Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Marktnischen

Aus den Anden an die Vils

Alpaka_b4
Anett Bauer
am Donnerstag, 12.11.2020 - 08:25

Vilshofen: Familie Bauer ist in der Alpakazucht in ihrem „Lunapark“ erfolgreich.

Alpaka_b2

Langgestreckte, schlanke Beine, der lange dünne Hals und der kleine Kopf mit den großen Augen und langen Wimpern – Alpakas erfreuen sich auch hierzulande großer Beliebtheit. In ihrem Herkunftsland Peru werden sie allerdings schon seit Jahrhunderten als Nutztiere gehalten.

Als Familie Bauer aus Schönerting bei Vilshofen im Landkreis Passau vor 10 Jahren mit der Haltung dieser Tiere anfing, waren sie in der Region kaum bekannt. Mittlerweile betreibt die Familie neben ihrer Herde sehr erfolgreich einen Hofladen, in dem sie Alpaka-Produkte vermarktet.

Alpaka_b1

Erreicht man den Hof mit dem Namen „Lunapark“, dann sind die großen Vierbeiner kaum zu übersehen: Die ausgewachsenen Tiere beäugen sogleich neugierig die Besucher, während die Jungtiere auf der großen Weide rumtollen.

Ein Vater, der den Lunapark an diesem Tag besucht, streichelt mit seiner kleinen Tochter die sanftmütigen Wesen, die sich sofort zutraulich mit etwas Futter locken lassen. „Die Menschen kommen auch gerne einfach so vorbei“, erzählt Anita Bauer als sie die Beiden von der Weidefläche begleitet. Denn mittlerweile sind die Alpakas auch in Europa sehr bekannt und haben sich auch als Nutztiere etabliert, obwohl ihre Wolle in Europa noch relativ wenig genutzt wird.

Der Rinderstall wurde zur Alpakaweide

Alpaka_b3

Als Familie Bauer mit der Haltung der kleinen Kamele begann, sah dies noch ganz anders aus: Anita und Maximilian Bauer hatten die Rinderzucht auf ihrem landwirtschaftlichen Betrieb, der nur wenige hundert Meter von der großen Weidefläche entfernt ist, aufgegeben. Schnell war allerdings klar: „Wir wollen wieder Tiere auf dem Hof haben, auch für unsere Kinder.“

Da allerdings Beide außerlandwirtschaftlich berufstätig sind, mussten Nutztiere her, die einen geringeren Pflegeaufwand benötigen: „Wie der Zufall es möchte, sind wir dann im Ortenburger Wildpark das erste Mal mit Alpakas in Berührung gekommen. Weil uns die Tiere sehr interessiert haben, wir allerdings nicht viel über sie wussten, informierten wir uns daraufhin“, erzählt der zweifache Familienvater.

Wenn auch die peruanischen Vierbeiner nicht viel Aufwand benötigen, haben sie doch so einige Eigenarten, wie die Bauers erst lernen mussten: „Pflegeleicht ist ein Begriff, den ich nicht so gerne verwende, da jedes Tier Pflege braucht. Alpakas sind aber sehr robust und haben wenig Ansprüche an die Weide.“ Da sie eine Herdenstruktur benötigen, müssen mehrere Tiere gehalten werden.

Stuten und Hengste immer getrennt halten

Hier ist allerdings Vorsicht geboten, wie der Landwirt erklärt: „Stuten und Hengste getrennt halten, denn sie sind ganzjährig aufnahmefähig, weil der Eisprung erst durch den Deckungsakt ausgelöst wird.“ Jeder Hengst betreut seinen eigenen Harem, daher können nicht mehrere in einer Herde leben. So bleiben auch die männlichen Jungtiere nur eine gewisse Zeit bei der Herde. „Meistens zwei bis drei Jahre. Das kann allerdings von Tier zu Tier unterschiedlich sein, das muss man einfach beobachten“, erklärt er weiter. „Ansonsten benötigen sie lediglich Raufutter. Sie grasen auf der Weide oder bekommen Heu. Zusatzfutter benötigen wir nicht.“ Beim Grasen schonen sie sogar durch ihre Fußstruktur – sie sind Schwielensohler – und dem Abbeißen der Gräser die Fläche. Durch ihre Herkunft besitzen sie allerdings einen empfindlichen Magen. Brot oder Ähnliches sind ein absolutes Tabu.
Ansonsten geben sich die Paarhufer mit ihrer Weidefläche zufrieden. Diese befindet sich auf dem ehemaligen Acker, da die Familie auf ihrem Hof nicht den nötigen Platz für die Vierbeiner hatte. Hier haben sie eine Fläche von einem Hektar, die sie durch ihren Herdenzug regelmäßig abmarschieren. Zudem können sie sich in einen Offenstall mit Unterstand zurückziehen.

Regen mögen sie nicht, Schnee lieben sie sogar

Die vorgeschriebene Mindestgröße für Alpakaställe beträgt 2 m² pro Tier. Allerdings leben die Tiere die meiste Zeit im Freien, weiß Anita Bauer: „Im Sommer wie im Winter sind sie gerne draußen. Schnee lieben sie sogar.“ Lediglich Regen ist der Schwachpunkt der großen Vierbeiner, wie sich an diesem Tag zeigt. Nach den ersten Tropfen sind sie augenblicklich im Unterstand verschwunden.
Ihre ersten Alpakas erhielt die Familie von einem Züchter in Passau. Drei Stuten und ein Hengst zogen damals nach Schönerting und der Startschuss für den „Lunapark“ fiel. Mittlerweile leben 15 dieser Tiere auf dem Hof und ziehen seit Jahren das Interesse der Menschen auf sich. „Anfangs sind die Leute immer vorbeigekommen und beobachteten die Tiere, weil sie nicht bekannt waren“, erzählt Anita Bauer. Kindergarten, Bauernverband oder Privatleute – sie alle zeigten Interesse an den exotischen Nutztieren.

140 Besuchergruppen im Jahr kamen vor Corona

Und so wurde der Lunapark auch schnell Teil des Programms „Erlebnisbauernhof“, in dessen Rahmen Anita und Maximilian Bauer unter dem Motto „Vom Tier zur Wolle – Von der Wolle zum Vlies“ mehr über die Nutztiere und die Herstellung der Alpaka-Produkte erzählen. Für dieses Programm wurde vor sieben Jahren sogar eigens ein Raum geschaffen, in dem die Besucher beim Filzen mit anpacken können. Hier sind die Eheleute vormittags viel mit den zahlreichen Besuchern beschäftigt.
Im Schnitt seien es im Jahr etwa 140 dieser Besuche, die allerdings heuer coronabedingt ausbleiben. „Uns ist es bei dem Programm wichtig, mehr von den Alpakas zu erzählen, weil es ein sehr altes Nutztier ist, das extra für seine Wolle gezüchtet wurde. Viele kennen nur die klassischen Nutztiere wie Kühe, Schweine oder Schafe“, erzählt Anita Bauer. Auch eignet sich das Programm für Förderschulen oder Behinderteneinrichtungen, da die Alpakas durch ihr sehr ruhiges Wesen schnell einen guten Draht zu den Menschen finden. „Sie sind die Delphine der Landwirtschaft. Sanft, gutmütig und chronisch neugierig“, lacht sie.
Im großen Raum neben der Weide finden sich die Gerätschaften zum Verarbeiten der Rohwolle, die auch gemeinsam mit den Besuchern benutzt werden. Die Wolle enthält im Vergleich zur Schafwolle weniger Wollfett (Lanolin) und muss daher nicht gewaschen werden. Mit der Kardiermaschine wird die ungewaschene Wolle erst gekämmt und die Fasern in eine Richtung gebracht. Hierbei wird auch noch Schmutz entfernt. „Man könnte beim Kardieren andere Wolle hinzumischen, beispielsweise Baumwolle“, merkt Anita Bauer an, während sie die Wolle durch die Maschine kurbelt. So erhält man ein gleichmäßiges und lockeres Vlies, welches eine Voraussetzung für einen knotenfreien Wollfaden ist.

Am alten Spinnrad entspannen

Das entnommene Vlies kann dann im Spinnrad zu einem Faden versponnen werden. Diese Beschäftigung ist für die zweifache Mutter entspannend: „Es ist eine ausgleichende Arbeit, die sehr beruhigend ist.“
In ihrem kleinen Laden, direkt gegenüber der Weide, vermarkten die Bauers das fertige Produkt zum Stricken, Weben oder Filzen. Neben den eigenen Erzeugnissen findet sich hier alles Mögliche rund ums Alpaka: Kleine Stofffiguren, Pullover, Socken oder Schals. Die Wolle ist vielseitig verwendbar.

Simona, das berühmte Smiling-Alpaka

Auch Erlebnisse – wie das „romantische Alpaka-Picknick“ – werden angeboten. Und ein Motiv findet sich hier überall: Das Foto eines grinsenden Alpakas, egal, ob auf Mundschutz, T-Shirts oder Jutebeuteln. „Das ist unsere Simona, das berühmte Smiling-Alpaka. Wir hatten diesen Schnappschuss vor Jahren auf den sozialen Medien gepostet und dann ging es durch die Decke“, lacht Anita Bauer, die selber eine Simona-Fan-Maske trägt.
Selbst internationale Medien, wie Zeitungen oder Fernsehsender, hätten das berühmte Foto aufgegriffen und verbreitet. Simona selber bekommt von ihrem Ruhm jedoch wenig mit und genießt ihr Dasein im Lunapark in vollen Zügen.