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Versorgungssicherheit

Ukrainekrieg: Lockerungen für Vorrang- und Bracheflächen gefordert

Josef koch
Josef Koch
am Dienstag, 08.03.2022 - 19:02

In Österreich wächst der Druck auf schnelle Kurskorrekturen in der Agrarpolitik. Im Gegensatz zu Deutschland ist Agrarministerin Köstinger offen dafür.

Sojabohnen_Aussaat

Der Krieg in der Ukraine hat massive Auswirkungen auf die weltweite Lebensmittelversorgung. Wie in Deutschland wächst der Druck auf eine Korrektur der Agrarpolitik. Österreichs Regierung zeigt sich aber offener gegenüber notwendigen Anpassungen.

Mit einem Anteil von 30 Prozent sind Russland und Ukraine zusammen die größten Weizen-Exporteure, auch 20 Prozent des Mais-Exportes entfallen auf diese beiden Länder. Wegen des möglichen Ausfalls der „Kornkammer“ Europas mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden auf unabsehbare Zeit gehen die Preise auf den Rohstoffbörsen bereits durch die Decke.  

Der Präsident des Österreichischen Bauernbundes, Georg Strasser, fordert daher die Absicherung der Lebensmittelproduktion in Europa, auch um die weltweite Versorgungssicherheit weiterhin gewährleisten zu können. „Wir brauchen jeden Quadratmeter Boden," so Strasser.
 

Soll man agrarpolitische Themen wie Rote Gebiete oder Stilllegung mit dem Ukrainekrieg verknüpfen?

Choices

Strasser mahant schnelle Entscheidungen an

Strasser-Georg-Gespräch

Er kann sich nicht vorstellen, jetzt wertvolle Ackerflächen stillzulegen, wie es der Green Deal vorsieht. Dies gefährdet die Versorgungssicherheit und würde eine humanitäre Krise verschärfen. „Wir brauchen eine krisenbedingte Kurskorrektur in der europäischen Agrarpolitik. Europa kann sich jetzt keine Ertragsreduktion leisten. Die Entscheidung über den Anbau von Getreide, Mais, Sojabohne oder Sonnenblumen und somit auch über die nächste Ernte fällt jetzt im März.“

Neben der Unsicherheit auf den Agrarmärkten drohe aufgrund der hohen Gaspreise zudem eine Verknappung bei Düngemitteln, verweist Strasser auf internationale Marktbeobachter und deren warnende Prognosen. Als sei das nicht schon genug, will die OMV-Tochter Borealis indes auch ihre Stickstoff-Düngemittelsparte an einen russischen Konzern verkaufen. „Die offenbar weit fortgeschrittenen Verkaufsverhandlungen müssen sofort gestoppt werden, Österreichs bekannteste Stickstofferzeugung in Linz muss im eigenen Land, die Düngemittelversorgung generell in europäischer Hand bleiben.“

UBV für Bürokratieabbau

Keplinger-Karl-UBV-Österreich

FPÖ-Agrarsprecher Peter Schmiedlechner findet es gut, dass Bauernbundpräsident Strasser nun auch für eine Kurskorrektur in der europäischen Agrarpolitik sei. „Es ist erfreulich, dass Strasser meine Forderung übernommen hat, was zumindest die Flächenstilllegung der Agrarflächen betrifft,“ so der FPÖ-Nationalrat. Um die umfassende Selbstversorgung der eigenen Bevölkerung auf längere Zeit sichern zu können, sei vor allem eine Stärkung der heimischen landwirtschaftlichen Produktion unabdingbar. Hier vermisst er aber vonseiten der ÖVP-Ministerin Köstinger konkrete Lösungsvorschläge. kritisierte der FPÖ-Agrarsprecher.

Der Unabhängige Bauernverband (UBV) verlangt von Agrarministerin Köstinger ein Überdenken der Agrarpolitik und die „überzogene Bürokratie“ abzuschaffen. Das rette die Höfe und sorge für eine bessere Selbstversorgung. UBV-Präsident Karl Keplinger hat kein Verständnis dafür, dass in Österreich die Kontrollquote mit 5 % mehr als doppelt so hoch ist, wie die EU vorschreibt. Er moniert vor allem die zahlreichen Flächenvermessungen, wo doch die Daten schon längst vorlägen.

EU-Abgeordnete verlangen Stilllegung auszusetzen

Bernhuber-Schmiedtbauer

Nach Auffassung der EU-Abgeordneten Simone Schmiedtbauer (ÖVP) müssen die „Farm to Fork“-Strategie oder die Biodiversitätsstrategie neu bewertet werden. Zusammen mit ihrem Kollegen Alexander Bernhuber fordert sie die Kommission auf, stillgelegte EU-Anbauflächen vorrübergehend für die Lebensmittelproduktion freizugeben, statt die Stilllegung weiter zu erhöhen. Alleine in Österreich könnte nach Schmiedtbauers Angaben rund 27.000 t Weizen mehr geerntet werden könnten. „Die rund 45 Millionen Brote, die man damit backen könnte, wären ein wichtiger Beitrag zur Ernährungssicherheit in Europa und in der Welt,“ so die EU-Abgeordnete.

Im Gegensatz zu Deutschland unterstützt Österreichs Agrarministerin Köstinger Frankreich in der Forderung, für 2022 Ausnahmebestimmungen bei ökologischen Vorrangflächen vorzusehen und die 4%.ige Flächenstilllegung auszusetzen. Auch sollten Pflanzenschutzmittel bei Eiweißpflanzen erlaubt werden. Beim nächsten Ratstreffen Ende März will Köstinger zusammen mit Frankreich einen Vorschlag für eine europäischen Eiweißstrategie vorlegen.
 

Krisenstab eingerichtet

Zudem sei im Ministerium ein Krisenstab eingerichtet, der sich mit der Gewährleistung der Versorgung mit Lebensmitteln aber auch Betriebsmittel auseinandersetze, so die Ministerin. „Wir beobachten die Situation genau. Falls es zu Verwerfungen kommt, können wir somit jederzeit reagieren. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln muss in Österreich zu jederzeit gewährleistet sein,“ so Köstinger.

Im Gegensatz zu anderen EU-Mitgliedstaaten importiert Österreich laut Ministerium keinen Mais aus der Ukraine. Die Preise befinden sich bereits seit dem Vorjahr auf einem hohen Niveau, der durch den Ukraine-Russland Konflikt noch massiv verstärkt wird. Zusätzlich haben auch die insgesamt gestiegenen Energie- und Inputkosten einen Einfluss auf die Preisgestaltung.