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Klimawandel

Prognosen reichen bis zu 3,5 Grad

Waldstrategie_B
Paul Kannamüller
am Dienstag, 18.01.2022 - 09:36

Nicht nur der Wintertourismus ist in Österreich in Gefahr. Die Land- und Forstwirtschaft ist vom Klimawandel stark getroffen.

Innsbruck / Tirol „Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.“ Der Spruch des großen bayerischen Komikers Karl Valentin lässt sich auch auf die Erderwärmung übertragen, die bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 3 °C ansteigen könnte, abhängig davon, wie die einzelnen Staaten ihre Klimaschutzziele umsetzen. Für Österreich sagen die Prognosen im gleichen Zeitraum sogar eine Erwärmung von 3,5 °C voraus, weshalb nicht nur der Wintertourismus seine Zukunft in Gefahr sieht.

Mit am stärksten vom Klimawandel betroffen ist die Land- und Forstwirtschaft, die sich auf Ertrags- und Qualitätseinbußen einstellen müsse. Als „großer Verlierer“ wird häufig die Fichte genannt, die durch Trockenstress „stark unter Druck kommt“. In Tirol will man nun mit der „Waldstrategie 2030“ entgegensteuern, was heißt, den Wald so umzubauen, damit er den künftigen klimatischen Herausforderungen standhält.

Auswirkungen der Erwärmung sind spürbar

Die Vorhersagen über die Auswirkungen des Klimawandels seien rascher eingetroffen als vermutet, verlautete es jetzt aus der Tiroler Landesregierung. So hätte etwa die Anfälligkeit von Reinbeständen aus Fichte und Kiefer durch eine Vielzahl von Schadorganismen weiter zugenommen. Zahlreiche Borkenkäferkalamitäten und das Kiefernsterben im Tiroler Oberland machten das deutlich.
Noch brisanter seien temporäre Entwaldungen in den Schutzwäldern Osttirols, wo Schadereignisse in den Jahren 2018, 2019 und 2020 mit 1,5 Mio. m³ Schadholz besorgniserregende Spuren hinterlassen hätten. Nach den Worten von Umweltlandesrätin Ingrid Felipe sei es notwendig, „vom reinen Ertragsdenken zurück zu finden zu ursprünglichen und natürlichen Mischwaldformen, die weniger anfällig und widerstandsfähiger sind“. Laut Felipe waren Wälder und deren Nutzung „immer schon eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes verzahnt“.

Ziel sind mehr Mischbaumarten

„Unser Ziel ist es, den Tiroler Bergwald in all seinen Funktionen zu stärken. Dazu ist es notwendig, dass die Wälder mit Unterstützung des Forstdienstes nachhaltig bewirtschaftet werden“, so Forstreferent LHStv. Josef Geisler. Zudem solle der Bergwald als Einkommensquelle und Arbeitsplatz, als Schutzschild vor Naturgefahren, aber auch als Erholungs- und Naturraum erhalten und weiterentwickelt werden. Die Politik stehe zur „Waldstrategie 2030“ und werde die Rahmenbedingungen in finanzieller und struktureller Hinsicht dazu schaffen. Alle Dimensionen der nachhaltigen Waldbehandlung zu optimieren, stelle alle Beteiligten vor enorme Herausforderungen. Gerade die großen Schadereignisse der vergangenen Jahre hätten laut Geisler deutlich gezeigt, „wie wichtig ein schlagkräftiger Forstdienst vor Ort ist“.
Nach Angaben der Landesforstdirektion kommt es durch die Änderung der Klimabedingungen zu einer Verschiebung der Konkurrenzverhältnisse einzelner Baumarten und ganzer Ökosysteme. Vor allem die Baumartenzusammensetzung unterhalb von 1000 m Seehöhe verändere sich stark, dort wird die Fichte zugunsten von Buche, Eiche oder Linde zurückgehen. In den höheren Lagen verschiebe sich das Verhältnis zugunsten von Lärche, Kiefer und Tanne. Insgesamt seien in Tirol rund 45 000 ha Wald stark und unmittelbar betroffen, so die Landesforstdirektion. Die Auswertungen der Österreichischen Waldinventur zeigen, dass die Fichte kontinuierlich an Flächenanteilen im Ertragswald verloren hat – und zwar von knapp 60 % auf rund 53 %. Im selben Ausmaß nahmen Lärche, Zirbe, Buche, Tanne und sonstige Laubhölzer zu.

Klimawandel stärkerim Alpenraum

„Es weiß noch keiner so genau, wie sich der Klimawandel letztlich auf den Wald auswirken wird“, betont Waldbauer Stefan Gstir. Seine Strategie beruhe immer schon auf einem mehrstufigen Mischwald, der auch „stürmischen“ Zeiten standhält. Insbesondere in steilerem Gelände sei eine Bewirtschaftung seines Nutzwaldes harte Arbeit, die sich manchmal kaum auszahle. Die Herausforderung in den kommenden Jahren sei vor allem der Waldumbau zu vielfältigen Beständen. Gstir setzt hauptsächlich auf Naturverjüngung. Seine14,5 ha Wald verteilen sich über mehrere Standorte im Raum Niederndorferberg im Bezirk Kufstein. Gstir spricht von einem „großen Zeitaufwand“, wenn man einen stabilen Wald erhalten will.
Den klassischen Tiroler Nadelwald wird es auch in Zukunft geben, allerdings nur über 1000 m Höhe, so Landesforstdirektor Josef Fuchs. Ob der Waldumbau gelingt, hänge von der Mitwirkung der rund 35 000 Tiroler Waldbesitzer ab. Wurde die Idee des Mischwaldes vor zehn Jahren noch belächelt, sei der Klimawandel mittlerweile in den Köpfen der Waldbesitzer angekommen. Apropos Klimawandel: Gegenwärtig liege die mittlere Jahrestemperatur im Alpenraum um zwei Grad über dem langjährigen Durchschnitt; im Extremfall könnte sie bis zum Jahr 2100 auf plus 4 Grad steigen. Bei Bäumen führe das zu Trockenstress und mache sie wesentlich anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Gleichzeitig verschieben sich die Niederschlagsschwerpunkte vom Frühjahr/Sommer in den Herbst/Winter, also außerhalb der Vegetationszeit. Besonders auf Waldstandorte, die bereits jetzt unter Wassermangel leiden, hätte das „massive Auswirkungen“.