierten Fleisch sitzenbleiben? Wenn wir dann wieder konventionell produzieren wollen, dann hätten wir deutlich weniger Produktionsvolumen in den neuen Ställen und am Ende einen Verlust, der einen Betrieb ganz schnell mit dem Rücken an der Wand stehen lässt.“ Es brauche hier eine „Rückfallklausel“, um, wenn nötig, wieder in die konventionelle Produktion zurückzukehren.

Michaela Kaniber zeigte sich aber überzeugt, dass sich Investitionen auszahlen, denn: „Ein Hype oder ein Trend ist der Wunsch der Verbraucher nach noch mehr Umsetzung von Tierwohl sicher nicht.“ Allerdings habe sich die Einstellung der Menschen zum Fleischverzehr sicher verändert: „Immer mehr Menschen essen nicht mehr so viel Fleisch, aber sie achten sehr auf Herkunft, Qualität und eben auch auf die Tierwohlkriterien“, so die Ministerin. „Tierwohl ist der bayerische Weg“, stellte sie fest und fügte hinzu: „Da gibt es auch kein Zurück mehr.“ Die Politik sei bereit, diesen Weg zu begleiten, aber natürlich sei der Handel hier deutlich in der Pflicht: „Wenn das Produkt im Laden teurer wird, dann muss auch bei den Erzeugern mehr Geld ankommen.“

Landräte sollen eingebunden werden

Mit Verständnis habe sie für die Forderung, dass die Bürokratie bei der Errichtung von Tierwohlställen abgebaut werden müsse. Sie sei hier mit Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber in engem Kontakt: „Hier muss sich noch einiges bewegen. Es ist ja auch unser Interesse, dass man den Tierwohlställen nicht auch noch bürokratische Hürden in den Weg legt.“ Auch bei einem Treffen mit Landrätinnen und Landräten werde sie das Thema noch einmal auf den Tisch legen.
Man müsse jetzt nicht mehr ständig nur Konzepte diskutieren, sondern mit Entschlossenheit und Tatkraft eine Neuausrichtung der deutschen Agrarpolitik angehen, plädierte Aldi-Manager Markus Steinbrenner. An vorderster Stelle stehe dabei für Aldi Nord und Aldi Süd, dass die Regierung ein Finanzierungsinstrument beschließt, das die Landwirte beim Umbau der Ställe unterstützt und Tierwohl wirtschaftlich macht. Das Geld dafür soll aus Brüssel kommen. Mit den Mitteln der europäischen Agrarpolitik stehe Geld zur Verfügung, das zielgerichtet für die Umstellung der Tierhaltung genutzt werden müsse.

Handel: Staat soll Betriebe besser unterstützen

Nach Auffassung der Handelsriesen stehen viele Landwirte in den Startlöchern, um verstärkt nach Tierwohlkriterien zu produzieren, das Baugesetzbuch versperre aber oftmals den Weg. Hier seien dringend Änderungen notwendig. Beispielsweise sollten bauliche Änderungen im Außenbereich wieder privilegiert behandelt werden, wenn sie dem Tierwohl dienen, einschließlich Ersatzbauten und Erweiterungen. Die Genehmigungsverfahren für Tierwohl-Ställe müssen beschleunigt werden.

Aldi-Managerin Dr. Julia Adou machte klar, dass Aldi durchaus bereit sei, einen neuen Weg zusammen mit der Landwirtschaft zu gehen: „Wir verzichten auf Gewinnmargen, wir geben Abnahmegarantien und wir zahlen auch mehr für das Tierwohl-Fleisch, denn wir sehen hier die Zukunft“, so Dr. Adou. Aber auch sie forderte die Unterstützung der Politik für die Landwirtschaft ein.

Ministerin Kaniber lobte am Ende ihres Besuchs insbesondere die Initiative von Günter Schlögl: „Es ist schon richtig und wichtig, wenn Erzeuger dafür sorgen, dass ihre Argumente gehört und diskutiert werden.“ Die Argumente, die ausgetauscht wurden, seien wichtig für die nächsten politischen Schritte, die jetzt getan werden müssen.