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Zukunftsperspektiven

Tiergestützte Therapie: Hohe Qualität ist das A & O

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Patrizia Schallert
am Mittwoch, 08.12.2021 - 12:27

8. Green Care Tagung: Seminar- und Auszeithof sowie Tiergestützte Therapie für unterschiedliche Zielgruppen sind Beispiele für die Praxis.

Wien Um Zukunftsperspektiven für den ländlichen Raum ging es auch im zweiten Teil der achten GreenCare-Tagung, die online durchgeführt wurde (das Wochenblatt berichtete in Heft 46). Diesmal standen die Berichte von Praktikern im Vordergrund. Elisabeth und Manfred König und Marianne Edelbacher stellten ihre landwirtschaftliche Betriebe vor und erläuterten, wie sie im Rahmen des GreenCare-Konzepts mit Leidenschaft und Kompetenz soziale Dienstleistungen auf ihren Höfen umsetzen.

Gratzgut: Seminar- und Auszeithof in Tamsweg

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Elisabeth und Manfred König betreiben den „Gratzgut Seminar- und Auszeithof“ in Tamsweg im Salzburger Land, Marianne Edelbacher den „Hof Schwechatbach“ in Alland in Niederösterreich. Die Königs hatten ihren Biobetrieb 2004 übernommen und ließen sich vier Jahre später GreenCare-zertifzieren. Sie bewirtschaften 4 ha Wechselwiese (jährlich Anbau von rund 1 ha Lungauer Tauernroggen), 5 ha mehrmähdiges Grünland, 7,5 ha Hutweide und 1 ha Wald. Zum Hof gehören eine Mutterkuhherde, Tauernschecken-Ziegen, Schweine, Legehennen, Kaninchen und Katzen.

Die Angebote für Kinder, so auch im Rahmen von Schule am Bauernhof, liegen in der Hand der 38-jährigen Biobäuerin. Sie ist ausgebildete Kindergartenpädagogin, Montessori- und Marchtal-Pädagogin, Horterzieherin und Fachkraft für tiergestützte Intervention, bietet Eltern-Kinder-Gruppen, tiergestützte Intervention, Kinderworkshops oder Kindererlebnistage am Bauernhof an.

Potenzial für Gesundheit selbst erfahren

Manfred König hat Ausbildungen zum Kfz-Mechaniker, Schweiß-Werksmeister und landwirtschaftlichen Facharbeiter absolviert. Durch die Doppelbelastung von Beruf und Landwirtschaft geriet der Biobauer in eine persönliche Krise. Sie zwang ihn, sich neu zu orientieren und mehr mit seiner Gesundheit auseinanderzusetzen. „In dieser Zeit des Umbruchs habe ich das Potenzial unserer Landwirtschaft erkannt“, sagte König. In der Arbeit am Betrieb und der Tätigkeit mit den Tieren und in der Natur habe er wieder zu sich selbst gefunden und die Idee entwickelt, den Betrieb als Auszeithof umzugestalten. Damals war dem Betriebsführerpaar der Verein GreenCare noch nicht bekannt.

Zusatzausbildungen und neue Räumlichkeiten

Damit König seinen Auszeithof aufbauen und mit Menschen arbeiten konnte, absolvierte er zahlreiche Ausbildungen, beispielsweise zum diplomierten Shiatsu-Praktiker, Lebens- und Sozialberater oder zum Taiji Quan-Lehrer. Außerdem wurden das Gratzgut generalsaniert und eine Seminarküche, Behandlungs- und Seminarräumlichkeiten geschaffen. Der Seminarraum wird auch vermietet. Für die Verköstigung der Kunden schloss der Betriebsführer die Gastgewerbeprüfung ab.
Auf den arrondierten Flächen führt der 42-Jährige zahlreiche gesundheitsfördernde Übungen in freier Natur mit seinen Klienten durch. In der Mitte eines schön angelegten Kräutergartens sind eine Feuerschale und Sitzplätze aufgebaut, die abends zum gemütlichen Beisammensein einladen. Das Auszeit-Hof-Angebot ist vielfältig, die Kosten für Tagesseminare belaufen sich auf 130 €, für Mehrtagsseminare je nach Dauer auf 320 bis 1250 €, jeweils einschließlich der Verpflegung. Manfred König möchte auch Männer für seine Seminare begeistern und vor allem mit Blick auf das Burn-out-Syndrom sensibilisieren.

Immer mehr Menschen brauchen Auszeiten

Er weiß nicht nur aus eigener Erfahrung, was „Auszeit“ bedeutet, sondern belegte die Folgen eines Auszeit-Mangels auch mit Zahlen. Seit Mitte der 1990er Jahre habe sich die Zahl der Krankenstandstage infolge psychischer Erkrankungen von 0,4 auf 1,2 Tage nahezu verdreifacht. 2015 waren psychische Erkrankungen mit 29,3 % die zweithäufigste Ursache aller Neuzugänge der Pensionen aufgrund verminderter Arbeitsfähigkeit. Außerdem sei jeder dritte Österreicher vom Burn-out-Syndrom bedroht.
Auf der anderen Seite steige der Trend zur Nachhaltigkeit, Regionalität und Natur. „Die Menschen besinnen sich wieder ihrer Wurzeln“, bestätigte König. Im Urlaub wollten immer mehr Menschen nicht nur bespaßt werden, sondern auch etwas für ihre Gesundheit tun. Der Trend zur Selbstfindung und Potenzialentfaltung sei deutlich spürbar. „Das ist ein großes Potenzial für einen Auszeithof, das wir nützen können, indem wir entsprechende Programme anbieten.“

Gesundheitsfördernde Effekte sind belegt

Es gebe zahlreiche Studien, die gesundheitsfördernde Faktoren auf einem GreenCare-Betrieb belegen, seien es die ländliche und ruhige Umgebung, das Eintauchen in eine ungewohnte Welt oder der Kontakt mit Natur, Tieren und gleichgesinnten Menschen. „Allein schon die Erkenntnis, wie die Lebensmittelproduktion funktioniert, löst bei vielen Kursteilnehmern ein Aha-Erlebnis aus.“ König empfindet das Bauersein als körperliche, sinnstiftende Arbeit, bei der er abends sieht, was er tagsüber geschaffen hat. Durch die körperliche Müdigkeit kann er wieder gut schlafen.
Mittels Feedback-Bögen evaluiert das Betriebsführerpaar die Stimmung ihrer Seminar-Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Wir haben durchweg positive Resonanzen, nicht nur in Bezug auf die Seminarinhalte, sondern auch auf die Gastfreundschaft, den Aufenthalt am Hof und das ganze Drumherum.“
Durch die Zertifizierung des Gratzguts zum GreenCare-Auszeithof sind Manfred in Vollzeit und Elisabeth zu 75 % beschäftigt. Unterstützung erhalten die beiden von ihren Eltern und Geschwistern. Geplant ist Elisabeths 100prozentige Beschäftigung am Hof. Dafür soll Verstärkung im Büro, Marketing und Haushalt angestellt werden.

Kooperation mit SVS und Vermietern gewünscht

„Obwohl wir etwas blauäugig in unser Projekt gestartet waren, sind wir jetzt grundsätzlich zufrieden“, sagte der Biobauer. „Wir mussten aber erkennen, dass der Aufbau sehr arbeitsintensiv war und ist.“ In der Corona-Pandemie sieht er Gefahren, aber auch Chancen für den Auszeithof. Für die Zukunft erhofft sich das Betriebsführerpaar den SVS-Gesundheitshunderter auch für ihre Angebote und mehr Kooperationen mit der Hotellerie oder anderen Unterkunftsvermietern, nachdem es auf dem Gratzgut keine Beherbergungsmöglichkeit gibt. Eine große Herausforderung sei die Werbung für ihre Angebote im städtischen Bereich. „Hier benötigen wir dringend marketingtechnische Unterstützung.“

Tiergestützte Intervention am Hof Schwechatbach

Der Hof Schwechatbach im Biosphärenpark Wienerwald ist ein Zentrum für tiergestützte Intervention am Bauernhof. Marianne Edelbacher bewirtschaftet 10 ha Grünland und Wald. Bis die Betriebsführerin die „ganzheitliche Idee“ hatte, den Menschen die Natur und seine natürlichen Kreisläufe näherzubringen, waren die teils steilen Flächen verpachtet. Ein großes Anliegen war ihr immer der gute Umgang mit den Nutztieren.
Ihre Eltern hatten den Schafzuchtbetrieb im Nebenerwerb geführt. Die diplomierte Kinderkrankenschwester begann 2011 mit der Revitalisierung des Hofs. Nachdem sie ein Praktikum am „Sterntalerhof – Kinderhospiz und Familienherberge“ in Loipersdorf-Kitzladen im Burgenland gemacht hatte, wuchs in ihr der Wunsch mit Kindern und Tieren zu arbeiten.
In der Folge absolvierte Edelbacher verschiedene Ausbildungen, beispielsweise zur tiergestützten Intervention, integrativen Voltigier- und Reitpädagogik, sensorischen Integration, Voltigierübungsleitung sowie die Zertifikatslehrgänge „Schule am Bauernhof“ und „Gesundheit fördern am Hof“. 2014 gründete sie mit zwei Kollegen den Therapieverein Hof Schwechatbach.

Interdisziplinäres Team und Co-Therapeut-Tiere

Am Hof arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Sozial-Pädagogen, Psychologen, Therapeuten, Ergotherapeutin und Edelbacher als Dipl. Krankenschwester. Sie alle haben Zusatzqualifikationen, damit sie im tiergestützten Bereich mitarbeiten können und dürfen. „Das ist wichtig, um mit Tieren arbeiten zu können, da reicht Tierliebe allein nicht“, betonte Edelbacher. Natürlich verfügten alle ihre Mitarbeiter über eine jahrelange Praxiserfahrung in der therapeutischen und pädagogischen Arbeit mit Mensch und Tier.
Die Co-Therapeuten am Hof sind acht Pferde, dazu Schweine, Ziegen, Lamas, Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen und zwei Hunde. „Die Tiere wurden mit einem speziellen respekt- und liebevollen Training ausgebildet, damit wir sicher mit unseren Klienten und Klientinnen arbeiten können.“ Aufgrund des großen Teams sind die Zielgruppen breit gefächert. „Wir möchten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit sozialer, kognitiv-emotionaler oder geistiger Behinderung ansprechen, aber auch Menschen mit Teilleistungs- und Lernschwächen, Wahrnehmungs- und Sprachstörungen, Problemen im emotionalen und sozialen Bereich oder mit psychiatrischen Erkrankungen.

Spaß für die Kinder soll im Vordergrund stehen

„Zu uns kommen auch akut und chronisch erkrankte Kinder“, sagte Edelbacher. Was ihr ganz wichtig ist: Auch Geschwister von chronisch erkrankten Kindern betreut sie am Hof, weil diese von ihren Eltern oft weniger Aufmerksamkeit bekommen. „Dafür haben wir mehrmals im Jahr das Auszeitprojekt Geschwister am Hof, bei dem wir mit verschiedenen Organisationen zusammenarbeiten.“ Auch Senioren und Seniorinnen seien herzlich willkommen.
Das Angebot am Hof Schwechatbach erstreckt sich von Freizeit über Therapie bis hin zur Pädagogik. Zu den Freizeitangeboten zählen „Die Zwerge entdecken den Bauernhof“, Kindergeburtstage, das Generationenprojekt „Alt und Jung“, eine Krafttankstelle für Erwachsene, erlebnispädagogische Angebote im Jahreszyklus, Nachmittagsbetreuung für Volksschulkinder oder Reit- und Voltigierunterricht. „Bei uns soll der Spaß im Vordergrund stehen und dass die Kinder Zeit mit Tieren und in der Natur verbringen können.“
Mögliche therapeutische Ziele seien Angst- und Aggressionsabbau, Mobilisierung der Körperfunktionen, Stärkung des Selbstvertrauens und ganzheitlichen Sinneswahrnehmung, Schulung des Verantwortungsbewusstseins oder Verbesserung der Kommunikationsfähigkeiten.
Edelbacher ließ den Hof 2015 GreenCare-zertifizieren und 2019 rezertifizieren, um sich von anderen Betrieben abzugrenzen und die Qualitätssicherheit zu gewährleisten. Auch schätzt sie die Unterstützung der Landwirtschaftskammer. Die Kosten für eine TGI-Einheit belaufen sich auf 120 €. „Die Preise stehen bewusst nicht auf der Website, damit niemand abgeschreckt wird.“ Für Menschen, die sich die Therapie nicht leisten können, versucht die Betriebsführerin über ein Sponsoring das nötige Geld zu erhalten.

Viele Partner und weitreichendes Marketing

Für das Marketing über lokale und soziale Medien, die Homepage, Folder, Newsletter, Infostände bei Veranstaltungen oder Bauernhofbesichtungstagen ist meist Edelbacher verantwortlich. Zu den Partnern des GreenCare-Betriebs zählen das Landesjugendheim Pottenstein, die Sportunion, der Sterntalerhof, GreenCare Österreich, der Psychologe und Buchautor Dr. Georg Fraberger, das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl und verschiedene Einrichtungen der Caritas.
Abschließend fasste GreenCare-Obmann KDir. Ing. Robert Fitzthum zusammen, wie wichtig die Qualifikation und Qualitätssicherung für die Betriebe ist. „Dass Aus- und Fortbildung, Qualifikation und Qualitätssicherung Hand in Hand gehen, ist das Erfolgsgeheimnis von GreenCare, denn sowohl die Betriebsführer und Betriebsführerinnen als auch die Klienten und Klientinnen sowie die Angehörigen wünschen sich Sicherheit.“