Geschäftsideen

„Wir wollten Bauern bleiben“

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Externer Autor
am Montag, 08.10.2018 - 13:31

Bergbäuerin Waltraud Schwienbacher schuf mit ihren Ideen neue Perspektiven.

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St. Walburg/Südtirol Waltraud Schwienbacher aus St. Walburg im Ultental, einem steilen Seitental des Etschtales, ist Bergbäuerin, Mutter und Großmutter mit vielen Visionen und verrückten Ideen, gepaart mit einem guten Gespür für notwendige Veränderungen und versehen mit einem grenzenlosem Durchhaltevermögen, wenn es um Dinge geht, die ihr unmittelbares Lebensumfeld betreffen. Sie ist „Kräuterweiblein“, Gemeindepolitikerin, Begründerin des Vereins „Lebenswertes Ulten“, der „Winterschule Ulten“ und der „Naturerlebnisschule Ulten“, langjährige Präsidentin der Sozialgenossenschaft „Lebenswertes Ulten“ und so nebenbei auch gefragte Referentin. Die 73-jährige ist eine faszinierende und tatkräftige Frau, die in ihrer Region wirtschaftliche Bedürfnisse mit nachhaltigem Wirtschaften und konsequentem Umweltschutz in Einklang gebracht hat. „Die Natur ist die reinste Intelligenz. Sie ist die höchste Hochschule, an der wir studieren können. Und wir werden reich!“, ist ihre tiefste Überzeugung.

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Waltraud Schwienbacher lebt mit ihrer Familie auf dem Wegleithof, der seit über 350 Jahren im Besitz der Familie ist. Der Bau eines umstrittenen Stausees („eine politische Entscheidung“) im Herzen des Tals war für sie ein Wendepunkt: 28 der schönsten Höfe des Tals verschwanden unter dem Wasser, ihre Familie verlor neben Haus und Scheune 9 ha Kulturgrund. Was blieb waren knapp dreiviertel ha Ackerland und 20 haWald. „Wir wollten aber unbedingt Bauern bleiben“, erzählt sie, „aber bei so wenig Grund mussten wir an einen Zuerwerb denken.“ Und dafür sollten in erster Linie Kräuter die Grundlage sein: Wildkräuter aus den Wäldern und von den Bergwiesen der Umgebung sowie biologischer und nachhaltiger Anbau und Verarbeitung von Kräutern.

KräuterReich Wegleit

Das sind die Rohstoffe, für die im KräuterReich Wegleit erzeugten und im eigenen Hofladen vermarkteten Produkte wie Kräutertees, Gewürz- und Honigmischungen sowie Naturkosmetik. Zu der bunten Vielfalt des Hofladens kommen feine Wollprodukte. Die Wolle stammt von den Schafen und Angoraziegen, die am Hof gehalten werden. Auf dem Hof gibt es auch etwa 15 Kühe und Kälber des Tiroler Grauvieh’s, das sich bestens für die Berglandwirtschaft eignet. Ein weiteres wichtiges Standbein ist die Naturerlebnisschule Ulten. In den angebotenen Seminaren und Vorträgen über Kräuter, Gesundheit und Wollverarbeitung kommt die große Leidenschaft von Waltraud Schwienbacher zur Natur und ihren Kreisläufen, von denen alles am Hof lebt, zum Ausdruck.

Ultental die vierte Haut

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Das mit Wasser, Wald und Bergen gesegnete Ultental bezeichnet Waltraud Schwienbacher als ihre vierte Haut. Es bietet alles, was man braucht, damit es einem hier gut geht. „Die zweite Haut ist unsere Kleidung, die dritte unser Wohn- und unser Arbeitsplatz, und die vierte eben die Umwelt, die Umgebung, in der wir leben.“ Um all diese Häute drehen sich ihre Gedanken, aus denen die Ideen entspringen, die sie im Laufe ihres Lebens konsequent in die Tat umgesetzt hat.

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Die unendliche Liebe zur Natur wurde ihr bereits in der Kindheit von der Mutter vermittelt. Als Waltraud 12 Jahre alt war, kaufte sie sich von ihrem ersten Geld ein Schaf, und fortan war Wolle für sie sehr wertvoll. Als sie später von Ultener Schafzüchtern erfuhr, dass diese zwar das Fleisch der Tiere gut verkaufen können, die Wolle aber wertlos ist und im Müll landet, war sie entsetzt: „Wir tragen teures synthetisches Glumpert und nützen die Wolle nicht, dabei macht sie die halbe Hausapotheke aus.“ Deren Inhaltsstoffe wären gut für Haut, Haare, Muskeln, Knochen und den Zellaufbau, ihre wertvollen Fettsäuren und das Lanolin wirken entzündungshemmend.
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„Wolle funktioniert wie eine kleine Klimaanlage“, sagt Waltraud Schwienbacher. „Sie gleicht Wärme und Kälte aus wie keine andere Faser. Man kann sich Wolle wie einen Zapfen mit Schuppen vorstellen. Ist es warm und trocken, öffnen sich die Schuppen, ist es kühl und nass, schließen sie sich.“

Ultener Winterschule

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Bereits 1990 begründete die Südtiroler Vordenkerin mit Gleichgesinnten das Projekt „Lebenswertes Ulten“ (s. Kasten). Eine große Rolle spielte dabei die Erkenntnis, dass für die Bergbauernhöfe nur der Erlös für Milch, Fleisch, Holz und Wolle auf lange Sicht keine lohnenswerte Perspektive ist. „Man verdient nur auf die Veredelung“, hatte Traudl Schwienbacher schon früh erkannt, „denn die Rohstoffe müssen wir fast verschenken, aber das Geld damit machen andere“.
Dazu kam die Entwicklung, dass viele junge Leute wegzogen und Arbeit in den Städten suchten. Auch diesem Trend wollte sie gegensteuern, felsenfest davon überzeugt, dass auch das Ultental attraktive Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten bietet, wenn man nur genau hinschaut. Eine weitere Antriebsfeder war der Erhalt der kulturellen Identität des Tales.
Die ebenfalls von ihr initiierte Ultener Winterschule sollte gleichzeitig die Achtsamkeit gegenüber der Natur und die Freude am kreativen Gestalten fördern, überliefertes Wissen weitergeben und dieses mit aktuellen Erkenntnissen verknüpfen.
Für die Bäuerinnen und Bauern war dies eine gute Möglichkeit die hofeigenen Ressourcen besser zu nutzen und sich einen Zuerwerb zu schaffen. „Das ist eine Schule für alle, die gerne kreativ arbeiten, natürliche Materialien wertschätzen und an der Hochschule der Natur lernen möchten“, sagt die Gründerin und bekräftigt: „Das ist eine Schule, die uns mit dem, was wir haben, nach vorne bringt.“
Im ersten Jahr zählte man bescheidene 20 Teilnehmer, zwischenzeitlich sind es 480. Weit über 1000 könnten es sein, wenn man alle Anfragen berücksichtigen würde. Die Schule hat einen ausgezeichneten Ruf, der weit über das Ultental hinaus auf ganz Südtirol und die benachbarten Länder ausstrahlt. Ein Zeichen dafür, dass viele Leute wieder das Bedürfnis zurück zur Natur und zum Ursprünglichen haben. In den verschiedensten Bereichen bietet die Schule eine Fachausbildung, die sich über drei Jahre erstreckt und in erster Linie an Wochenenden stattfindet. Schwerpunkte sind die Bereiche Holz und Textilien.
Großen Zulauf hat auch die alpine Kräuterkunde. Das Wissen um die Pflanzen und deren Wirkung auf die Gesundheit zeige, dass die Natur wieder wahrgenommen wird, mit der Folge, dass eine ganz andere Verantwortung für die Umwelt entsteht. In der Winterschule steht der Mensch und was ihm Freude macht im Mittelpunkt. „Wir können eine Arbeit nur gut machen, wenn wir Freude daran haben“, sagt Waldtraud Schwienbacher. Diesem Grundsatz fühlt sich auch Tochter Franziska verpflichtet, die nun als Leiterin der Schule in die Fußstapfen der Mutter getreten ist. Auch bei der Sozialgenossenschaft „Lebenswertes Ulten“ hat die Gründerin und langjährige Präsidentin die Verantwortung abgegeben.

Produktlinie „Bergauf“

Unter der Marke „Bergauf“ wird hier eine Produktlinie ausschließlich aus heimischer Schafwolle auf den Markt gebracht. Reste kennt man nicht. Alles wird verarbeitet. Dinge wie Pantoffeln, Tischsets, Teppiche, Kleider und vieles mehr sind vor allem von Touristen geschätzt, die während ihres Urlaubs im Laden der Genossenschaft in St. Walburg im Ultental vorbeischauen. Zusätzlich werden die Erzeugnisse in Hotels und in einem Bioladen in Lana verkauft. Mit dem Kauf der Produkte unterstützen die Kunden auch die Integration von benachteiligten Menschen, die in der Sozialgenossenschaft eine Arbeit finden. Hier nimmt man sich Zeit für sie, damit sie den Weg zurück in die Arbeitswelt finden.
Für ihre Produkte benötigt die Sozialgenossenschaft viel Wolle. Zweimal im Jahr, im Herbst und im Frühling, werden zwischen 500 und 600 kg Schafwolle gesammelt. Im Gegenzug erhalten die Bauern Gutscheine, die sie im Geschäft von Bergauf einlösen können. Ein fairer Tausch, finden die Partner, denn würden sie die Schafwolle hier nicht abgeben können, müsste sie entsorgt werden. Zwischenzeitlich kommt der Rohstoff neben Ulten auch aus anderen Südtiroler Tälern.
Permakultur-Expertin 
Von sich reden gemacht hat Waltraud Schwienbacher auch mit dem Projekt „Der Wald, die heilende Schatzkammer unserer Heimat“, das sie im Rahmen ihrer internationalen Zertifizierung als Permakultur-Expertin erarbeitet hat. Ergebnis ist ein Holzhaus ohne synthetische Dämmstoffe, ausschließlich mit Materialien aus dem Ultental.
Den Reichtum nutzen, den die Natur vor der Haustür bietet, und achtsam damit umzugehen, war dabei oberstes Ziel, getragen von den Grundprinzipien, die im nachhaltigen Wirtschaften, in regionalen Wirtschaftskreisläufen und in der Permakultur zum Ausdruck kommen.
Bereits 2006 erhielt Waltraud Schwienbacher von der internationalen Bewegung der Bäuerinnen WWFS (Women’s world summit foundation), die sich für die Frauen- und Menschenrechte sowie für die Wertschätzung und die Sichtbarkeit der Frauen einsetzt, eine Auszeichnung für ihre „explosive Kreativität“. Lorenz Märtl

Betriebsspiegel

Familie: Mutter Waltraud: Kräuterführungen, Seminare und Vorträge; Vater Erhard: Wildkräutersammler; Sohn Hannes, Hofbesitzer: Anbau und Verarbeitung der Kräuter, Komposition und Abfüllung der Teemischungen und anderen Kräuterprodukte; Tochter Raffaela: Kräuterernte, Produktentwicklung, Produktion von Balsamen, Kräuterölen und Seifen, Verkauf im Hofladen; Tochter Franziska: Produktentwicklung, Naturkosmetik, Kurs- und Seminartätigkeit, Öffentlichkeitsarbeit, Koordinatorin der Winterschule Ulten.

Fläche: 0,75 ha Acker, 20 ha Wald.

Anbau: Bioanbau (Bioland-Mitglied) von Kräutern, Wildkräuter aus den Wäldern und von den Bergwiesen der Umgebung.

Vieh: 10 Schafe, 12 Angoraziegen, 15 Kühe und Kälber Tiroler Grauvieh.

Produkte: Kräutertees, Gewürz- und Honigmischungen, Naturkosmetik, Wollprodukte.

Vermarktung: Hofladen und Direktversand. LM

Die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten

Hauptmotivation zur Gründung der Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten im November 2011 war, dass in Südtirol jährlich ca. 150 t Schafwolle geschoren werden, von denen ca. 100 t als Müll entsorgt werden. Die Wollmanufaktur fertigt aus der kostbaren Wolle des Tiroler Bergschafs vor allem hochwertigen Schurwollfilz und stellt daraus Bekleidung und Produkte zum Wohnen und Schlafen, für den Arbeitsplatz und die Gesundheit her. Die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten sieht sich in der Pflicht, ihrer bäuerlichen Bevölkerung ein Einkommen nicht nur im Nebenerwerb zu ermöglichen. Dadurch bleibt die Wertschöpfung im Tal und ist somit ein aktiver Beitrag gegen die Abwanderung. Sozialgenossenschaften vom Typ B setzen sich per Gesetz 381 aus dem Jahre 1991 für die Förderung des Menschen und die soziale und berufliche Integration der Bürger ein. Mindestens 30 % der Beschäftigten müssen benachteiligte Personen sein. Das Unternehmen beklagt, dass die Bevölkerung die Wertschöpfungskette von Sozialgenossenschaften zu wenig wahrnimmt. In einem Statement wünscht sich Bergauf, dass auch andere private Unternehmen in Kooperation mit der öffentlichen Hand oder mit Non-Profit-Organisationen die Zukunft eigenverantwortlich und solidarisch mitgestalten. So könnten zum Beispiel Kundengeschenke, Weihnachtsgeschenke oder Give-Aways bei Sozialgenossenschaften gekauft werden.