Biolandbau

Vielfalt bewahren und entwickeln

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Patrizia Schallert
am Montag, 17.09.2018 - 12:49

In zweiter Generation setzt Familie Schmiderer aus St. Martin bei Lofer auf biologische Bewirtschaftung und baut die Betriebszweige weiter aus.

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Der Betrieb der Familie Schmiderer in St. Martin bei Lofer war schon ein Biobauernhof, als der Großteil der Bevölkerung noch gar nicht wusste, was „bio“ ist. Als Johanna und Johann Schmiderer als eine der ersten in der Region ihren Vollerwerbsbetrieb im Jahr 1975 auf den ökologischen Landbau umstellten, hielten sie ihre Berufskollegen noch für Spinner. Heute lacht über sie niemand mehr. Seit drei Jahren bewirtschaftet ihr Sohn Stephan mit seiner Frau Tamara den „Schafferbauer-Hof“ mit 30 ha Acker- und Grünland und 22 ha Almen. Der große Hofladen floriert, ein Teil der Bioheumilch wird auf dem Hof zu Weichkäse, Natur- und Kräutertopfen verarbeitet.

Bio seit über 40 Jahren

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Der „Schafferbauer-Hof“ liegt im niederschlagreichen Pinzgauer- Saalachtal. Für Altbauer Johann Schmiderer waren die großen Regenmengen seit jeher eine große Herausforderung im Ackerbau. Deshalb suchte der landwirtschaftliche Facharbeiter nach bodenschonenden Lösungen für die Bewirtschaftung seiner Felder und setzte sich bereits vor mehr als 40 Jahren mit dem ökologischen Landbau auseinander. Informationen besorgte sich der Biopionier beim Schweizer Agrarwissenschaftler Dr. Hans Müller, dessen Frau Maria und dem Mediziner Dr. Hans Peter Rusch. Die drei waren zu dieser Zeit bereits anerkannte Vordenker der organisch-biologischen Landwirtschaft. Aufgrund des regen Kontakts mit ihnen versuchte sich Schmiderer im Ökolandbau, was ihm erfolgreich gelang.
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„Meine Frau Tamara und ich sind meinem Vater sehr dankbar, dass wir 2015 einen nahezu schuldenfreien Bauernhof mit 40 Jahre lang biologisch bewirtschafteten Flächen übernehmen konnten“, sagt Stephan Schmiderer. „Auf Vorträgen und Fortbildungen stelle ich immer wieder fest, wie viel ich doch von meinem Vater gelernt habe. Das hat mir einen gewissen Vorsprung gegenüber anderen Berufskollegen verschafft, die ebenfalls umgestellt haben.“ Der Landwirtschaftsmeister verweist hier auf den Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten. „Das hat mein Vater schon vor 15 Jahren praktiziert und ich bin damit aufgewachsen.“

Umbau statt Neubau

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Ein Jahr bevor der Jungbauer den elterlichen Betrieb mit 20 Fleckvieh-Milchkühen samt 25 Stück Nachzucht und einer Jersey-Kuh übernahm, hätte eigentlich der alte Anbindestall modernisiert werden müssen. „Ein Neubau kam für uns nicht in Frage, weil wir uns nicht gleich in hohe Schulden stürzen wollten. So baute die Familie den Stall eben um. Der eine Teil dient jetzt als Laufstall mit eingestreuten Boxen und befestigtem Auslauf für die Kalbinnen, im anderen Teil werden die Kühe per Rohrmelkanlage gemolken. Im Auslauf wurden ebenfalls Liegeboxen eingerichtet.
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Im ehemaligen Strohstadel neben dem Stall wurden Fressgitter eingebaut und eine große eingestreute Liegefläche für die Kühe geschaffen. Zwischen den beiden Gebäuden verläuft ein Güllekanal, die Auslauffläche wird mit dem Hoftrac entmistet. Den Mist kompostiert Schmiderer, mit dem Kompost verbessert er seine Böden und führt ihnen Nährstoffe zu. Für den Umbau und die Erweiterung des Stalls nahm die Familie gerade einmal 60 000 € in die Hand.

Eltern melken am Berg

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Im Frühjahr und Herbst hat das Milchvieh Zugang zu den Wiesen rund um den Hof, im Sommer sind sie auf einer Gemeinschaftsalm mit Laufstall. Dort werden sie von Stephan Schmiderers Eltern gemolken, die während dieser Zeit in der hofeigenen Almhütte wohnen. Im Winter ist die Almhütte ein gefragtes Urlaubsdomizil für Gäste aus dem In- und Ausland. Das Jungvieh verbringt den Sommer auf der betriebseigenen „Asten-Alm“.

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Außerhalb der Weidezeit wird den Kühen auf dem Hof seit 2016 ausschließlich Heu vorgelegt, lediglich nach dem Abkalben erhalten sie auch Kraftfutter. Den Großteil des Kraftfutters mischen die Schmiderers selbst aus hofeigenem Getreide, eine geringe Menge wird zugekauft. Im Juli wird die kräuterreiche „Bim-Alm“, die ebenfalls zum Schafferbauer-Hof gehört, gemäht. „Das Heu ist im Winter unsere Hausapotheke für die Rinder“, erklärt Tamara Schmiderer. Ab Ende August wird die Bim-Alm dann von den Milchkühen beweidet. Damit das eingebrachte Heu seine hohe Qualität bewahrt, wurde auf dem Heuboden zusätzlich zur Rundballenbelüftung auch eine Stockbelüftung mit Entfeuchter installiert.

Gesundheit im Fokus

Die weiblichen Rinder werden entweder nachgestellt oder vermarktet, die männlichen mit einem Gewicht von rund 100 kg an Stiermäster in der Region verkauft. Was Stephan Schmiderer dabei nicht gefällt: Er weiß nicht, wo seine Kälber am Ende landen. Deshalb überlegt er, sie künftig selbst zu mästen. Außerdem möchte er seine Kühe mehr auf Gesundheit, Langlebigkeit und Trittsicherheit züchten. Das ist dem Eigenbestandsbesamer wichtiger als eine kostenintensive Hochleistungskuh. Um diese Ziele zu erreichen, hat er bereits damit begonnen, Braunvieh in sein Fleckvieh einzukreuzen. „Jetzt muss ich erst einmal abwarten, ob das zum gewünschten Erfolg führt.“
Eine lange Nutzungsdauer seiner Kühe ist Schmiderer nicht nur mit Blick auf das Tierwohl wichtig. Er denkt dabei auch an seinen Geldbeutel. „Die Kosten der Aufzucht kommen nämlich erst nach der dritten Laktation wieder herein.“ Damit eine Kuh alt werden kann, zähle vor allem eines: „Gesundheit, Gesundheit und nochmals Gesundheit.“ Homöopathie, effektive Mikroorganismen, hochwertiges Futter, eine sorgfältige Kontrolle der Klauen und viel Zuwendung seien hier das A und O. Mit der Enthornung kommen Tamara und Stephan Schmiderer gar nicht zurecht. „Wir können kaum mit ansehen, wie die Tiere trotz der Narkose unter der Prozedur leiden. Sie sind danach total irritiert und eine geraume Zeit sehr scheu.“ Wenn nur irgendwie möglich, sollen die Kühe auf dem Schafferbauer-Hof auf absehbare Zeit wieder Hörner tragen dürfen.

Schweine für Hofladen

Mit ihrem Stalldurchschnitt von 6000 kg Milch sind die Schmiderers zufrieden. Was nicht auf dem Hof verarbeitet wird, geht an die Molkerei Pinzgau Milch, die eine eigene Bioheumilchmarke führt, und an einen Lohnverarbeiter in Hallein, der daraus Heumilchkäse herstellt.
Für den Hofladen werden auch zwei Schweine gehalten, die in einer Metzgerei in Lofer zu Speck und Wurst verarbeitet werden. „Frischfleisch vom Schwein und vom Rind gibt es nur auf Anfrage“, sagt die Biobäuerin. Nebenbei machen sich die Schweine als Verwerter von Molke und Kartoffeln nützlich. Die Erdäpfel sind ebenso ein Teil der Biofruchtfolge wie Laufener Landweizen, Roggen, Hafer, Triticale, Dinkel und ein bienenfreundliches Triticale-Wintererbsen-Hafer-Gemenge.

Arbeit schätzen gelernt

Für Tamara Schmiderer war der Einstieg in die Landwirtschaft eine große Herausforderung. „Ich kenne Stephan bereits seit dem Kindergarten und habe ihm damals schon gesagt, dass ich niemals Bäuerin werden will.“ Doch oft kommt es im Leben anders als man denkt. „Inzwischen weiß ich, wie schön die Arbeit in und mit der Natur und mit Tieren sein kann.“
Nachdem die 29-Jährige über den Verein Bio-Austria die Zertifizierung zur Gemüsebau-Praktikerin absolviert hatte, entdeckte sie ihr Herz für Karotten, rote Rüben, Pastinaken, Rot- und Weißkraut. Die Kunden des Hofladens waren von den neuen, gesunden, frischen Produkten sofort begeistert.
Allerdings musste die Biobäuerin jetzt aufgrund des arbeits- und zeitraubenden Umbaus des Wohnhauses und wegen ihrer Schwangerschaft beim Gemüseanbau etwas kürzer treten. „Deshalb kaufen wir einen Großteil des Gemüses von einem Biobetrieb in Saalfelden zu. Im kommenden Jahr möchten wir den Anbau jedoch wieder forcieren und haben dabei noch so einige Gemüse- und Salatsorten im Blick.“

Diversifizieren wichtig

Der Hofladen ist an zwei Tagen geöffnet und auch ohne hofeigenes Gemüse sehr attraktiv. Für das umfangreiche Sortiment von Bioprodukten sorgen mehrere Kooperationspartner aus der Region und Ostösterreich.
Ein Zusatzeinkommen erwirtschaftet die Familie Schmiderer durch die ganzjährige Vermietung von zwei Ferienwohnungen und ihrer Almhütte im Winter. Nach seiner Qualifizierung zum Acker- und Grünlandpraktiker bietet Stephan Schmiderer Betriebsführungen und Felderrundgänge an.

Die Diversifizierung ist für die Familie ein wichtiger Baustein für eine tragfähige Zukunft ihres Betriebs. „Der Markt für Biomilch ist in unserer Region gesättigt“, stellt der Betriebsführer fest. „Das Aufstocken muss nicht immer die beste Lösung sein. Die Milchbauern können auch andere, regionale Wege gehen anstatt auf dem Weltmarkt mitmischen zu wollen.“

Betriebsspiegel

Familie: Stefan (28), Tamara (29), Marie (19 Monate), Johann (65), Johanna (61)

Fremdarbeitskräfte: gelegentlich Praktikanten der Landwirtschaftsschule

Flächen: 20 ha Grünland, 10 ha Acker, 4 ha Weiderechte auf einer Genossenschaftsalm, 15 ha auf der Asten–Alm, 7 ha auf der Bim-Alm

Anbau: Laufener Landweizen, Winterdinkel „Ebners Rotkorn“, Roggen, Hafer, Triticale, Mischung aus Triticale, Wintererbsen und Hafer, Kartoffeln, Rote Rüben, Pastinaken, Rot- und Weißkraut

Vieh: 20 Fleckvieh-Milchkühe mit 25 Nachzuchttieren, 1 Jersey-Kuh, 2 Schweine

Milch: 6000 kg, 4,1 % Fett, 3,4 % Eiweiß

Besonderheiten: Biolandbau seit mehr als 40 Jahren, Hofladen mit breitem Sortiment, Kooperation mit zahlreichen Biobauern, Urlaub am Biobauernhof mit zwei Ferienwohnungen und einer Almhütte.