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Biobetrieb

Marktkonzept: Melisse, Milch und Fleisch

Vor zwei Jahren startete das Pilotprojekt „Granit-Lavendel“ mit sechs Betrieben, darunter dem Betrieb Falkinger in Putzleinsdorf. Die erste Ernte im Jahr 2021 war zwar nicht gerade umwerfend, aber qualitativ sehr erfolgversprechend.
Patrizia Schallert
am Mittwoch, 02.11.2022 - 08:11

Auf dem Biobetrieb von Familie Falkinger werden seit 25 Jahren Kräuter angebaut, seit Kurzem auch Lavendel – ackerbaulich eine Herausforderung. Weitere Standbeine sind Milchkühe und eine Kälbermast.

Ein kleines Stück Südfrankreich erwartet den Spaziergänger im Mühlviertel bei Putzleinsdorf am Biobetrieb der Familie Falkinger in Oberösterreich. Dort leuchten ihm violette Lavendelblüten entgegen, auf denen zahlreiche Insekten summen und brummen. Die aromatischen Kräuter werden an die „Österreichische Bergkräutergenossenschaft“ in Hirschbach im Mühlkreis vermarktet. „Die blühenden Felder sehen nicht nur schön aus, auch die Qualität des Lavendels stimmt“, freut sich Biobauer Michael Falkinger.

Im Sommer 2020 haben sich die Familie Falkinger und fünf weitere Betriebe auf das Pilotprojekt „Granit-Lavendel“ eingelassen (siehe Seite 18). „Mit unterschiedlichen Anbauweisen und sechs verschiedenen Sorten wollen wir testen, ob der Lavendel überhaupt „mühlvierteltauglich“ ist und welches Potenzial er in unserer Region im Klimawandel hat“, erklärt Falkinger. Noch im Herbst wurden die kleinen Lavendelpflanzen in Mypex-Folien eingesetzt, diese am Rand mit Erde beschwert und die Fahrspuren mit Grassamen eingesät.

Lavendel-Versuch halbwegs geglückt

Seine Frau Theresa teilt mit Michael Falkinger die Leidenschaft für den Kräuteranbau.

Als der Winter ins Land zog, bangte die Familie, ob der Lavendel die kalte Jahreszeit überstehen wird, weil er eine verdächtig dunkle Farbe annahm. „Im Frühjahr war zwar die Fahrspur schon grün, aber bei den Lavendelpflanzen hatte sich überhaupt nichts getan. Sie sahen immer noch aus wie ein halbes Jahr zuvor.“ Im Mai liefen die Pflanzen schließlich voll auf und die Blüten entwickelten sich bis zum August in ihrer vollen Pracht. „Auch wenn die Erntemenge Anfang September nur gering ausfiel, allein der blühende Lavendel war ein Traum anzusehen und die Qualität hat ebenfalls gepasst.“ Künftig will der Biobauer die Lavendelanbaufläche von derzeit 0,2 ha noch ausweiten.

25 Jahre Erfahrung im Kräuteranbau

Lavendel ist freilich nicht die einzige Kultur auf dem Betrieb Falkinger. Neben der Milchviehhaltung haben sich Michaels Eltern Marianne und Hubert seit 1997 dem Anbau von Kräutern gewidmet. Auf einer Fläche von 3,2 ha werden neben Zitronenmelisse Weiße Melisse, Liebstöckel, Lavendel, Schabzigerklee und Korianderblatt kultiviert. Der Anbau variiert jährlich je nach Bedarf der Bergkräutergenossenschaft, der Michael Falkinger seit zwei Jahren als Obmann vorsteht.

Im Kräuteranbau kann der Junglandwirt nicht nur auf den jahrzehntelangen Erfahrungsschatz seiner Eltern zurückgreifen, sondern auch auf das Wissen von zwei benachbarten Biobauern, die zusätzlich zur Milchviehhaltung Kräuter kultivieren. Gemeinsam haben die drei Familien in eine Halle, den „kräuterpunkt neundling“, für die Trocknung, Lagerung und Verarbeitung der Kräuter investiert. Die benötigten Traktoren und Maschinen, darunter Hackgeräte, Striegel und Fräse für den Kräuteranbau werden ebenfalls gemeinschaftlich genutzt.

Der Ackerbau ist Michaels große Leidenschaft

Als passionierter Ackerbauer kontrolliert Michael Falkinger nahezu täglich seine Kulturen.

„Während der Vegetationszeit bin ich täglich auf den Feldern, um das Wachstum und den Gesundheitszustand der Pflanzen zu beobachten.“

Falkinger fährt zwei Fruchtfolgen. Auf den Kräuterflächen, also den eher ebenen Flächen, drei Jahre Kleegras, drei Jahre Kräuter, ein bis zwei Jahre Triticale-Erbsen-Gemenge und auf den steileren Flächen, die sich nicht für den Kräuteranbau eignen, zwei Jahre Kleegras, ein Jahr Silomais, zwei Jahre Triticale-Erbsen-Gemenge. Als Winterzwischenfrucht wird Grünschnittroggen eingesetzt. Die Sommerzwischenfrucht wählt Falkinger nach Wetterlage und Bauchgefühl. „Kleegras ist eine hervorragende Vorfrucht für den Kräuteranbau, weil es einen unkrautfreien Acker hinterlässt.“

Viele Kräuter werden als Pflanzen gesetzt

Bei der Bodenbearbeitung setzt der Biobauer je nach Situation den Pflug, die Fräse und den Grubber ein. Ende April/Anfang Mai werden die Kräuterjungpflanzen von der Gärtnerei in Kisten angeliefert. „Meistens müssen sie vor dem Aussetzen noch etwas wachsen und bewässert werden“, erklärt Falkinger. Die Kräuterpflanzen in den kleinen Pressballen werden mit der Setzmaschine dreireihig mit 50 cm Abstand ausgebracht. Drei bis sieben Tage nach dem Pflanzen wird erstmals der Striegel eingesetzt. Es sei schwierig, das Gerät dabei gut und effektiv, aber nicht zu aggressiv einzustellen.

Anschließend kommt das dreireihige Hackgerät zum Einsatz. „Hier ist die richtige Einstellung sehr wichtig, das kann oft bis zu einer Stunde dauern. Jede Minute, die ich für die genaue Einstellung investiere, erspart stundenlanges händisches Unkrauthacken.“ Seit heuer erleichtert ein GPS-System die Arbeit am Acker.

Unkrautregulierung ist eine Herausforderung

Unter den Kräutern gibt es auch Saatkulturen wie Malve, Drachenkopfmelisse oder Korianderblatt. Sie werden mit einer Gemüsesämaschine auf der vorbereiteten Fläche ausgebracht. Weil die meisten Saatkulturen sehr flach ausgebracht werden, müssen sie mit der am Traktor angebauten Reihenbewässerung versorgt werden, um den Aufgang der Kulturen zu gewährleisten.

Die Unkrautbekämpfung sei beim Saatgut noch schwieriger als bei Pflanzgut. Deshalb setzt Falkinger in der Regel zehn bis 20 % mehr Saatgut ein. Als geeignetes Gerät zur Unkrautregulierung habe sich die Hohlscheibe bewährt. „Sie ist zwar heikel einzustellen, aber es gibt nichts Besseres. Mit ihr kann extrem nah an den Pflanzen gearbeitet werden.“

„Das Wichtigste vor der Ernte ist die Unkrautkontrolle“, betont der Landwirt. Alle Beikräuter im Bestand, vor allem Giftpflanzen, müssen raus. Manche Kulturen werden nur einmal jährlich, andere mehrmals geerntet. Mit einem De-Pietri-Vollernter werden die Kräuter geschnitten und über ein Gummiförderband locker in den Bunker transportiert. Dadurch sei eine schonende Ernte ohne Druckstellen oder Quetschungen möglich. Nach der Ernte erfolgen die aufwendige Trocknung und Aufbereitung der Kräuter. Anschließend werden sie in großen Plastiksäcken auf Abruf der Genossenschaft gelagert.

Probleme mit Saatgut, Wetter und Giftpflanzen

Erfolg durch Vielfalt: Mit der Milchviehhaltung, Rindermast, Produktion von hofeigenem Futter und dem Kräuteranbau streut die Familie Falkinger in Putzleinsdorf im Mühlviertel das betriebswirtschaftliche Risiko.

„Die Herausforderungen im Kräuterbau sind groß und es ist nicht immer alles so einfach, wie es scheint“, sagt Falkinger. Es sei bisweilen schwierig, entsprechendes Saat- oder Pflanzgut zu bekommen, und es gebe nur wenig Kenntnisse zu den Sortenunterschieden. Die Literatur gebe oft unterschiedlichste Meinungen im Kräuter- und Gewürzbau wieder, die nur schwer einzuordnen seien. „Am besten ist es immer noch, selbst auszuprobieren, welche Kultur auf welcher Fläche am besten funktioniert“, ist der Landwirt überzeugt.

Eine weitere Herausforderung seien Starkwetterereignisse, die eine ganze Ernte und somit das gesamte Einkommen aus dem Kräuteranbau vernichten können. Im Übrigen spiele die Witterung eine große Rolle für die Qualität der Kräuter.

Zu berücksichtigen sind auch die Kosten der Unkrautregulierung. „Häufige Niederschläge behindern die maschinelle Bearbeitung und erfordern eine zeitaufwendige händische Regulierung.“ Zusätzliche Probleme könnten Einträge von Pflanzenschutzmitteln aus konventionellen Nachbarflächen oder mitgeerntete Giftpflanzen sein. „Außerdem muss die Mikrobiologie am Acker passen.“

Als Michael Falkinger 2015 den Betrieb übernommen hatte, konnte er vier Jahre später einen Stall und Flächen dazu pachten, die direkt an die eigenen grenzen. Der Landwirt nutzte die Chance und baute die Rindermast aus. Alle am Betrieb geborenen Kälber werden seither entweder nachgestellt oder gemästet. Bei Bedarf kauft die Familie Kälber von Berufskollegen aus der Region zu. Das Futter für das Milchvieh und die Masttiere stammt aus eigenem Anbau.

Nach der Zupacht eines Stalls und weiterer Flächen in Hofnähe hat der Bio-Milchvieh- und Ackerbaubetrieb Falkinger die Rindermast ausgedehnt.

Während der Vegetationszeit haben die Milchkühe und Masttiere Tag und Nacht Zugang zur Weide. „Die Weidemast funktioniert gut und ich bin angesichts des geringen Aufwands, den wir betreiben, mit den Tageszunahmen recht zufrieden.“ Außerdem verschafft die Weidehaltung der Familie mehr Zeit für den Kräuteranbau. Den möchte Falkinger trotz aller und vielleicht auch genau wegen der besonderen Herausforderungen nicht missen, denn eine gute Ernte sei aller Mühen schönster Lohn. „Ich bin überzeugt, dass unser Betrieb deshalb gut läuft, weil die ganze Familie immer zusammenhält. Ein vielfältig aufgestellter Betrieb streut nicht nur das Risiko, sondern macht das Arbeiten interessanter und abwechslungsreicher.“

Die Österreichische Bergkräutergenossenschaft

Die Österreichische Bergkräutergenossenschaft wurde 1986 in Sarleinsbach (Bezirk Rohrbach) gegründet (s. auch Wochenblatt 27/2019, Regionalteil Österreich, S. 16). Seit 1997 liegt ihr Sitz mit dem Verkaufsladen „Kräuterei“ in Hirschbach (Bezirk Freistadt), ein weiterer Standort ist in Bad Leonfelden (Bezirk Urfahr-Umgebung) geplant. Im Online-Shop können sich die Verbraucher von der Vielfalt der Produkte überzeugen und bei der Bestellung aus dem Vollen schöpfen. Ganzjährige Führungen von Montag bis Freitag werden ebenfalls angeboten.

Der Genossenschaft sind 115 Mitglieder aus ganz Österreich angeschlossen. Derzeit liefern 50 vornehmlich im Mühlviertel und in Oberösterreich ansässige Biobetriebe ihre Kräuter. „Jeweils im November finden Sitzungen der Anbauer statt, bei denen die Anbauflächen und Erntemengen festgelegt und die Preise fixiert werden“, erklärt Obmann Michael Falkinger. „Die Bauern produzieren zu festgelegten Preisen und einer fixen Ernteabnahme für eine bestimmte Zeit.“ Trocknung und Verarbeitung der Kräuter erfolgen auf den Betrieben, damit bleibt ein großer Teil der Wertschöpfung bei den bäuerlichen Familien. Außerdem werden Treueprämien ausbezahlt und der Erfahrungsaustausch untereinander sei äußerst wertvoll.

„Wir sind ständig auf der Suche nach Betrieben, die für die Genossenschaft Blattkräuter wie Zitronenmelisse, Blattgewürze wie Liebstöckel oder Druschgewürze wie Kümmel anbauen.“ Interessierte Bäuerinnen und Bauern können sich beim Obmann unter Tel. 0664-5356277 melden.

Pilotprojekt „Granit-Lavendel“

Der De-Pietri-Vollernter schneidet die Kräuter und legt sie mit einem Förderband im Bunker ab. Er garantiert eine schonende Ernte.

Die Bergkräutergenossenschaft in Hirschbach ist Teil eines Projektteams, das den Lavendel erstmals in Oberösterreich für die Lebensmittelproduktion in Bioqualität anbaut. Der „Granit-Lavendel“ soll ein neues Markenzeichen der Region nördlich der Donau werden. An der Etablierung des Lavendelanbaus im Mühlviertel arbeiten drei Partner: die Bergkräutergenossenschaft, das Biokompetenzzentrum Schlägl und das Maschinenbauunternehmen Mittermair.

Im Klimawandel sehen sie eine Chance, die wärmeliebende Pflanze in Österreich zu kultivieren. Das Biokompetenzzentrum begleitet sechs Landwirte beim Lavendelanbau wissenschaftlich und praktisch. Johannes Mittermair entwickelt mit den Landwirten eine schonende automatisierte Erntetechnologie. Ebenso wird an effizienten Lösungen zur Trocknung des Lavendels und zur präzisen Trennung von Blatt, Blüte und Stängel gearbeitet. Als Alternative zu importiertem Lavendel soll der Granit-Lavendel regionale Wirtschaftskreisläufe fördern, indem die gesamte Wertschöpfung in der Region erfolgt. Aufgrund des Trends zur gesunden Ernährung, Naturkosmetik und Naturheilkunde zeigt sich eine starke Nachfrage nach Lavendelprodukten.

Betriebsspiegel Falkinger

  • Familie: Michael (31, Betriebsführer, Absolvent landwirtschaftliche Fachmatura, Kuh-, Boden- und Weidepraktiker), Theresa (31, LW-FA, Volksschullehrerin). Eltern des Betriebsführers: Marianne (66, ausgebildete Familienhelferin), Hubert (73, LW-Meister)

  • Flächen/Kulturen: 22 ha Grünland, 16,5 ha Acker (Fläche großteils arrondiert), 6,5 ha Wald. Kulturen: Kräuter (Lavendel, Zitronenmelisse, Weiße Melisse, Liebstöckel, Schabzigerklee, Korianderblatt), Luzerne-Rotkleegras, Triticale/Erbsengemenge, Silomais, Grünschnittroggen als Winter-Zwischenfrucht, Sommer-Zwischenfrucht je nach Wetter

  • Tiere: 17 Fleckvieh-Milchkühe mit Nachzucht, 1 Limousin-Stier zur Deckung von April bis Oktober

  • Milch: Durchschnittliche Stallleistung 7500 kg. Lieferung an die Marke „Zurück zum Ursprung“

  • Fütterung Milchvieh: Sommer: Weide und Maissilage, Winter: Grassilage und Heu, Kraftfutter

  • Fütterung Aufzucht: 4 – 8 Monate: Stundenweide, Kraft- und Grundfutter im Stall. 8 – 16 Monate: Ganztagesweide, Grundfutter im Stall. Ab16 Monate: Vollweide

  • Fütterung Mastrinder: Weidemast der Kälber, Endmast im Stall mit Triticale-Schrot.

  • Vermarktung: Biokräuter an die „Österreichische Bergkräutergenossenschaft“, Mastrinder an Biofleisch-Direktvermarkter und regionale Viehhändler.

  • Mit ihren Standbeinen Milchviehhaltung, Rindermast, Produktion von hofeigenem Futter und dem Kräuteranbau streut die Familie Falkinger in Putzleinsdorf im Mühlviertel das betriebswirtschaftliche Risiko.

  • Seit 2020 wird auf dem Bio-Betrieb im Rahmen eines Pilotprojekts „Granit-Lavendel“ angebaut.

  • Seit vielen Jahren besteht eine Maschinenkooperation mit zwei benachbarten Biolandwirten. Außerdem haben die drei Familien in den „kräuterpunkt neundling“ – eine Halle für die Trocknung, Lagerung und Verarbeitung der Kräuter – investiert

  • Die Kräuter werden für die „Österreichische Bergkräutergenossenschaft“ mit ihrem Obmann Michael Falkinger angebaut.