Geflügel

Veredeln statt Aufstocken

Stall
Patrizia Schallert
am Freitag, 14.02.2020 - 10:46

Bioputen und ihre Direktvermarktung bringen Familie Puchegger aus der Buckligen Welt mehr als Lohnmästerei.

Mast

Hochwolkersdorf/Niederösterreich - Puten am Fließband und nur Zulieferer in der Lohnmästerei? Nein, danke. Von ihrem Plan, einen Stall für 2500 Puten zu bauen und dann nur noch ein kleines Gliedchen in der Wertschöpfungskette zu sein, rückte die Familie Puchegger bald wieder ab. Stattdessen beschränkten sie die Zahl der Puten in ihrem Biobetrieb in Hochwolkersdorf in der Buckligen Welt auf eine Jahresproduktion von 1400 Stück. Das hochwertige Geflügel wird jetzt an Privatkunden, die Gastronomie und sogar an Krankenhäuser abgesetzt. „Das Wachstum unseres Betriebs sehen wir mehr in der Veredelung als in der Aufstockung unserer Putenherde“, sagt Martin Puchegger.

Wiedereinstieg mit Nebenerwerb

Der landwirtschaftliche Betrieb von Ulrike Pucheggers Eltern war lange Zeit verpachtet. Vor sieben Jahren wollten die gelernte Umwelttechnikerin und ihr Mann Martin, der ebenfalls auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, zu ihren Wurzeln zurückkehren. Deshalb nahmen sie die Bewirtschaftung des Hofs selbst in die Hand, stellten ihn auf den ökologischen Landbau um und überlegten, welcher Betriebszweig am besten zu ihnen passt. „Weil wir den Hof im Nebenerwerb führen wollten, kam die Milchproduktion für uns nicht in Frage, und so kamen wir auf Puten“, sagt Martin Puchegger.

Drei Jahre lang haben die landwirtschaftliche Facharbeiterin und der forstliche Facharbeiter geplant, sich beraten lassen und Bioputen-Betriebe besichtigt. Mit der Baubewilligung für einen Stall mit 2500 Puten verhandelten die Pucheggers mit Österreichs einzigem Schlachtbetrieb für Bioputen. „Schnell haben wir begriffen: Er liefert die Küken und das Futter, nimmt uns die Puten ab, schlachtet und vermarktet sie und bestimmt den Preis“, blickt der 39-Jährige zurück. „Unser Bauchgefühl sagte uns: Wenn wir schon so viel Geld für den Stallbau in die Hand nehmen müssen, wollen wir mehr Selbstbestimmung. Nachdem es in unserer Region keinen Bioputen-Betrieb gibt, die Nachfrage aber vorhanden ist, fiel unsere Wahl auf die Direktvermarktung von Putenfleisch."

Puten

„Wer sich für den Ab-Hof-Verkauf entscheidet, sollte den Kontakt mit Kunden nicht scheuen“, empfiehlt Puchegger. „Dazu gehört auch der Mut, Betreiber von Großküchen anzusprechen und vor Preisdiskussionen nicht zurückzuschrecken.“ Bereits während der Stallbauphase hat das Betriebsführerpaar zahlreiche potenzielle Kunden besucht.

Letztlich konnten sie neben einigen Gastronomen auch die Niederösterreichische Landeskliniken-Holding überzeugen. Regelmäßig werden mehrere Kliniken in der Region mit tiefgekühltem Bioputenfleisch beliefert.
„Die für die Direktvermarktung notwendigen Investitionen sollten aber nicht außer acht gelassen werden. Für die Registrierkasse, den Kühl- und Tiefkühlraum, den Kühltransportanhänger, die Vakuumier- und Etikettiermaschine mussten wir schon tief in die Tasche greifen.“

Immerhin schrumpfte durch die Neuausrichtung nicht nur das Stallkonzept auf ein Fünftel, sondern auch die Investitionskosten. „Damit war gesichert, dass wir die Schulden auch dann mit unserer außerbetrieblichen Arbeit bezahlen, wenn wir scheitern sollten. Die Entscheidung war die einzig richtige, weil wir jetzt die Küken und das Futter kaufen, wo wir wollen. Wir bestimmen den Zeitpunkt der Einstallung, die Anzahl der Tiere und wir schlachten, wann wir wollen.“

Stall mit großem Auslauf und viel Licht

Pute

Der Bioputenstall entstand auf einer Wiese unterhalb des Dreiseithofs. Dabei wurde großes Augenmerk auf möglichst ökologische Baustoffe gelegt, außerdem sollte der Stall energieautark sein. Als Dämmmaterial für die Bodenplatte kam das umweltfreundliche Recyclingmaterial Glasschaumschotter (Geocell®) zum Einsatz. Die Umhüllung des Putenstalls besteht aus einer stabilen Holzbinderkonstruktion, auf der ein Dach aus isolierten Sandwichplatten ruht. Eine 1,20 m hohe Betonwand, nur unterbrochen von den Schlepperzufahrten, zieht sich um die gesamte Anlage und trennt sie in Scharrraum und Maststall.

Über Luken in den Betonwänden gelangen die Puten vom Stall in den Scharraum und bei geeigneter Witterung von dort in das 0,5 ha große Freigehege mit Wiese und Wald. Die Grundfläche des Stalls beläuft sich auf 200, des Scharrraums auf 80 m². Isolierpaneele an den Außenwänden halten die Wärme im Stall. Der Besatz ist auf 28 kg Pute pro m² ausgerichtet.

Zwei kunststoffverglaste Lichtbänder an den Längsseiten sorgen für ausreichend Tageslicht im Stall. Windnetze schützen den Scharrraum vor Zug und Kälte. An den Schlepperzufahrten zum Scharrraum, über die nicht nur eingestreut und entmistet, sondern auch die Herde auf- und abgeladen wird, sind windabweisende Rollnetze angebracht. Sowohl der Stall als auch der Scharrraum werden mit betriebseigenem Stroh eingestreut. Ihr Trinkwasser erhalten die Puten aus einer durchgehenden Wasserleitung mit Tränkenippeln, ihr Futter aus automatisch nachfüllenden Futterschalen. Sowohl die Wasserleitung als auch die Futterbahn lassen sich hochziehen, um die Arbeit im Stall zu erleichtern.

Teils hofeigenes Futter und Infrarotheizung

Stall

Fertig pelletiertes Futter bezieht der Betrieb zum Teil von der Mühle Pöttelsdorf, der Rest wird am Hof produziert. Insgesamt drei Silos sind jeweils mit Start- und Endfutter sowie hofeigenem Futter befüllt. Eine automatische Regelung sorgt dafür, wie viel Futter von welchem Silo zu den Tieren kommt. „Ich starte mit fünf Prozent Eigengetreide bis zu einer maximalen Zugabe von 40 Prozent.“

Mit Blick auf die Stalltechnik hat sich der Betriebsführer ausgetobt. „Dabei kamen mir die Kenntnisse als Heizungstechniker entgegen und meine Ideen sind alle aufgegangen.“ Üblicherweise wird die Wärme in Geflügelställen mit Heizkanonen erzeugt. Sie machen allerdings viel Lärm, wirbeln Staub auf und sind recht wartungsintensiv. Puchegger entschied sich deshalb für eine strombetriebene, indirekte Infrarotheizung. Wenn die 35 Tage alten Küken auf den Hof kommen, beträgt die Stalltemperatur im Winter 26 °C und wird kontinuierlich auf 18 °C gesenkt. Im Sommer wird nicht geheizt. Die Infrarotpaneele lassen sich je nach Bedarf in der Höhe verstellen.

Den Strombedarf von jährlich 30 000 kW/h für Heizung, Fütterungsanlage, Lüftung und Licht produziert eine 30-kW-Photovoltaikanlage auf dem Stalldach. „Nachdem im Stall alle wichtigen Komponenten vollautomatisiert sind und die Steuerung über das Internet läuft, kann ich guten Gewissens zur Arbeit gehen“, sagt Puchegger. „Störungen werden auf mein Handy übertragen und im Notfall ist immer jemand vor Ort, der nachsehen kann.“

Im Technikraum hat der Betriebsführer ein „Schaufenster“ zum Stall angebracht. „Hier können wir unseren Kunden zeigen, wie unser tierwohlfreundliches Haltungssystem funktioniert.“ Der Stallbau wurde mit einer großen Portion Eigenleistung und ausschließlich regionalen Firmen in nur zwölf Wochen fertiggestellt. „Schon das Personal der Firmen fand unsere Idee gut und kauft bei uns ein“, sagt Puchegger.

Zweimal im Jahr neue Küken eingestallt

Die Küken bezieht die Familie von Biozucht-Betrieben in Niederösterreich, Burgenland oder der Steiermark, je nachdem wer zum geforderten Zeitpunkt die entsprechende Menge zur Verfügung stellen kann. Zweimal jährlich werden 400 und vor Weihnachten 600 Küken eingestallt. Der große Stall sorgt für eine sehr geringe Ausfallrate von nur 1 bis 3 %. Die Mast dauert maximal 20 Wochen, dann haben die Puten ihr Schlachtgewicht von rund 10 kg erreicht. Weil die Kunden für die Weihnachtsfeiertage am liebsten ganze Puten bestellen, sucht der Biobauer eine Woche vorher 200 der kleinsten Tiere aus und schlachtet sie. „Dann sind sie 16 Wochen alt, wiegen vier bis sieben Kilogramm und passen in jedes Backrohr.“

Mit dem Einstieg in die Landwirtschaft hat Martin Puchegger seine berufliche Arbeitszeit auf eine 30-Stunden-Woche verkürzt. Für die jährlich viermal durchzuführenden Schlachtungs- und Verarbeitungsprozesse benötigt er im Schnitt 14 Tage. „Die zwei Wochen sind sehr arbeitsintensiv. Beim Schlachten, Zerlegen, Vakuumieren und Etikettieren helfen meist noch fünf bis sechs Personen mit.“

Vermarktung an Kliniken und Privatkunden

Wurst

Private Kunden holen ihr bestelltes Frischfleisch ab Hof. Um die Verbraucher ganzjährig mit Putenfleisch zu versorgen, wurde dort neben einem Kühlraum auch eine Tiefkühlzelle eingerichtet. „Letztere haben wir vor allem für die Krankenhäuser angeschafft, um eine ganzjährige Belieferung zu gewährleisten“, erklärt Martin Puchegger. Nur dadurch sei die Familie mit dem Betreiber ins Geschäft gekommen. „Die Kliniken beliefern wir regelmäßig mit den gewünschten Bioprodukten. Sie nehmen uns auch die Knochen, Kragen und Karkassen ab und verwenden diese Teile für die Herstellung von Geflügelsuppe.“

Einen Teil des Fleisches liefert die Familie an einen Metzger, der für sie verschiedene Wurstsorten zur Direktvermarktung herstellt. „Normalerweise wird bei der Putenwurstproduktion Schweinefett verwendet, bei uns ist alles 100 Prozent Pute.“ Der Hofladen ist jeweils am ersten Samstag im Monat von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Solange der Vorrat reicht, können die Kunden neben Tiefkühl- und Wurstwaren von der Pute auch hofeigene Säfte, Marmeladen, Chutneys, saisonal frisches Obst sowie Mehl, Nudeln und Reis vom Einkorn kaufen. „Wir freuen uns besonders, dass uns die Kliniken auch unseren Einkornreis abnehmen“, sagt Puchegger. Weil auch die Bio-Einkornprodukte bei den Kunden reißenden Absatz finden, wurde der Anbau heuer auf einen Hektar erweitert.

Getreide als Futter und für die Direktvermarktung

Die Familie versendet ihre Produkte auch österreichweit mit der Österreichischen Post via „Next-Day-Fresh-Frischeversand“ in umweltfreundlichen Mehrweg-Kühlboxen. „Eigentlich haben wir erwartet, dass unsere Kunden dieses Angebot mehr annehmen, aber die meisten wollen lieber auf den Hof kommen, unsere Landwirtschaft kennenlernen und einen persönlichen Bezug zum Produkt haben.“

Zum Betrieb gehören 35 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. „Wir bewirtschaften allerdings nur 14 Hektar, die restlichen Flächen haben wir an Berufskollegen verpachtet. Für unsere Produktion benötigen wir nicht so viele Flächen und die Bauern in der Region sind froh, wenn sie welche pachten können.“ Angebaut werden Weizen und Triticale für die Puten sowie im Wechsel Kleegras und Einkorn für die Direktvermarktung.

Betrieb verbessern aber nicht erweitern

Eine Erweiterung der Putenbestände kommt für die Familie nicht infrage. „Mit der jetzigen Betriebsgröße haben wir unser Auskommen. Als kleiner Familienbetrieb vermarkten wir jährlich immerhin 15 Tonnen Fleisch. Wir wollen regional bleiben und überlassen die weitere Bedienung des Marktes anderen Betrieben. Nachdem immer öfter Exkursionen am Hof stattfinden, wollen wir eher eine Bewirtung ins Auge fassen.“ Außerdem stehe in weiterer Zukunft die Einrichtung eines schönen Hofladens an, weil für den Verkauf derzeit noch der Schlachtraum herhalten muss. Weitere Optionen, sind die Intensivierung der Wertschöpfung durch den Ausbau der Veredelung und die Renovierung der uralten Stallgebäude, um dort irgendwann selbst die Eintagsküken aufzuziehen.