Pflanzenbau

Wurzeln für alpine Premiumgetränke

Engelwurz
LK Tirol
am Montag, 06.07.2020 - 09:26

In Oberellbögen nahe Innsbruck werden Meister- und Engelwurz angebaut. Abnehmer ist die Getränkefirma Future Distillery.

Meisterwurz und Engelwurz sind beliebte Heil- und Gewürzpflanzen. Beide wachsen wild im Mittel- bis Hochgebirge, weshalb die ausgewählte Höhenlage auf rund 1300 m für den Anbau perfekt passt. Meister- und Engelwurz sind für ihr charakteristisches Aroma und die appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung in Getränken bekannt.

Wertvolle Inhaltsstoffe

40 000 Pflanzen Meisterwurz und Engelwurz wurden im Rahmen dieses Pilotprojektes, das auch als Leader-Projekt vom Regionalmanagement Wipptal unterstützt wird, im Vorjahr in Oberellbögen gepflanzt. Das alpine Klima fördert die Entwicklung vieler wertvoller Inhaltsstoffe. Diese konzentrieren sich in den Wurzeln, welche für die Herstellung alkoholischer und nichtalkoholischer Getränke verwendet werden.

Der biologische Anbau dieser Heil- und Gewürzpflanzen sichert den regionalen Rohstoff für die Future Distillery. „Wir wollen für unsere hochwertigen Produkte auch auserlesene Zutaten aus gesicherter, nachhaltiger Produktion verwenden. Damit war die Idee für dieses Pilotprojekt geboren. Sowohl unser Alperitif (ein Kräuterbitterlikör) als auch unser Alperitivo (alkoholfreier Aperitif), die wir dafür entwickelt haben, profitieren von der hohen Qualität der Pflanzen“, so Projektinitiator Werner Ultsch.

„Meisterwurz und Engelwurz sind wertvolle Pflanzen und bereichern mit ihrem herausragenden kulinarischen Potential die alpine Küche. Es gibt noch viele unentdeckte Möglichkeiten wie beispielsweise in frischen Salaten oder in kandierter Form.“

Ergebnisse mit Spannung erwartet

Für den Anbauversuch konnte der Bio-Betrieb „Truilerhof“ der Familie Spörr in Oberellbögen gewonnen werden. Betriebsführer Christoph Spörr war begeistert: „Für mich war es ein Anlass, um zu probieren, was ich als Nebenerwerbsbetrieb abseits vom klassischen Grünland mit Tierhaltung sinnvoll machen kann. Mehrere Standbeine sind immer ein Vorteil und deshalb sind wir offen für neue Kulturen und Wirtschaftsformen.“

Die Startbedingungen im Frühjahr des Vorjahres waren für die Pflanzen schwierig. Föhnsturm, Trockenheit, später sogar Neuschnee und Minusgrade setzten den Pflanzen zu. Der tolle Bestand auf den zwei Feldern zeigt heute, wie robust die Pflanzen sind. Man sieht kaum Ausfälle. „Der Arbeitsaufwand in der Startphase ist hoch, vor allem die Unkrautbekämpfung schlägt hier zu Buche. Bei den Mäusen muss man ständig dahinter sein, sonst gefährden diese den Bestand. Jetzt warten wir mit Spannung auf die erste Teilernte im Herbst“ betont Christoph Spörr.

Standbein für die Berglandwirtschaft

„Der Anbau von Gewürz- und Heilkräutern ist in Tirol noch eine Nische“, erklärt Wendelin Juen von der Landwirtschaftskammer Tirol. „Für die Berglandwirtschaft stellt er eine interessante Erwerbsmöglichkeit dar. Deshalb begleitet die Landwirtschaftskammer dieses Pilotprojekt. Die gewonnenen Erfahrungen sind sehr wertvoll. Eine gesicherte Abnahme zu einem fairen Preis ist für die Landwirte entscheidend. Werner Ultsch ist ein verlässlicher Partner, der für dieses Projekt den längerfristigen Erfolg sichert.“

Die Wurzeln kommen derzeit meist aus unkontrolliertem Anbau und Wildsammlungen aus Ost- und Süd- europa sowie aus Asien. „Eine gesicherte, transparente Qualitätsproduktion in Tirol hat für die Veredler viele Vorteile. Der Bedarf ist da und wir hoffen, dass wir das Interesse bei verlässlichen Partnern wecken! Aus Meisterwurz wird in Tirol traditionell Schnaps gebrannt, dem eine verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Ich finde es genial, dass nun Meisterwurz, der Ginseng der Alpen, gemeinsam mit Engelwurz auch als Lebensmittel zur Anwendung kommt“ sagt Juen erfreut.

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Die Meisterwurz

Meisterwurz

Die Meisterwurz (Peucedanum ostruthium) – früher auch Kaiserwurz genannt – ist ein Doldenblütler und in den Gebirgsländern Mittel- und Nordeuropas, auf dem Balkan und in Russland heimisch.

Sie bevorzugt Kalk- und Urgesteinsböden in Höhen zwischen 1200 und 2700 m. Meisterwurz wächst vorzugsweise in der Nähe von alpinen Rinnsalen, auf feuchten Schutthalden, schattigen Felsausläufern und auf humosen, nährstoffreichen Almböden. Sie erreicht eine Höhe von 30 cm bis 1 m.

Die Pflanze verströmt einen stark würzigen Geruch, der an Sellerie und Gewürze erinnert. Sie blüht von Juni bis August. Die Blütenstände sind große, flache bis zu 50-strahlige Dolden mit weißer oder rosaroter Farbe.

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Die Engelwurz

Die echte Engelwurz (Angelica Archangelica) ist ein Doldenblütler. Sie blüht von Juli bis August mit kleinen grünlichen Blüten, die sich zu großen Kugeln formen. Sie bevorzugt nährstoffreiche Kalk- und Urgesteinsböden ohne Staunässe. Im alpinen Raum erreicht sie eine Wuchshöhe von 1,5 bis 2 m.

Die ätherischen Öle der rübenartigen, rotbraunen Wurzel mit ihrem gelben Milchsaft, enthalten ein würziges Aromaspektrum, welches Sie für die Aromatisierung von Getränken sowie für medizinische Zwecke interessant macht.Bekannt ist die Engelwurz für ihre krampflösende Wirkung im Verdauungsbereich.

Bitterstoffe stimulieren die Bildung von Magen- und Gallensäure und Enzymen der Bauchspeicheldrüse. Sie wirken stark antibakteriell und entzündungeshemmend. Die Furocumarine in Blättern und Wurzeln können bei Hautkontakt in Verbindung mit Sonnenlicht zu Reizungen und Verbrennungen führen.