Pflanzenschutzmittel

Schlafzimmer-Studie weist gravierende Fehler auf

Josef Koch
Josef Koch
am Dienstag, 21.09.2021 - 18:16

Experten kritisieren fragwürdige Methodik und unzulässige Schlussfolgerungen der Global2000-Studie zu Pflanzenschutzrückständen in Schlafzimmern.

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Global 2000 hat heute (21.9.) gemeinsam mit der Europäischen Bürgerinitiative (EBI) eine Studie mit dem Titel "Pestizide im Schlafzimmer - Stichprobenuntersuchung von Hausstaub aus 21 EU-Staaten" veröffentlicht. Die Untersuchung zeige, "dass Innenräume von Wohnungen, die an landwirtschaftlich genutzte Gebiete angrenzen, mit einer Vielzahl von Pestiziden belastet sind", behauptet die Umweltorganisation und bezeichnet die Ergebnisse als "besorgniserregend". Diese Aussage stößt bei Agrarexperten auf heftige Kritik. Sie verweisen auf gravierende fachliche Mängel dieses Papiers und rufen zu mehr Sachlichkeit im Agrardiskurs auf.

"Die vorliegende Publikation beinhaltet unter anderem Umrechnungsfehler, welche die Ergebnisse dramatisch erscheinen lassen. Auch das Forschungsdesign entspricht bei Weitem nicht den wissenschaftlichen Standards, die etwa Industriestudien erfüllen müssen. So wurde nur eine einzige Probe in Österreich gezogen, aus der dann Rückschlüsse auf ganz Österreich abgeleitet werden", kritisiert der Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP), Christian Stockmar.

Ein besonders gravierender Fehler in dem NGO-Papier ist bei der Umrechnung der erhobenen Pestizidwerte passiert: Auf Seite 10 behaupten die Studienautoren: "Die höchste Pestizidbelastung (gemessen an der Gesamtmenge der nachgewiesenen Wirkstoffe) lag bei 4.942 mg/kg (Dänemark)." Tatsächlich wurden laut Tabelle 4.942 ng/g gemessen. Bei der Umrechnung von Nanogramm auf Milligramm wurde also im Text das Tausendfache des tatsächlich gemessenen Werts angegeben.

Obstbauern setzen auf verlustarme Sprühtechnik

Obstbau Österreich

Die einzige österreichische Probe, die in dieser Untersuchung ausgewertet wurde, stammt aus einem Intensivobstanbaugebiet. Auch hier geben die Experten zu bedenken, dass das Ergebnis keinesfalls repräsentativ für das ganze Land sein könne.

Der Bundesobstbauverband (BOV) wiederum weist darauf hin, dass in dem ORF-Bericht, in welchem die Studie vorgestellt wurde, eine veraltete, nicht mehr zeitgemäße Pflanzenschutztechnik gezeigt wurde. "Die Zukunft ist die verlustarme Sprühtechnik, sie findet immer größere Verbreitung im Obstbau. Eine spezielle Düsenbestückung in Verbindung mit einer optimierten Gebläseluftsteuerung sorgt für eine nachhaltige Verminderung von Pflanzenschutzmittel-Einträgen auf Nicht-Zielflächen. Die Abdrift kann dadurch um mehr als 90% reduziert werden", betont der BOV. Er bemüht sich, dass diese Technik noch breitere Verwendung in der Praxis findet. Dazu wäre es wichtig, sie in die Investitionsförderung der Ländlichen Entwicklung zu integrieren.
 

Kammer hält Methodik für intransparent

Experten der Landwirtschaftskammer (LK) Österreich äußern auch generelle Bedenken gegen die Methodik dieser Untersuchung. Es sei unseriös, Proben unter nicht definierten Entnahmebedingungen zu ziehen und aus einer einzigen Probe Rückschlüsse auf die Situation eines gesamten Landes zu ziehen. Außerdem treffe das in der Studie zugrunde gelegte Szenario auf die meisten Wohnungen und Wohnflächen in Österreich nicht zu, weil die Probe unmittelbar neben einer landwirtschaftlichen Nutzfläche gezogen wurde.

"Landwirte in Österreich arbeiten unter strengsten Auflagen. Für den Erwerb und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln müssen sie eine spezielle Ausbildung absolvieren. Geräte, mit denen sie Pflanzenschutzmittel ausbringen, müssen regelmäßig überprüft werden", so die LK-Experten.

Sie verweisen darüber hinaus auf die höchst aufwendigen, mehrstufigen und strengen Pflanzenschutzmittelprüf- und -zulassungsverfahren der europäischen und nationalen Gesundheitsbehörden. Einschlägige LKÖ-Projekte und regelmäßige Proben der AGES zeigten überdies, dass es in Österreich im Allgemeinen keine bedenklichen Rückstände und Belastungen von Erntegut gibt.

Trotz der fehlerhaften Studie will sich Global 2000 gemeinsam mit der Bürgerinitiative für eine "pestizidfreie Landwirtschaft in der gesamten EU" einsetzen.

Mit Material von aiz