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Leidenschaft

Mit 100 Jahren fährt er noch Traktor: Die Arbeit hält Georg jung

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Gerd Kreibich Portrait
Gerd Kreibich
am Mittwoch, 06.07.2022 - 18:49

Im Krieg ist Landwirt Georg Wagenhofer schon für tot erklärt worden. Doch der rüstige Senior ist mit 100 immer noch aktiv.

Über 100 Jahre alt werden: Rein statistisch betrachtet ist das heute gar nicht so selten. Doch 100 Jahre alt zu werden und noch fast jeden Tag mit dem Traktor in den eigenen Wald fahren, um dort nach dem Rechten zu sehen – da dürfte Georg Wagenhofer aus Gangkofen wohl einer der ganz wenigen Menschen sein, vielleicht ist er sogar der älteste noch aktive Landwirt im Freistaat, aber dazu gibt es wohl keine eigene Statistik. Beim Besuch auf dem Wagenhofer-Hof wird aber auch deutlich: Nicht alle der 100 Jahre, die der „Schorsch“ hinter sich gebracht hat, waren leicht, im Gegenteil. Im Krieg ist er sogar einmal „gestorben“, aber, wie er selbst sagt: „Vielleicht stimmt es ja doch, dass die Totgesagten länger leben.“

Drei Generationen „Georg“ leben auf dem Betrieb

Georg Wagenhofer ist im Februar des Jahres 1922 zur Welt gekommen, vier Jahre nach dem 1. Weltkrieg. Und schon kurz nach seiner Geburt musste er das erste Drama erleben: Der Hof, auf dem er geboren wurden, fiel einem Brand zum Opfer, mit großem Einsatz bauten die Eltern den Hof wieder auf, 1924 war das, und noch heute sind die Wagenhofers hier zuhause. Georg mit seinen 100 Jahren, sein Sohn Georg mit 70 Jahren, der Enkel Georg mit 44 Jahren, er ist heute der Betriebsleiter – und dann war es erst einmal vorbei mit den „Georgs“, der Urenkel heißt Bastian, er ist 17, und natürlich hat er großes Interesse an der Landwirtschaft.

Wenn sie einen Besuch auf dem Hof mache und laut nach dem „Schorsch“ ruft, dann könne es schon einmal sein, dass sie drei Rückmeldungen bekomme, lacht die Rottaler Kreisbäuerin Paula Hochholzer. Sie ist gekommen, um einen selbst gesteckten Blumen- und Kräuterkranz abzuliefern, ein nachträgliches Geschenk zum 100. Geburtstag, ganz frisch hat sie dafür die Kräuter und Blumen aus dem eigenen Garten geholt: „Ich wolle während der Pandemie nicht unbedingt herkommen, denn auch wenn der Schorsch mit 100 noch so fitt ist, wollte ich ihn auf keinen Fall der Gefahr einer Ansteckung aussetzen“, sagt sie. Dass sie einen Journalisten im Schlepptau hat, das hatte Paula Hochholzer schon angekündigt, den Schorsch hat es gefreut, denn er erzählt gerne aus seinem Leben. Auf dem Hof, da hat er sich immer wohlgefühlt, kaum war er aus der Schule zuhause, war er auch schon bei den Tieren, Milchvieh und Sauen hatten sie auf dem Hof. Und sein Vater war damals schon ein Landwirt, der in die Zukunft blickte: Er gehörte zu den Gründern einer genossenschaftlichen Molkerei, ihm war klar, dass man zusammen mehr erreichen könnte.

Als Soldat durch halb Europa geschickt

Doch gerade da, als der Schorsch daran dachte, vielleicht selbst einmal eine Familie zu gründen, die Leni hatte es ihm angetan, da kam der 2. Weltkrieg und er wurde eingezogen zur Wehrmacht. Seinen Dienst schieben musste er an den verschiedensten Schauplätzen des Weltkrieges, so viel wie damals sei er später nie mehr herumgekommen, sagt er mit durchaus bitterer Ironie – er hat dem Krieg nichts abgewinnen können, er wollte eigentlich nur wieder nach Hause zu den Eltern auf den Hof, natürlich auch zur Leni. Frankreich, Korsika, den Kaukasus – Schorsch musste dahin, wo seine Einheiten hingeschickt wurden, da wurde nicht lang gefragt. Er musste miterleben, wie Kameraden schwer verletzt wurden, wie sie im Feld oder Lazarett starben. Die Zeit war, da macht er heute keine großen Worte mehr, sehr schwer, er hat sie nie vergessen.

Georg Wagenhofer

Später einmal hat er sich hingesetzt, hat alle Erlebnisse fein säuberlich aufgeschrieben, 28 dicht beschriebene Seiten wurden es, sie liegen in einer Schublade. Und da gab es auch eine kuriose Geschichte: Einmal war der für Gangkofen zuständige Vertreter der NSDAP auf den Hof der Eltern gekommen, er hatte die Nachricht vom Tode des Sohnes überbracht, der „ehrenvoll für das Vaterland gefallen ist“, wie er mitteilte. „Aber ich war nicht tot, Gott sei Dank, ich habe noch gelebt, es war eine Verwechslung passiert - gleich habe ich den Eltern eine Feldpostkarte geschrieben und alles aufgeklärt, da war die Freude natürlich groß.“

Der Krieg ging vorbei, aber nicht für Schorsch: Er kam in Kriegsgefangenschaft, musste als Zwangsarbeiter auf landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten – und immer hatte er Heimweh. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, „ich bin abgehauen, damals aus dem Elsass, im Mai 46 war das“, erinnert er sich. 14 Tage war er unterwegs, dann hat man ihn geschnappt, die Strafe war hart: Arbeit im Steinbruch musste er ableisten, „wir wurden wie die schlimmsten Sträflinge behandelt“.Ein Jahr später wurde er mit anderen Kriegsgefangenen nach Korsika verschifft, Dort konnte er dann sein landwirtschaftliches Talent wieder unter Beweis stellen, er legte für den Kommandanten des Straflagers einen Garten an, den gibt es, er hat sich viele Jahre später davon überzeugt, heute noch.

1948 dann endlich die Heimkehr, auf verschlungenen Wegen ging es durch Frankreich wieder in die Heimat, am 9. Dezember war er wieder in Gangkofen. Vier verschiedene Flüchtlingsfamilien waren auf dem Hof untergebracht, viel Platz gab es nicht, aber dafür genug zu tun und Schorsch packte an: Als erster Landwirt im Ort beschaffte er sich einen Bindemäher, der Nachbar investierte in einen Traktor, und so bildeten sie zusammen so etwas wie einen kleinen Maschinenring. Übrigens: Der Traktorführerschein wurde noch von der für den Bezirk zuständigen Kommandantur ausgestellt, „Drivers Licence“ steht vorn drauf, das Dokument hütet der Schorsch immer noch.

Sein erster Schlüter läuft heute noch rund

10 500 Mark investierte Georg Wagenhofer dann selbst in einen Schlüter-Traktor, 1949 war das, „und der läuft heute noch problemlos“, schmunzelt er. Viel Geld war das schon, die Wagenhofers haben Holz verkauft, denn Wald war eine Säule ihres Betriebes. Ein Pflug folgte, ein Ladewagen mit Gummibereifung: „Wir waren die ersten im Dorf, die diese Maschinen hatten, aber ich habe immer gewusst, dass wir ohne die Technisierung nicht voran kommen“, erzählt er heute.

Georg Wagenhofer

1950 und 1952 wurde der Schorsch Vater, einem seiner Buben hat er später den Hof übergeben, so richtig gemerkt hat man das nicht, denn bei den Wagenhofers hat man immer zusammengehalten, das ist jetzt noch spürbar. Zusammenleben und wirtschaften über die Generationen hinweg, das ist auf dem Wagenhofer-Hof kein Sonntagsgerede, sondern es wird im Alltag gelebt.

2008 ist die Leni gestorben, jetzt sind Sohn und Enkel mit ihren Familien für den 100-Jährigen da.

Dass er noch da ist, das hat er der vielen Arbeit ebenso zu verdanken, wie der Familie, sagt der Schorsch, der sich immer noch auf jeden Tag freut. Und wenn das Wetter passt, dann holt einen Traktor aus der Halle, er steigt noch ohne zu zögern auf den Fahrersitz, oft hinaus in den Wald, „aber wir sind dann schon dabei“, sagen Sohn und Enkel – sie passen auf ihren „Senior“ auf.

„Ich habe viel erlebt und viel erleben müssen“, sagt Georg Wagenhofer am Ende des Gesprächs auf der Eckbank. Dass er Manches überlebt hat und Anderes noch erleben durfte, das habe er dem Herrgott und seiner Familie zu verdanken: „Und heute freue ich mich auf jeden neuen Tag, der mir noch vergönnt ist.“