Direktvermarktung

Mobile Box mit Aha-Effekt

Direktvermarktertage online
Patrizia Schallert
am Freitag, 26.02.2021 - 18:08

Verkaufskonzepte, bei denen sich Kunden selbst bedienen können, haben viele Vorteile. Das zeigen die Bio Austria Bauerntage.

Direktvermarktung steht für hochwertige, regionale bäuerliche Produkte. Die Verbraucher wissen sie offenbar zu schätzen, wie der Trend zu heimisch erzeugten Lebensmittel nahelegt. Bei den Online-Direktvermarktertagen anlässlich der Bio-Austria-Bauerntage stellten Biobäuerinnen und -bauern ihre Vermarktungsstrategien vor. Im Vordergrund standen dabei Selbstbedienungsvarianten, die einen starken Aufschwung nehmen. Sie bieten Vorteile für die bäuerlichen Familien, indem sie ihnen mehr Freiraum und Zeit verschaffen. Die Kunden wiederum sind nicht an Öffnungszeiten gebunden.

Automatenverkauf und Gefriertruhe für Eis

DI Claudia Grasser-Elias, Bioberaterin bei Bio Austria Oberösterreich, und Stefan Kopeinig, Bioberater bei Bio Austria Kärnten, führten durch die Veranstaltung, zu der sich knapp 200 Teilnehmer angemeldet hatten. Josef Eisl junior sprach über die „Herausforderungen beim Einsatz von Verkaufsautomaten“. Seine Familie führt das Seegut Eisl in Abersee (Salzburg) mit 130 Ostfriesischen Milchschafen, 23 ha Grünland und 53 ha Wald. In der hofeigenen Käserei werden jährlich rund 45 000 kg betriebseigene und 40 000 kg Biomilch vom Hof des Onkels verarbeitet. Die Bioprodukte wie Schafmilch in Flaschen, Joghurt im Glas, Fruchtsirup, Marmeladen, Chutneys, Frischkäsevariationen und Schafwurstwaren werden an die Gastronomie, den regionalen LEH, den Großhandel für die Gastronomie und in Selbstbedienungsautomaten vermarktet.
Vor vier Jahren wagte die Familie den Schritt in die Speiseeisproduktion und eröffnete den ersten Schafmilcheis-Salon Österreichs in der Salzburger Altstadt. Zum Betrieb gehören auch das Solar- und Biomasse-Nahwärmewerk Farchen- Abersee und ein Campinggelände am Wolfgangsee mit rund 100 Standplätzen. Übers Jahr werden jeweils fünf Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit beschäftigt, im Sommer zusätzliche vier Mitarbeiter in Vollzeit und vier Praktikanten.
Einen Ab-Hofverkauf hat es bei uns immer schon gegeben“, sagt Juniorchef Eisl. Weil die Kunden tagsüber zu jeder Uhrzeit gekommen sind und um die Familie vor allem an Sonn- und Feiertagen zu entlasten, wurde vor sieben Jahren in den ersten Selbstbedienungsautomaten investiert. „Eigentlich wollten wir damals einen Verkaufsraum einrichten.“ Aber das sei sich zeitlich vor der Sommersaison nicht mehr ausgegangen. „Außerdem wären die Investitionskosten ziemlich hoch gewesen.“ Heute stehen jeweils zwei Automaten und eine Eistruhe am Betrieb in Abersee und auf dem Hof von Lukas‘ Onkel in Thalgau.

Vorteile und Nachteile eines Automaten

Im Vergleich zu einem Hofladen kann ein Automat mehrfach punkten:
  • Er ist die ganze Woche rund um die Uhr geöffnet.
  • Der Personaleinsatz ist eher gering.
  • Der Kunde traut sich auch kleine Einkäufe wie nur einen einzelnen Joghurt zu kaufen.
  • Die Produkte können gut präsentiert werden.
  • Es ist kein Gebäude notwendig, allerdings macht eine Überdachung Sinn.
„Der größte Nachteil eines Automaten ist, dass an ihm keine Verkostungen möglich sind“, sagt Eisl. Außerdem habe jede Technik auch ihre Tücken, beispielsweise könne es passieren, dass kein Produkt aus dem Automaten kommt. Außerdem fehle der Kundenkontakt.
Weil die Kunden das Schafmilcheis auch am Hof kaufen und nicht extra nach Salzburg fahren wollten, entschied sich die Familie für das Aufstellen einer Eistruhe, die sie mit den verschiedenen Speiseeisprodukten in Gläsern und Bechern bestückt. Die Bezahlung erfolgt auf Vertrauensbasis. Die Überlegung einen Tiefkühlautomaten zu kaufen, hat die Familie wegen der hohen Investitionskosten von mindestens 10 000 € wieder verworfen. „Die Eistruhen, eine am Betrieb und eine auf dem Hof meines Onkels, sind bereits die vierte Saison im Einsatz und wir hatten nie technische Probleme“, versichert der Biobauer. Außerdem sei sie für den Kunden ganz einfach zu bedienen: Deckel auf, Eis herausnehmen, Deckel zu und Geld einwerfen.
Weil es kein Wechselgeld gibt, muss der Kunde das Geld immer passend dabei haben. „Aufgrund dessen haben wir natürlich einen gewissen Schwund, der sich auf rund fünf Prozent beläuft.“ Interessant sei, dass in der Nebensaison, in der mehr Einheimische als Touristen Eis kaufen, die Kasse so gut wie immer stimmt.
Aber die kleine finanzielle Einbuße sei zu verkraften und stehe in keinem Verhältnis zur Anschaffung eines Tiefkühlautomaten. „Heuer werden wir am Betrieb sogar eine zweite Eistruhe aufstellen, weil der Bedarf über die Sommermonate stark gestiegen ist.“ Das Verkaufsvolumen von Käse und Joghurt über die Selbstbedienungsautomaten beläuft sich auf rund 8 % des Jahresumsatzes, beim Eis über die Gefriertruhen auf 20 %.

Kobl-Konzept: Hofladen 2.0 im Holzcontainer

Peter Gadermaier aus Neuhofen (Oberösterreich) stellte sein „Kobl-Konzept“ für den Verkauf seiner eignen und regionaler Bio-Produkte vor. Auf 50 ha Ackerfläche kultiviert die Familie Kartoffeln, Dinkel, Ölkürbisse und Erdbeeren. Zusätzlich werden Ackerbohnen und Rotklee zur Saatgutvermehrung und Bodendüngung angebaut. Als der Hof „Koblstatt“ vor zwölf Jahren auf den ökologischen Landbau umgestellt wurde, sei die Nachfrage der Bevölkerung nach Bioprodukten ab Hof immer lauter geworden. Dem Verkauf von Kartoffeln direkt aus der Lagerhalle folgte bald ein Kartoffel-Selbstbedienungsautomat. Außerdem baut das Landwirtepaar auf zwei Feldern Erdbeeren an, auf denen sie die Kunden auch selbst pflücken konnten.
„Wir mussten aber bald feststellen, dass ein Kartoffelautomat allein zu wenig ist, um einen größeren Kundenkreis anzusprechen.“ So entschloss sich die Familie einen Bio-Selbstbedienungsladen zu eröffnen. Entstanden ist aber nicht ein üblicher Hofladen, sondern eine moderne mobile Box – der „Kobl“ –, der jederzeit mit einem Kran an einen anderen Standort versetzt werden kann. Seine Architektur und das ansprechende Design sollten bei der Bevölkerung einen „Wow-Effekt“ auslösen und sie zum Einkaufen beflügeln, so Gadermaier. „Unser Ziel war, den Kunden ein besonderes Einkaufserlebnis zu bieten.“ Der Kobl wurde in Vollholzbauweise aus heimischer Fichte von einem regionalen Betrieb gefertigt.

Verkaufsstätte für knapp 40 Bauern

Die Verkaufsfläche des Kobls beläuft sich auf 12,5 m2 und ist mit rund 500 Produkten bestückt. Familie Gadermaier konnte nämlich knapp 40 regionale Bio-Berufskollegen für ihr Kobl-Konzept begeistern. Neben den Produkten vom Biohof Koblstatt finden sich im Sortiment auch Milch, Käse, Obst, Gemüse, Müsli, Fruchtsäfte, Tees und vieles andere mehr von Biobetrieben im Umkreis von 10 bis 15 km. Der Kunde erhält also ein Bio-Vollsortiment, das regionaler nicht sein könnte“, betonte Gadermaier. Im Frühjahr bietet seine Frau Karin den Kunden auch selbstgezogene Paprika-, Tomaten und Auberginensetzlinge an. Eine gemütliche Lounge-Ecke lädt vor oder nach dem Einkaufen zum Verweilen ein.

Technisch in jeder Hinsicht up to date

Die Technik im Selbstbedienungsladen weist viele Raffinessen auf. Er ist vollklimatisiert und digitalisiert, den Zutritt erhalten die Kunden mit Hilfe ihrer EC-Karte. Die Produkte werden über einen 3D-Scanner eingelesen und erscheinen auf einem Terminal. Bezahlt wird mit Bankomat-, Kreditkarte oder Apple Pay.
Das neuartige Verkaufskonzept wurde im Oktober 2019 auf dem Hof „Koblstatt“ eröffnet. Der Kobl ist zusätzlich mit einem Warenwirtschaftssystem gekoppelt. Damit erhält der Biobauer alle Informationen auf sein Handy, beispielsweise darüber, welche Waren wieder zu bestücken sind oder welche er bei seinen Berufskollegen bestellen muss. Ein Vorteil für die Zulieferer seien die planbaren Abnahmemengen. „Zusätzlich können wir auch kleine Biobauern fördern und ihnen eine Bühne bieten.“

In der Direktvermarktung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das Video stellt exemplarisch ein Start-up vor:

Mit dem Frühjahr soll ein „Kobl 2.0“ in der Gemeinde Tumeltsham nördlich der Stadt Ried im Innkreis seine Tür öffnen. Im neuen Kobl wurde die Verkaufsfläche auf 22 m2 vergrößert. Außerdem ist er mit einer energieeffizienteren Kühlung ausgestattet. Künftig will Gadermaier auch Berufskollegen in anderen Regionen sein Kobl-Konzept als Franchise-System anbieten. „Auf diese Weise soll sich eine Win-win-Situation zwischen Kunden, Lieferanten, Kobl-Franchise-Partnern, Gemeinden und der Umwelt entwickeln.“