Molkerei

„Eine Vorreiterrolle in Europa“

Johanna Czerny mit Landwirt Thomas Schroffner
Paul Kannamüller
am Montag, 17.06.2019 - 09:20

Das Tierwohl wird bei der SalzburgMilch ernst genommen: Jede Kuh wird gründlich gecheckt.

Christoph Winckler

Salzburg Wann fühlt sich ein Tier wohl? Schwierige Frage – und die Antworten darauf lassen sich eben mal nicht so aus dem Ärmel schütteln. Am besten man geht dabei systematisch vor, so wie es Wissenschaftler in der Regel tun, wenn sie einem „Problem“ auf den Grund gehen wollen.

Robert Leitner Andreas Gasteiger Thomas Schroffner Christian Leeb
Und so hat vor geraumer Zeit die „SalzburgMilch“ eine Tiergesundheitsinitiative in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) gestartet, die auf dem WelfareQuality-Programm basiert, bei dem es sich um ein Protokoll zur Erhebung von Tierwohl und Tiergesundheit handelt. Dabei werden alle relevanten Parameter von der Fütterung bis zur Haltung berücksichtigt, was am Ende eine umfassende Beurteilung des Tierwohls in einem landwirtschaftlichen Betrieb zulässt. Auf einem Milchviehbetrieb in Aigen bei Salzburg wurden nun Ergebnisse aus dem Tiergesundheitsbericht 2019 vorgestellt.
Der in Europa wohl einmalige Tiergesundheitscheck hat auf allen der rund 2600 Milchviehbetrieben stattgefunden, die an die SalzburgMilch liefern. Dabei wurden gemäß der Checkliste insbesondere Haltung, Fütterung, Gesundheit und artgemäßes Verhalten unter die Lupe genommen. Laut Geschäftsführer Christian Leeb gehe es hier um eine ehrliche, nachvollziehbare und für die Tiergesundheit richtungsweisende Initiative, welche die SalzburgMilch auf diesem Gebiet zu einem Vorzeigeunternehmen mache.
Sowohl dem Handel als auch den Konsumenten solle damit klar kommuniziert werden, „welch außergewöhnliche Leistungen unsere Bauern vollbringen“. Es sei ein gewaltiger Schritt nach vorn, betonte Leeb, der dabei auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Molkerei und Bauern lobte. Der Geschäftsführer der SalzburgMilch hofft nun, dass sich die Initiative seines Unternehmens auch auf den Milchpreis auswirkt, „aber den bestimmt letztlich der Handel“.
Nach den Worten von Prof. Christoph Winckler (Boku Wien) wurden bis Ende Dezember 2018 alle Kühe der SalzburgMilch nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstevaluiert, eine weitere Begutachtung soll künftig regelmäßig, mindestens jedoch alle drei Jahre durch eine unabhängige Prüfstelle erfolgen.

Eigens Kontrolleure für den Check geschult

Für die Durchführung der sogenannten Tiergesundheitschecks sind laut Prof. Winckler Mitarbeiter unabhängiger Kontroll- und Zertifizierungsdienstleister von der Universität geschult worden, da es bisher keine ausgebildeten Prüfer für Tierwohlkriterien in Milchviehbetrieben gab. Die Ergebnisse der Erhebungen werden anschließend dem Milchviehhalter zur Verfügung gestellt, der sie dann auch mit allen anderen Betrieben der SalzburgMilch vergleichen kann. Bei Bedarf erarbeite die molkereieigene Tierärztin anhand dieser Auswertung gemeinsam mit dem Bauern mögliche Verbesserungsmaßnahmen.
„Natürlich kann keine Kuh darüber Auskunft geben, was sich für sie seit Einführung der Tiergesundheitsinitiative verändert hat“, betonte Winckler. Dennoch gebe es zahlreiche Indizien dafür, dass sich ein „Mehr an Bewegung“ der Kühe und das gesteigerte Bewusstsein der Bauern positiv auswirkten. Der Wissenschaftler aus Wien versteht unter Tierwohl ein „komplexes Konstrukt“, dabei müsse jedes Tier individuell „angeschaut werden“. Die Daten werden für jeden Betrieb elektronisch erfasst und daraus später ein Profil erstellt.
Bei seinen Forschungsarbeiten wird der Universitätsprofessor von Josef Schenkenfeld unterstützt, der aus den wissenschaftlichen Daten eine Doktorarbeit anfertigt. Besonders müsse die Tierhaltung den Bedürfnissen der Tiere entsprechen und ein artgemäßes Verhalten ermöglichen, betont Winckler. Denn nur Kühe, die sich wohlfühlen, geben länger und gleichzeitig auch mehr Milch. Und mit einer höheren Lebenserwartung der Rinder steige auch die Wirtschaftlichkeit für den Betrieb. Eine regelmäßige Tierbeobachtung helfe Krankheiten vorzubeugen und das Tierwohl am Betrieb zu erhöhen, unterstreicht Professor Winckler.
Immerhin lässt sich die SalzburgMilch die Tiergesundheitsinitiative einen signifikanten sechsstelligen Betrag kosten. Für jeden Betriebscheck wurden etwa 120 € veranschlagt, nicht eingerechnet die Kosten für Entwicklung und Promotion. „Wir sehen das als Investment und damit als gut angelegtes Geld“, betonte Geschäftsführer Leeb. Wesentlicher Bestandteil der Tierwohloffensive sei der unabhängige Tiergesundheitsbeirat, der zweimal im Jahr tagt und mit ausgewiesenen Experten besetzt ist. Dieser besteht aus Wissenschaftlern der Boku Wien sowie der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg Gumpenstein, Mitgliedern der Tierärztekammer, des WWF, des Vereins „Land schafft Leben“ und Bauernvertretern. Der Beirat arbeitet unabhängig und macht auf der Basis von Analysen auch Vorschläge und Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Tiergesundheitsinitiative.
Im Sinne einer artgemäßen Haltung fokussiert man sich bei der SalzburgMilch auf Laufställe bzw. auf die Kombinationshaltung. Das bedeutet, dass die Kühe an mindestens 120 Tagen im Jahr Auslauf oder Zugang zur Weide haben. Mit dem gänzlichen Verzicht auf ganzjährige Anbindehaltung wolle man seine Pionierrolle auf dem Gebiet der Tiergesundheit und des Tierwohls unterstreichen, hieß es. Auch leisteten Hofberater bei der Planung nötiger Umbauten entsprechende Hilfestellung.
Oftmals reichen bereits kleine Veränderungen, um den Auslauf für die Kühe zu ermöglichen, betonte Geschäftsführer Leeb. Vor allem kleinere Betriebe in Berggebieten halten ihre Kühe in Kombinationshaltung, weil dort oft kein Platz für einen großen Laufstall sei. Schätzungen zufolge halten in Österreich etwa noch fünf Prozent der Betriebe ihre Milchkühe in einer ganzjährigen Anbindehaltung.
Robert Leitner, Aufsichtsratsvorsitzender der SalzburgMilch, zeigte sich als oberster Eigentümervertreter „sehr stolz auf die Leistung unserer engagierten Bauern“. Sie seien von Anfang an in die Planungen involviert gewesen und stünden daher „voll hinter unserer Tiergesundheitsinitiative“. Zusammen mit den Milchviehhaltern seien nun Maßstäbe gesetzt worden, die weit über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen, erklärte Leitner.
Immer mehr Konsumenten wünschten auch Informationen darüber, wie landwirtschaftliche Nutztiere gehalten werden. Leitner betonte, dass man bei den Gesundheitschecks auch der einen oder anderen „Betriebsblindheit“ auf die Spur gekommen sei. Der Aufsichtsratsvorsitzende räumte aber mit einem Augenzwinkern auch ein, „dass kein Bauer auf diese zusätzlichen Kontrollen gewartet hat“.

Check zeigt die Schwächen am Betrieb

So war auch der Milchviehhalter Thomas Schroffner eigenen Worten zufolge anfangs skeptisch, habe dann aber erst mal alles auf sich zukommen lassen, wie er auf der Pressekonferenz am Hof seines Anwesens schilderte. Später dann sei er von den Tiergesundheitskontrollen angenehm überrascht gewesen, die gut gelaufen seien.
Die Auswertung des Checks hätte letztlich gezeigt, dass doch kleinere Schwächen auf seinem Betrieb vorhanden waren. Beispielsweise gab es im Stall bei seinen Rindern mit den Klauen Probleme, weshalb er dann auch gleich beschlossen habe, einen einschlägigen Kurs zu besuchen.
Thomas und Elisabeth Schroffner bewirtschaften in Aigen im Südosten Salzburgs einen Milchviehbetrieb mit 13 Kühen plus Jungvieh; sie tragen sich nunmehr mit dem Gedanken, in absehbarer Zeit von der konventionellen Milcherzeugung auf die Produktion von lukrativer Heumilch umzusteigen.
Die bei der SalzburgMilch angestellte Tierärztin Johanna Czerny spricht von einer „bisher einzigartigen“ Tiergesundheitsinitiative, die erstmalig umfassend und unabhängig alle Erzeugerbetriebe erfasst und dokumentiert. Die umgesetzten Maßnahmen wirkten sich „sehr schnell positiv“ auf die Milchleistung und die Milchqualität aus.

Wie aus dem Tiergesundheitsbericht 2019 hervorgeht, stehe man allerdings bei der Beschreibung von Emotionen bei Tieren noch am Anfang, weil deren Erhebung sehr zeitaufwendig sei. Seit etwa vier Jahren beschäftige man sich bei der SalzburgMilch intensiv mit dem Thema Tiergesundheit und habe in diesem Bereich inzwischen international Maßstäbe gesetzt, sagte Geschäftsführer Andreas Gasteiger. Zunächst aber mussten die Bauern überzeugt werden, „dass das der richtige Weg für die Zukunft ist“. Laut Gasteiger sei es nicht einfach gewesen, alle Milchlieferanten „in ein Boot zu bekommen“.