Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Rinderhaltung

Anbindehaltung - es geht um den Erhalt der Strukturen

MR_Anbindehaltung3
Elisabeth Ammer
am Dienstag, 26.03.2019 - 15:10

BBV-Infoveranstaltung für Niederbayern/Oberpfalz zur Anbindehaltung

Josef Eidenschink

Straubing Die Anbindehaltung in der Milchviehhaltung ist nach wie vor gesetzlich erlaubt, wird aber vom Lebensmitteleinzelhandel und weiteren Marktakteuren kritisch beleuchtet. Ein Verbot der Anbindehaltung würde gerade in Bayern und Baden-Württemberg nachhaltige Veränderungen nach sich ziehen. „Hier geht es um den Erhalt der Strukturen“, machte Niederbayerns BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler im Rahmen einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in Straubing deutlich.

Hans Leipold

In Bayern stehen rund 30 % der Tiere in Anbindehaltung, die dort erzeugte Milchmenge liegt bei rund 25 %. Aus ganz Niederbayern und der Oberpfalz lud der BBV Betriebe mit Anbindehaltung ein, um mit der Meinung der Basis in die anstehenden Gespräche zu gehen, wie Peter Huber von der Bezirksgeschäftsstelle Niederbayern/Oberpfalz deutlich machte.

Mehr Lauf- als Anbindeställe

Bernhard Dendorfer

Johann Schmaus vom BBV-Generalsekretariat erläuterte die Fakten und gab einen Situationsbericht ab. In Bayern gebe es rund 30.000 Milchviehbetriebe, seit 2015 übersteigt die Anzahl der Betriebe mit Laufstall jene mit Anbindehaltung. Gerade in Bayern und Baden-Württemberg sei die Anbindehaltung aber noch relativ stark verbreitet, während im übrigen Deutschland es nahezu keine Anbindehaltung mehr gebe. Fakt sei aber auch, dass jährlich rund 5 % der Milchviehhalter ausstiegen.

BBV-Infoveranstaltung-Anbindehaltung-1

Einer Studie des Thünen-Instituts zufolge werde die Anbindehaltung im Zeitraum der nächsten zehn Jahre weier rückläfig sein, aber nicht ganz verschwinden.

Gerade im deutschsprachigen Raum reagiere der Handel sehr sensibel auf die Themen Tierwohl und Naturschutz. Der Handel frage immer wieder bei den Molkereien nach, wie hoch der Anteil der Milchproduktion aus Anbindehaltung sei und daraus entstehe Druck. Die Molkereien ihrerseits gäben den Druck an die Landwirte weiter. Dies könnte eine getrennte Milcherfassung mit Preisdifferenzierung bedeuten, erklärte Schmaus. Darüber hinaus entstehe zusätzlich Druck aus dem Ausland, ebenso sprächen sich Teile der Tierärzteschaft gegen die Anbindehaltung aus.
Der BBV sei aus dem Runden Tisch ausgestiegen, weil man ein konkretes Datum des Ausstiegs ablehne. Denn der komplette und vor allem ein zeitlich festgelegter Ausstieg würde Bayern mit seinen kleinstrukturierten Betrieben grundlegend verändern, betonte Schmaus nachdrücklich. Der Berufsverband verfolge das Ziel, das Tierwohl zu erhöhen sowie die regionale Milcherzeugung zu erhalten. Das vorgelegte Weiterentwicklungskonzept am Runden Tisch habe indes bei den Gesprächsteilnehmern keinen Zuspruch gefunden, wie der Referent erläuterte.
Jetzt gehe es um neue Gespräche mit den weiteren Marktakteuren, wie den Molkereien und dem Lebensmitteleinzelhandel, deshalb wolle man in Gesprächen mit den betroffenen Landwirten eruieren, wie sich der BBV positionieren soll. Mittlerweile hätten die süddeutschen Molkereien eine gemeinsame Erklärung herausgegeben, darin sei kein festes Ausstiegsdatum vermerkt.
Bayern soll als Milchstandort erhalten bleiben, um einen Strukturbruch zu verhindern, deshalb gelte es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, so die Zielsetzung des BBV. Und dazu dienten Veranstaltungen wie diese, in denen die Betroffenen zu Wort kommen, um die Marschrichtung für die Gespräche vorzugeben.
Bei den sehr emotional vorgetragenen Wortmeldungen machten die Landwirte mehr als deutlich, wo die Probleme liegen und auch wie tief mittlerweile die vielen Vorwürfe und Anschuldigen aus der Gesellschaft gehen.
Der große Gegenspieler sei der Handel und dies betreffe nicht nur das Thema Anbindehaltung, sondern die gesamte Marktsituation. Es werde immer eines vergessen, die Landwirte verrichten täglich, auch an Sonn- und Feiertagen, die Stallarbeit und wollen, ebenso wie der Verbraucher, nur das Beste für die Tiere. Ob es den Tieren im Laufstall oder der Anbindehaltung bessergehe, hänge in erster Linie von der Betriebsleiterfamilie ab, wie aus mehreren Wortmeldungen deutlich wurde. Einige Betriebsleiter bewerten zudem die Anbindehaltung absolut positiv und würden keinesfalls in einen Laufstall investieren.
Einige Betriebsleiter übten deutliche Kritik am BBV und fühlten sich mit dem Problem alleingelassen. Dem setzten mehrere Kreisobmänner entgegen, dass der BBV die Anbindehaltung keineswegs preisgeben möchte, und verwiesen auf die laufenden Gespräche. Zudem wünsche man sich auch Engagement von den Mitgliedern.
Bernhard Dendorfer, aus der Gemeinde Wiesenfelden, Lks. Straubing-Bogen, machte klar, sein 25-Kuh-Betrieb werde in dieser Form nicht weitergeführt, seine Kinder hätten sich beruflich außerlandwirtschaftlich orientiert.
Der 53-Jährige hofft, dass die Anbindehaltung noch für seine aktive Zeit als Landwirt als Option erhalten bleibt. Hinzu komme die schlechte Stimmung gegen die Landwirtschaft sowie die immer mehr werdenden Vorschriften und Auflagen. Investieren wird Dendorfer im Milchviehstall nichts mehr, da er das eingesetzte Kapital nicht mehr erwirtschaften könne.

Jeder kocht sein
eigenes Süppchen

Im Anbindestall von Josef Eidenschink aus St. Englmar stehen 16 Kühe mit Nachzucht. Die Tatsache, dass Politik, NGOs und der LEH jeder eine eigene Suppe kocht, um die Lebensmittel noch billiger zu machen, regten ihn auf. Dies führe dazu, dass die vielzitierten kleinstrukturierten Betriebe aufhören, die ihre Tiere außerdem wesentlich besser im Blick hätten als jene mit riesigen Tierbeständen, wie im Osten Deutschlands. Sein Sohn sei durchaus an Land- und Forstwirtschaft interessiert, werde aber zunächst einen außerlandwirtschaftlichen Beruf erlernen. Den Wahnsinn an Bürokratie könnten die kleinen Betriebe schlichtweg nicht mehr leisten. In einen Um- oder Neubau will Eidenschink aus derzeitiger Sicht nicht investieren.
Hans Leipold aus der Gemeinde Rotzendorf im Kreis Neustadt a. d. Waldnaab sieht den Anbindestall als Auslaufmodell. Es sei untragbar, dass Landwirte, deren Kühe in Anbindehaltung stehen, als Tierquäler beschimpft würden. Er sei Milchbauer mit Leib und Seele, da aber der Betrieb wohl nicht weitergeführt werde, werde er auch keine Investitionen mehr tätigen. Der Anbindestall habe sicherlich viele Vorteile, da der Kontakt zu den Tieren intensiver sei. Der größte Einflussfaktor auf das Tierwohl ist aber der Betriebsleiter, zeigt sich Leipold überzeugt. Wenn seine Molkerei in den Verträgen eine differenzierte Bezahlung von Milch aus Anbindehaltung und Laufställen verankert, ist für ihn der Zeitpunkt des Ausstieges aus der Milcherzeugung gekommen, denn mit 60 Jahren will er nicht mehr investieren.