Almabtrieb

Rausgeputzte Heimkehrer

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Max Riesberg
am Montag, 24.09.2018 - 12:15

Der alljährliche Almabtrieb in Tirol ist für die Bauern ein ganz besonderer Feiertag. Man ist froh, dass der Sommer am Berg gut war, und schmückt das Vieh. Das Wochenblatt war beim Auftakt dabei.

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Am Larchhof in Strass im Zillertal hat man die Tradition der „Hoamfahrt“ vor drei Jahren wieder zum Leben erweckt. Für Hannes Klausner und seine Familie ist der Tag des Almabtriebs der schönste im ganzen Jahr. „Mindestens so schön wie Weihnachten“, sagt der junge Landwirt. Schon tags zuvor wurde seine Braunviehherde mit dem Viehtransporter zu einer Wiese im Inntal gebracht. Hier wird sie jetzt geschmückt und herausgeputzt.

„Nach Schwaz sind es von unserer Alpe schon gut zweieinhalb Stunden mit dem Lkw. Knapp 200 Kilometer liegen Alm und Heimbetrieb aus- einander. Die letzten 14 Kilometer legen wir jetzt zu Fuß zurück“, sagt Hannes. Seit zwei Jahren hat der eingefleischte Braunviehzüchter die Sennalpe Raaz im Außerfern, Bezirk Reutte gepachtet. Das stellt die Familie vor einige Herausforderungen. Denn er, seine Frau Claudia und ihre Töchter Leonie und Luisa verbringen den Sommer dort, weit entfernt vom Heimbetrieb.

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„Den ersten Schnitt machen wir noch selbst, dann geben wir die Futterernte an einen Lohnunternehmer ab. Denn wir sind ja auf der Alpe“, berichtet der 31-jährige Larchhof-Bauer. 8 ha Grünland gehören zum Betrieb. 14 Milchkühe und deren Nachzucht stehen im Stall. „Auf der Alm sind es allerdings insgesamt 193 Stück Vieh. 48 Milchkühe haben wir dort zu melken sowie das Jung- und Galtvieh zu versorgen“, erzählt der Senner aus Leidenschaft.

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Ohne die vielen fleißigen Helfer, die Verwandten und Freunde würde es ohnehin nicht gehen, meint er ganz klar, erst recht nicht beim Almabtrieb. Nach etwa zwei Stunden und einigen Schweißperlen ist es vollbracht. Die Herde ist startklar. Jetzt legen die Treiber noch ihrer sauberen Hemden an und springen in ihre Lederhosen. Es folgt eine kurze Absprache, ein Schluckerl aus der Schnapsflasche, wie es zum Almabtrieb der Brauch ist, und dann setzt sich die prächtig herausgeputzte Karawane in Bewegung. Petrus meint es sehr gut mit den Heimkehrern, sommerliche Temperaturen und strahlender Sonnenschein bei herrlicher Bergkulisse, besser geht’s nicht. „Die Kühe gehen heute ganz super“, sagt Hannes und strahlt übers Gesicht, wie es eben Kinder an Weihnachten tun. Die ersten Zaungäste warten in Buch am Straßenrand. Die Almabtriebssaison ist eingeläutet.

Grunnacht alter Brauch

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Auf der Grafensalm, Gemeindegebiet Kolsassberg, sitzen am Vorabend des Almabtriebstages die Knapp-Söhne vom Diesinghof mit ihren Partnerinnen und einigen Freunden zusammen. Es ist die sogenannte Grunnacht oder das „Abkasern“, wie man mancherorts im Tirolerland sagt. „Zeit zum Abschiednehmen“, sagt der 25-jährige Florian Knapp, der dieses Jahr bereits zum fünften Mal als Senner auf der Alm war. Diese liegt auf gut 1750 m und ist somit eine Hochalm, die Mensch und Tier einiges abverlangt.

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20 Milchkühe, 16 Rinder, zehn Kälber sowie 85 Weiße Bergschafe und 15 Gämsfarbige Gebirgsziegen hatte Florian diesen Sommer an Eigenvieh zu versorgen, hinzu kamen weitere 15 Milchkühe sowie das Galtvieh von einem anderen Bauern der Almgemeinschaft. Da gab es einiges zu tun für ihn, der tatkräftig von seiner Freundin Martina und der Familie unterstützt wurde.

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Insgesamt 80 Milchkühe und über 50 Stück Galtvieh werden von fünf Bauern der sieben Almrechtler auf die Grafensalm aufgetrieben. Die anderen Gräser (Weiderechte) wurden aufgeteilt. Die Rinder weiden bis auf 2300 m unter die Gipfel von Hirzer, Hippold, Grafener Spitz, dort wo am frühen Morgen des Almabtriebs der Steinadler seine Kreise zieht.

Früher Auftrieb

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„So früh wie in diesem Jahr sind wir noch nie mit dem Vieh auf die Alm gefahren“, erzählt Florian Knapp und erinnert sich an den 30. Mai, den Tag des Almauftriebs, zurück, der heuer zum zweiten Mal mit dem LKW erfolgte. Sein Bruder Andreas, der Jungbauer am Diesinghof, fügt hinzu: „Der Winter war streng, mit viel Schnee. Aber den hat der Wind im Frühjahr innerhalb von zehn Tagen weggefressen. So war die Weide Ende Mai schon sehr weit.“ Der Sommer sei dann ausgezeichnet gewesen, da es hier im Gebirge immer wieder einen Regenschauer gegeben habe und das Futter gut gewachsen sei. „So einen bärigen Sommer weiß ich noch nie“, sagt Senner Florian wehmütig.

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Um 9 Uhr brechen die Hoamfahrer auf der Grafensalm auf. Die Weiden sind abgefressen und die Tiere spüren, dass es jetzt nach Hause geht. Bauer Hermann Knapp geht voraus, gefolgt von den älteren Kühen, die den Weg ganz genau kennen und ein ordentliches Tempo vorlegen. Ein letzter Blick zurück zu den Hütten und zum Almboden, wo nun endlich auch die Morgensonne angekommen ist. „Es ist einfach Zeit zu gehen“, sagt Andreas Knapp. Auch wenn das Wetter jetzt noch so schön sei, könne es nun schnell umschlagen. „Und dann wird es ungemütlich. Im vergangenen Jahr hat es in der Früh des Almabtriebstages sogar geschneit“, erzählt Andreas.

Zwischenstopp macht die Heimkehrer-Karawane nach etwa eineinhalb Stunden in der Teglau. Dort warten schon viele Freunde und Bekannte, um jetzt beim Saubermachen und Aufkranzen der Tiere zu helfen. Vor allem Bäuerin Christine Knapp war in der vergangenen Woche damit beschäftigt, die Aufstecker aus Natur- materialien wie Almrosenkraut, Hoa- dach, Latschen, Strohblumen, Getreideähren und Nelken zu binden. Nun sitzt wieder jeder Handgriff beim Helfertrupp. Senner Florian teilt jedem Stück Vieh den passenden Schmuck und die richtige Glocke zu.

Das letzte Stück des Heimweges – ingesamt sind es 17 km von der Alm zum Hof – säumen jetzt zahlreiche Schaulustige. Und man hätte sich kein schöneres Herbstwetter wünschen können. Am Diesinghof findet in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal das große Almabtriebsfest statt, zu dem rund 800 Gäste gekommen sind. „Ohne die tatkräftige Unterstützung des Bergschafzuchtvereins Weerberg könnten wir es in diesem Rahmen nicht stemmen“, sagt Hermann Knapp und ist froh, dass Mensch und Tier wohlbehalten zu Hause sind. Seine Braunviehherde hat sich inzwischen im frischen Gras niedergelassen, rastet und träumt wahrscheinlich vom herrlichen Almsommer 2018.

Max Riesberg