Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Menschen

100-jähriger Landwirt: Mit dem Traktor fährt er noch immer in den Wald

100 Jahre 2_b
Gerd Kreibich Portrait
Gerd Kreibich
am Montag, 19.12.2022 - 17:34

100 Jahre alt und noch immer aktiv: Landwirt Georg Wagenhofer blickt auf schwere Zeiten zurück. Und er hat einen Wunsch an das Christkind.

Gangkofen - Vor ein paar Monaten war das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt schon einmal zu Besuch bei Georg Wagenhofer. Damals haben wir ihm nachträglich zum 100. Geburtstag gratulieren können. Am 4. Advent schauten wir wieder auf dem schmucken Hof in Unterbachham bei Gangkofen vorbei. Denn uns interessierte, wie dieser Mann, der uns mit seiner Lebensfreude und seinem Lebenswillen so beeindruckt hat, an Weihnachten und auch im neuen Jahr vorhat - im Februar wird der Austragler immerhin schon 101 Jahre alt.

Auf dem Betrieb in der Gemeinde Gangkofen leben vier Generationen: Georg Wagenhofer, Georg Wagenhofer und Georg Wagenhofer - also der Senior, sein Sohn und sein Enkel. Eine Ausnahme beim Vornamen bildet erst der Urenkel, der heißt Sebastian. Doch es ist sicher vor allem das liebevolle Umsorgtsein durch die ganze Familie, die den Wagenhofer Schorsch so alt werden hat lassen, nicht zu vergessen sein Lebenswillen, der ihm dabei geholfen hat, die schweren Kriegsjahre zu überleben - obwohl man ihn, wie er uns schon einmal erzählt hat, während des Russland-Feldzuges sogar schon einmal amtlich für tot erklärt hatte.

Doch gehen wir noch ein wenig weiter zurück, damals, als der Schorsch noch ein Kind war. Wie war das an Weihnachten damals? „Weihnachten, das war schon etwas Besonderes für uns Kinder“, erinnert er sich. Große Geschenke hat es damals sicher nicht gegeben, aber: „A bisserl Spielzeug war dann doch unter dem Baum - die Mädchen haben etwas für die Puppen bekommen oder für die Puppenstube, die Buben haben sich gefreut, wenn wir Spielzeug aus Holz oder Blech bekommen haben, auf das haben wir dann immer sehr gut aufgepasst.“

100-jähriger Landwirt erinnert sich an die Kindheit

Einen Hahn hat er einmal bekommen, aus Holz war der geschnitzt und auf einem Brett befestigt, an das kleine Holzräder geschraubt waren: „Den konnte ich hinter mir herziehen und hab ihn überall hin mitgenommen“, schmunzelt er heute. Das Wichtigste an Weihnachten waren aber nicht die Geschenke, sondern das Zusammensein: „Wir waren an den Feiertagen nicht nur einmal in der Kirche, die Mutter hat immer etwas Besonderes gekocht, und natürlich hat es Platzerl gegeben und andere Leckereien, und wir Kinder durften lange aufbleiben - das war natürlich sehr schön für uns.“

Die Jahre gingen ins Land, der große Krieg kam und obwohl er zuhause auf dem Hof dringend gebraucht wurde, hat man den Schorsch eingezogen und ehe er sich versah, hatte er eine Uniform an und eine Waffe in der Hand. „Ich habe da gleich kein gutes Gefühl gehabt“, sagt er heute, er wäre lieber zuhause auf dem Hof geblieben.

Weihnachten zuhause? Daran war erst einmal nicht mehr zu denken. Und doch hat es der Schorsch geschafft, noch einmal mit der Familie gemeinsam zu feiern, bevor es losging in die Ferne, nach Frankreich, nach Russland nach Italien. „Wir waren im Allgäu stationiert, und ich hab schon Sehnsucht gehabt nach meiner Heimat. Und da hat mir ein Spezl aus meiner Kompanie zivile Kleidung geliehen, ich habe mir eine Bahnkarte gekauft und bin mit dem Zug erst nach München, von dort nach Neumarkt-St. Veit und dann nach Gangkofen. Erwischt haben sie mich Gott sei Dank nicht, aber an Weihnachten war ich noch einmal zuhause.“ Beim Gedanken an diese wagemutige Reise muss der 100-jährige Landwirt heute noch lachen.

Georg Wagenhofer erlebte die grausame Realität des Krieges

Aber die grausame Realität des Krieges holte ihn dann doch ein, vor allem an Weihnachten waren die Gedanken an die Heimat, an die Familie und an den Hof fast unerträglich. Die einfachen Soldaten wussten irgendwann, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, alle wollten nur noch in die Heimat, viele schafften es nicht. „Ich habe erlebt, dass Kameraden von mir von Bomben zerrissen wurden, ich war mir selbst nicht immer sicher, ob ich die Heimat wiedersehen werde.“

Wie es damals war: als Soldat in den Bergen, der Christbaum in der Stube, ein weihnachtlich geschmückter Transportwagen an die Front - Georg Wagenhofer hat viele Erinnerungen gesammelt.

Man merkt dem Schorsch an, dass ihn die Erinnerung noch heute schmerzt. An ein Weihnachtsfest kann er sich noch gut erinnern: Der Krieg war verloren, er war in Gefangenschaft, mit anderen Gefangenen musste er in einem Steinbruch arbeiten. „Da haben wir irgendeinen Baum, der da herumstand, als Weihnachtsbaum benutzt und für uns ein bisserl gefeiert“, erzählt er.

Er selbst kam, nach vielen Umwegen, wieder zurück in die Heimat, das erste Weihnachtsfest auf dem Hof vergisst er nicht, vielleicht hat das Fest ja deshalb für ihn heute schon noch einen besonderen Wert. Und weil er immer noch in die Zeitung schaut und trotz der schlechter gewordenen Augen die Nachrichten anschaut, weiß er um den Krieg in der Ukraine. Für ihn werden schmerzliche Erinnerungen wach: „Wenn ich mir etwas wünschen könnte zu Weihnachten, dann würde ich mir wünschen, dass dieser Krieg und überhaupt alle Kriege endlich aufhören. Es sind doch immer die einfachen Leute, die darunter leiden müssen“, sagt er mit ernster Stimme. Bombenalarm jede Nacht, Hunger, Kälte und immer die Angst, ob man überlebt: Georg Wagenhofer kann nachvollziehen, was die Menschen in der Ukraine erleiden.

Die Weihnachtswünsche eines 100-Jährigen aus Gangkofen

Und was wünscht er sich selbst, für sich ganz persönlich? „Wenn man so alt ist wie ich, dann wünscht man sich eigentlich nichts mehr. Ich habe ja alles: Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und eine großartige Familie, die sich um mich kümmert. Genau das wünsche ich allen Menschen“, sagt der Schorsch.

Auf einen Ratsch im Advent : Nachbarin und Kreisbäuerin Paula Hochholzer ist auf einen vorweihnachtlichen Ratsch bei Georg Wagenhofer vorbeigekommen.

Dann fällt ihm etwas ein: „Wenn ich jetzt im Februar noch 101 Jahre alt werden darf, dann wär das schon schön“, meint er. Er will auch wieder mit seinem Traktor in den Wald fahren und nach dem Rechten sehen. Derzeit muss er da Pause machen, denn nach einem Sturz war er eine Zeit lang nicht so mobil, wie er das immer war.

Und dann nimmt er einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und er isst mit Genuss ein Stückerl Kuchen, den eine Nachbarin, die Kreisbäuerin Paula Hochholzer, zum Adventsbesuch mitgebracht hat. So schön könnte es sein, wenn alle Menschen Frieden halten würden. Und deshalb wünscht er allen Menschen eine friedliche Weihnacht.

* Pflichtfeld. Mit der Anmeldung für den Newsletter haben Sie den Hinweis auf die Datenschutzhinweise zur Kenntnis genommen. Sie erhalten den forstpraxis-Newsletter bis auf Widerruf. Sie können den Newsletter jederzeit über einen Link im Newsletter abbestellen.